„Es lebe unser heiliges Deutschland!“ (Michael Hein auf dem Burschentag 2004).
Schon von Weitem fällt das Haus in der Stahlbergstraße 33 in Mainz auf: Weht doch an ihrer Fassade eine Flagge mit den Farben weiß-rot-gold – von unten gelesen, wie es bei einigen Bünden Brauch ist. Ebenfalls außen angebracht ist das verschnörkelte Zeichen, der „Zirkel“, der eindeutig auf die Präsenz einer Studentenverbindung hinweist: Hier residiert die Germania Halle zu Mainz und hält die Fahne der Burschenschaften hoch, die doch in den letzten Jahrzehnten so sehr gebeutelt wurden, zerrissen von inneren und äußeren Kämpfen um das „heilige Deutschland“, das Mensurenschlagen und den Nimbus des Rechtsextremismus.
„Burschis“ ist der Pauschalbegriff vieler Außenstehender für die seltsam kostümierten, waffentragenden und ritualisiert trinkenden Studentenverbindungen. Dabei sind eben nicht alle Verbindungen Burschenschaften, wenn sie doch zahlreiche strukturelle Gemeinsamkeiten haben. (s. „Strukturen, Rituale und Diskurse“) Insgesamt kann man in dem – mittlerweile unübersichtlichen – Feld der Burschenschaften noch immer mit gut 120 aktiven Einzelverbindungen rechnen, die sich auf verschiedene Verbände und Kartelle verteilen. In Österreich gibt es etwa 36 Bünde und eine weitere Handvoll in der Schweiz und Südamerika. In Deutschland beläuft sich die Zahl der echten studierenden Burschenschafter wohl auf unter Tausend – was 2015 einen Anteil von etwa 0,04 Prozent an der studierenden Bevölkerung ausmacht.
Und diese winzige Minderheit ist mehr als zerstritten. Denn es geht unübersichtlich zu bei den Burschenschaften, und zwar weil sich gerade in den letzten Jahren viele Verbindungen von dem Verband der „Deutschen Burschenschaft“ (DB) distanziert haben – nicht zuletzt viele Burschenschaften selber, die austraten wegen der extrem Rechten, die immer mehr die Oberhand gewannen. Das Stichwort „Treue“ ist oft zu lesen in den Protokollen der Burschentage, die 2011 mit zahlreichen anderen Dokumenten an die Öffentlichkeit gerieten – „geleakt“ wohl von unzufriedenen Burschen, die die rechten Tendenzen im Verband offenlegen wollten und dachten damit den urburschenschaftlichen Idealen „Ehre – Freiheit – Vaterland“ am besten zu dienen.
Denn Treue und Einheit sind einerseits die höchsten Werte der Burschenschaften, die aus den napoleonischen Befreiungskriegen als nationale Einigungsbewegung hervorgingen. Deutschland einigen wollten die Burschen im 19. Jahrhundert, deswegen gaben sie auch das alte landsmannschaftliche Prinzip der alten Verbindungen auf und benannten sich „Germania“, „Teutonia“, „Arminia“ – deutsche Mythen und Identifikationsfiguren, die gegen die Kleinstaaterei stehen sollten. (zu diesen Mythen s.a. Interview Eveline Bouwers, sobald veröffentlicht)
Andererseits ist die DB eben kein stramm hierarchischer, geschweige denn diktatorischer Bund, in dem nur die Meinung der Amtsträger zählt. Alle Bünde und ihre Altherrenvereine sind auf den „Burschentagen“ vor Pfingsten stimmberechtigt und durchaus auf ihre Autonomie bedacht. Freilich sind die Burschen schon in ihrem Bund sozialisiert und überhaupt können nur sehr bestimmte Menschen Mitglied werden (s.u. sowie den Teil zu „Strukturen, Ritualen und Diskursen“). Aber wer einmal Bursche ist, will treu sein, und so wenden sich eben auch viele gegen den einigenden Verband.
Ein Beispiel: Die Burschenschaft Arminia Jena auf dem Burgkeller, die sich als Traditionsträger der „Urburschenschaft“ sieht, trat 2007 aus der DB aus. Vorher war sie u.a. durch einen Antrag gegen verfassungsfeindliche Umtriebe von Burschenschaften in Erscheinung getreten. Scheinbar ging es den Jenaer Burschen schon bald zu weit und sie kündigten als Mitbegründerin der burschenschaftlichen Bewegung ihrem Dachverband, was als vorläufige Bankrotterklärung einer fast 200-jährigen Geschichte gewertet werden kann. Dieser Schritt dürfte der Verbindung nicht leicht gefallen sein.
In einem unnachahmlichen Manöver kehrten aber einige Arminen als neu gegründete „Alte Burgkellermannschaft Jena“ in die DB zurück (s.u.) und wurden dort mit ziemlich offenen Armen empfangen. Die Burschenschaft ist also schon immer heterogen gewesen, aber eins steht vorläufig fest: Diese Heterogenität ist heute nicht mehr gegeben.
Laut Homepage hat die „Deutsche Burschenschaft“ (DB) etwa 15 000 Mitglieder in mehr als 120 Burschenschaften. Das dürfte nicht mehr die Realität sein, da der Verband zahlreiche Mitglieder verloren hat. Für das Jahr 2017 sind namentlich 69 Burschenschaften aufgeführt. Die ziemlich genau doppelte Eingangszahl weist darauf hin, dass die DB die den einzelnen Verbindungen angeschlossenen Altherrenvereine als eigene „Burschenschaften“ zählt. Zum Schönrechnen haben die Korporierten allen Grund: Wenn man alle aktuellen Zahlen hochrechnet, bleiben dem Verband nur etwa 300 Studenten und 3000 Alte Herren (s.u. „Mitgliederzahlen“). In Mainz gibt es die Burschenschaft Germania Halle, die der DB angehört.
Die DB hat die Farben schwarz-rot-gold und das Motto „Ehre, Freiheit, Vaterland“, dessen Ausgestaltung bis heute Gegenstand heftigster Kontroversen ist. Die historische Bedeutung der Burschenschaft liegt in der eingangs erwähnten, versuchten nationalen Einigung und ihren wichtigen Kulminationspunkten des ersten Wartburgfestes 1817 sowie des Hambacher Festes 1832, mitsamt ihren vormärzlichen Unruhen, die schließlich zur versuchten Revolution 1848 führen sollten. An all diesen Entwicklungen hatten Burschenschafter teil.
Organisatorisch gesehen handelt es sich bei der DB um eine Körperschaft, die aus Mitgliedsvereinen und -Personen besteht. Das oberste Organ der DB ist der jährliche Burschentag, bei dem alle Mitgliedsvereine stimmberechtigt sind. Der Verband wird von einer jährlich wechselnden vorsitzenden Verbindung vertreten. Es gibt einen Verbandsrat, der zwischen den Burschentagen Entscheidungen trifft, sowie einen wichtigen Rechtsausschuss. Dieser bearbeitet vor allem Anfragen, die Anträge und Grundsätze der DB betreffen; außerdem leitet er Untersuchungen bei Verdacht auf Verstöße gegen die Grundsätze der DB und auf Straftaten o.ä. ein.
Die DB bringt vier Mal im Jahr ihre Zeitschrift Burschenschaftliche Blätter heraus.
Entscheidungsgremium ist auf der Ebene der Einzelverbindungen der Burschenconvent, also die Versammlung der bereits aufgenommenen Mitglieder der einzelnen Verbindung. Füxe, also Neumitglieder, haben hier in der Regel kein Stimmrecht. Jede aktive Verbindung entsendet stimmberechtigte Vertreter zum Burschentag, der die Verbandsentscheidungen trifft bzw. bestätigt.
Seit der Wende 1989 fand der Burschentag eine Woche nach Pfingsten u.a. auf der Wartburg in Eisenach in Thüringen statt, die seit dem ersten Wartburgfest 1817 der zentrale Identifikationspunkt der Burschenschaften ist. 2014 verweigerte jedoch der Stiftungsrat der Wartburg der DB die Lokalität aufgrund anhaltender „rechtsextremer Tendenzen“. (Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/burschentag-burschenschafter-duerfen-nicht-auf-wartburg-feiern-a-974565.html).
Wie bereits gesagt, verzeichnet die Homepage der DB im Jahr 2017 69 Mitgliedsbünde. Dies bedeutet einen Rückgang in der Anzahl der Bünde seit 2010 von knapp einem Drittel. Hochgerechnet könnte es sich absolut um Mitgliedszahlen von 220–320 Aktiven und 2000–3000 alten Herren drehen.
Zum Vergleich: Die DB hatte 2001 etwa 1460 Studenten in 95 Bünden und etwa 12 140 Alte Herren. Zehn Jahre später waren es nur noch etwa 700 Aktive in 94 Verbindungen und etwa 7680 Alte Herren. Das bedeutet schon für diesen Zeitraum einen Mitgliederrückgang unter den Studenten um etwa die Hälfte, die Zahl der Alten Herren ist um ein gutes Drittel zurückgegangen. Grundlage hierfür sind die 2011 veröffentlichten internen Dokumente des Verbandes.
Die zwischenzeitlich gestiegene Anzahl von aktiven Bünden zeigt einerseits, dass der gesamte Verband sicher bemüht ist „Vertagungen“, also eine Inaktivierung, zu vermeiden, sicher auch deswegen, weil der jeweilige Einzelbund dann kein Stimmrecht mehr auf dem Burschentag hätte. Die DB kennt etwa das System von „Stützburschen“, die ihren Studienort temporär oder länger verlegen um eine Verbindung vor der Vertagung zu bewahren.
Andererseits zeigt dies auch, dass die einzelnen Burschen der DB weniger treu sind als die Verbindungen. Hier ist zu vermuten, dass die Altherren-Vereine ihren bewahrenden Einfluss gegenüber schnell entschlossenen jungen Studenten geltend machen.
Das hat sich aber geändert: Besonders 2009/10 hat die DB offenbar viele Mitglieder verloren, bis zu 1700 Alte Herren und etwa 500 Aktive. Grund dafür dürfte der Burschentag 2009 sein, auf dem es zu rassistischen Ausfällen kam (s.u. „Chronologie“). Dass viele seit 2010 viele Bünde ausgetreten sind, zeigt, dass in dieser Zeit das Vertrauen auch der Alten Herren in den Verband maßgeblich geschwunden ist.
Im Umkehrschluss gibt es heute damit natürlich wesentlich mehr Burschenschaften ohne Dachverband, sowie solche, die nur „Kartelle“ – Freundschaftsbeziehungen – bilden. Der Mitgliederverlust des Verbandes bedeutet also nicht zwingend, dass die absolute Zahl der „Burschenschaften“ und der „Burschenschafter“ in Deutschland abnimmt – wenn damit auch u.a. aufgrund eines demografischen Wandels zu rechnen ist. Nein, die einzelnen Burschenschaften machen sich nur gleichsam „selbständig“ oder schließen sich zu kleineren Verbänden zusammen, wie der „Neuen Deutschen Burschenschaft“. Das macht das Feld der Studentenverbindungen in den 2000er-Jahren noch unübersichtlicher als es ohnehin schon ist. Fest steht, dass es keine repräsentative Vertretung der Burschenschaften an sich gibt. Damit ist die burschenschaftliche Bewegung als nationale Vereinigungsbestrebung wohl gescheitert, denn sie kann nicht einmal die eigene Klientel zusammenhalten.
Dieses Scheitern sieht auch der Verband selbst ein. Auf dem Burschentag 2006 wird von Germania Hamburg in einem Antrag moniert, die DB sei zu sehr mit „Tradition“ und „Vergangenheitsbewältigung“ beschäftigt, sei so also in der aktuellen politischen Debatte „einflusslos“. Sie forderte Leitlinien einer christlich-nationalen Ausrichtung für die europäische Einigung. In diesem Rahmen wird „Gesinnungsdiktatur“ und eine „Multikultisierung“ der deutschen Gesellschaft durch „bildungsferne“ Flüchtlinge scharf abgelehnt; stattdessen die „Rückgewinnung“ deutscher Souveränität gefordert, die „existenzielle nationale Lebensfragen“ betreffen. (alle Zitate: Tagungsunterlagen Burschentag 2006, S. 66) Germania Hamburg bildet mit Frankonia Erlangen und Germania Halle Mainz das „Schwarzweißrote Kartell“, von dem der Antrag gestellt wird.
Die Philosophie, die hinter den kontroversen nationalen Bestrebungen der DB steht, ist der „volkstumsbezogene Vaterlandsbegriff“ (DB-Schnellinformation Nr. 14 im Geschäftsjahr 2009–2010; vgl. a. Volk, Staat, Nation, Vaterland – Grundbegriffe burschenschaftlicher Politik. in: Verlag BurschenDruck (Hg.): Handbuch der Deutschen Burschenschaft. Traunstein 2005, S. 243ff.), der in Artikel neun der Verfassung der DB erläutert wird:
„Die Burschenschaft bekennt sich zum deutschen Vaterland als der geistig-kulturellen Heimat des deutschen Volkes. Unter dem Volk versteht sie die Gemeinschaft, die durch gleiches geschichtliches Schicksal, gleiche Kultur, verwandtes Brauchtum und gleiche Sprache verbunden ist. Pflicht der Burschenschaften ist das dauernde rechtsstaatliche Wirken für die freie Entfaltung deutschen Volkstums in enger Verbundenheit aller Teile des deutschen Volkes, unabhängig von staatlichen Grenzen in einem einigen Europa in der Gemeinschaft freier Völker.“ (http://www.burschenschaft.de/burschenschaft-was-ist-das/kurzportrait-der-db.html, Stand 22.04.2016)
Vorher, in Artikel sieben, wurde „politische Freiheit“ definiert:
„Die politische Freiheit erblickt die Burschenschaft in der Gleichberechtigung aller Bürger sowie in dem Recht jedes einzelnen und jedes Volksteiles auf seine angestammte Heimat und auf die Selbstbestimmung über seine staatliche Zugehörigkeit.“ (http://www.burschenschaft.de/burschenschaft-was-ist-das/kurzportrait-der-db.html, Stand 22.04.2016)
Die Burschenschaft orientiert sich also an einem „Volk“ und nicht an einem Staat wie der Bundesrepublik Deutschland. Daraus leitet sich ihr Engagement für deutschsprachige Minderheiten im Ausland – etwa in Südtirol – ab. Denn als „wichtige deutsche Aufgaben“ definiert ein Rechtsgutachten im DB-Nachrichtenblatt vom April 2004 an der „Bewahrung bzw. Wiederherstellung eines die Staatsgrenzen übergreifenden gesamtdeutschen Nationsbewußtseins mitzuwirken und für die Aufrechterhaltung deutscher Rechtspositionen einschließlich des Rechts auf Selbstbestimmung für alle Teile der Gesamtnation einzutreten“. Denn es „umfaßt der Vaterlandsbegriff der DB den von Deutschen geschlossen bewohnten Raum Mitteleuropas einschließlich der ost- und sudetendeutschen Gebiete, aus denen die Deutschen völkerrechtswidrig vertrieben worden sind […].“ (DB-Nachrichtenblatt 290 vom 20. April 2004, S. 4f.) Dort ist auch die Rede von „völkerrechtlich weiter bestehenden Vermögensrechte[n]“. (a.a.O., S. 5)
Das Andenken an die Ostgebiete ist für die DB schlicht unauslöschlich. Der Burschentag 2008 schloss mit „dem Gedenken an die Universitätsstädte in den verlorenen Gebieten.“ (Protokoll Burschentag 2008, S. 34) Der Verband hat einen eigenen „Burschenschaftlichen Verein für nationale Minderheiten- und Volksgruppenrechte in Europa e.V“., der „deutsche Volkstumsarbeit“ leistet. In den Unterlagen zum Burschentag 2011 wird von gestiegenem Medien- und allgemeinem Interesse für die „Zukunft des Deutschtums in Europa“ berichtet. 14 Mio. Deutsche sollten demnach in den europäischen Staaten siedeln. Laut Bundeszentrale für politische Bildung handelt es sich aber nur um wesentlich weniger Menschen. (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung: Auslandsdeutsche, Quelle: http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/handwoerterbuch-politisches-system/201982/auslandsdeutsche, Stand: 13.06.2016). Der Verein unternimmt Fahrten in den Banat, nach Siebenbürgen, nach Slowenien u.a., bei denen das „erfrischende nationale Selbstbewusstsein der in ihren Herbergsstaaten lebenden Volksdeutschen“ vom Vorsitzenden Bruno Burchhart gelobt wurde. (Tagungsunterlagen Burschentag 2008, S. 31) Es gab auch bis 2011 einen „Ostpreußenbeauftragten“, der etwa Fahrten nach Gwardeisk (dt.: Tapiau) organisierte und Sachspenden verteilte. Hierzu passend schrieb – ausweislich des alten Readers von 2001 – Klaus Oldenhage im Handbuch der DB noch 1985: „Das Deutsche Reich in den Grenzen vom 31. Dezember 1937 besteht nach herrschender völkerrechtlicher Auffassung fort.“ (Handbuch der Deutschen Burschenschaft 1984, zit. nach Plast 2001, S. 59) Ein Jahr später hieß es demnach in den Burschenschaftlichen Blättern, 1945 hätten nur die Streitkräfte kapituliert, das Reich bestehe fort, sei aber handlungsunfähig. (Burschenschaftliche Blätter 3/85 S. 69, zit nach: Plast, Hans A.: herrschaftszeiten nochmal!, Mainz 2001) Auch 2005 wird diese Auffassung bestätigt. (vgl. Verlag BurschenDruck (Hg.): Handbuch der Deutschen Burschenschaft. Traunstein 2005, S. 263f.)
Im Jahr 2011 – die Spaltung der DB war da voll im Gange (s.u.) – betonte ein Artikel in den Burschenschaftlichen Blättern noch einmal die Wichtigkeit der „Volkstumsarbeit“: „(…) durch die bevorstehende Kroatien-Aufnahme ist (fast) das gesamte deutsche Volk erstmals freiwillig unter einem gemeinsamen Dach: Eine faszinierende Zukunftsperspektive!“ Nunmehr sei der „Volkstumsverein” direkt im Verbandsrat angesiedelt, was ein „ausgewiesener Vertrauensbeweis für die Wichtigkeit von dessen Arbeit” sei. (alle Zitate: Aufruf zur burschenschaftliche Volkstumsarbeit, ohne Namensangabe, 24.09.2011. Quelle: http://www.burschenschaftliche-blaetter.de/netzversion/detailansicht/browse/7/meldung/395/aufruf-zur-b.html)
Da die DB per Grundsatz zum „dauernde[n] rechtsstaatliche[n] Wirken für die freie Entfaltung deutschen Volkstums“ verpflichtet ist, verwundert nicht, dass viele Mitglieder Juristen sind, die ebendies professionell tun können. Als Ziel fasst der Burschentag 2010 aber zumindest implizit eine Grenzänderung ins Auge: „Der Einsatz für deutsche Minderheiten erfolgt unter Wahrung der derzeit bestehenden Staatsgrenzen, die nur auf friedlichem Wege geändert werden können.“ (Protokoll Burschentag 2010, S. 18)
Nach der Vorgängerausgabe dieses Reader definierte die DB: „Das Volk ist wie die Familie ein natürlicher Zusammenschluß“, so heißt es im DB-Handbuch (Handbuch Deutsche Burschenschaft 1984, zit. nach: Plast 2001, S. 59) Diese Naturalisierung von „Volk“ bereitet die biologische Begründung eines Ethnopluralismus vor (s. Kap. „Volk und Nationalismus“). Andererseits heißt es: „Jeder Versuch der Abwertung des Nationalbewußtseins ist deshalb als unmittelbarer Angriff auf das deutsche Volk anzusehen.“ (Handbuch Deutsche Burschenschaft 1984, zit. nach: Plast a.a.O., S. 59)
Die Definition der Zugehörigkeit zum deutschen Volk indes sorgt unter den Burschenschaften für heftigste Auseinandersetzungen. Über die ungenaue Konzeption der Schicksals- und Sprachgemeinschaft hinaus gehen einige Verbindungen, die ein biologisches Abstammungskriterium für die Zugehörigkeit zum deutschen Volk etablieren wollen. Diese sind oft mit der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (s.u.) verbunden sind, wie genannte Brixia Innsbruck.
Diese Programmatik der DB birgt erhebliches Konfliktpotenzial. Denn es handelt sich hier nicht mehr um Brauchtumspflege von deutschen Minderheiten im Ausland, sondern um die angestrebte völkerrechtliche und politische Autonomie derselben, außerdem die Rückgabe von Vermögen (was weiter unten gezeigt wird) und, im „Heimatrecht“ mindestens mitgedacht, von ganzen Gebieten an Deutschland bzw. die Vertriebenen. Da die Grundsätze des Verbandes „Ewigkeitswert“ haben, wie es Dr. Hans Merkel vom DB-Rechtsausschusses 2006 feststellte, sind auch diese aus ihr abgeleiteten politischen Forderungen für die DB nicht änderbar.
Man kann die DB nicht ohne ihre österreichischen Mitglieder verstehen. „Die deutschen Burschenschaften in Österreich vertreten seit jeher vehement die deutsche Identität Österreichs.“ (Unterlagen Burschentag 2008, S. 34) – Dieses Diktum der Grazer Akademischen Burschenschaft Cheruskia anlässlich ihres Aufnahmeantrages in die DB zum Burschentag 2008 zeigt die völkisch-nationale Rolle, die die österreichischen Burschenschaften allgemein spielen. Der heutige Verband Deutsche Burschenschaft umfasst seit dem sogenannten „historischen Kompromiss“ von 1971 deutsche und österreichische Bünde. Damals hatten liberalere Verbindungen ebendieser Aufnahme zugestimmt, die konservativeren hatten das pflichtschlagende Prinzip aufgegeben. (vgl. etwa http://www.rhenoalemannia.de/index.php/die-deutsche-burschenschaft-heute2) Seitdem hat es viele Reibereien gerade zwischen konservativen österreichischen und pragmatischen deutschen Bünden gegeben. Die Meinungsverschiedenheiten der politischen Lager haben letztlich den Verband „an den Rand der Handlungsunfähigkeit gebracht“ (Abschlussbericht der Regionalkonferenzen, 06.02.2010, S. 4), wie der Vize-Sprecher der DB Martin Hackel 2010 feststellte.
Schon seit 1922 umfasste die alte Deutsche Burschenschaft Bünde aus der damaligen ersten Republik Österreich. Die Fahne des „Einigungsburschentages“ aus diesem Jahr wird im Linzer Burschenschafterturm aufbewahrt, der seit 1971 von der DB unterhalten wird. Dieser Turm hat einen hohen symbolischen Wert, da er die einzige zentrale Gedenkstätte der Burschenschaft in Österreich ist. Die Burschenschaft Brixia Innsbruck bezeichnet 2007 den Turm als Symbol dafür, dass „es über Grenzen und die Einzelstaatlichkeit hinaus ein geistiges Band gibt, welches den gesamten deutschen Volks- und Kulturraum umfaßt.“ (DB-Nachrichtenblatt 299 vom 22.05.2007, S. 4)
Bis 1922 bestand in Österreich ein Verband „Burschenschaften der Ostmark“ (BdO). Der Begriff „Ostmark“ wird bis heute bisweilen von Burschenschaftern verwendet, so auf dem Burschentag 2008, als die Wiener Burschenschaft Teutonia den Einsatz „für die Einigung der Burschenschaften der Bundesrepublik Deutschland und der Ostmark“ hervorhob. (Protokoll Burschentag 2008, S. 13) Die immer noch bestehende „Deutsche Burschenschaft in Österreich“ verlor mit der Gründung der deutsch-österreichischen „Burschenschaftlichen Gemeinschaft“ (s.u.) 1961 sowie dem historischen Kompromiss weitgehend an Bedeutung.
Während in jüngerer Zeit von „der DB oft skeptisch gegenüberstehenden österreichischen Burschenschaften“ (Burschenschaft Brixia Innsbruck, Tagungsunterlagen zum Burschentag 2007, S. 52) die Rede war, sind diese in der Geschichte überwiegend großdeutsch und volkstumsbezogen geprägt. Ein DB-Referat von 2010 leitet dies aus dem „Bruderkrieg“ gegen Preußen 1866 her, der zu einem ungeliebten Eigenstaat geführt hätte. Das Habsburgerreich war demnach sowieso ein Vielvölkerstaat, die unvermeidlichen „kulturellen Vermischungen und Nivellierungen“ hätten also prinzipiell die „Verteidigung ihres deutschen Volkstums und den Erhalt ihrer kulturellen Identität als Deutsche“ nötig gemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Habsburgerreich zerschlagen und in den vielen „Exklaven“ mit deutschen Minderheiten, u.a. in Ungarn und auf dem Balkan, stellte die Wahrung deutscher Identität „ein neues und weites Aufgabengebiet für burschenschaftliche Betätigung dar“. (alle Zitate: DB-Nachrichtenblatt 308 vom 6. Februar 2010, S. 12)
„Süd-Tirol ist nicht Italien!“ (Czech, Alexander: Erfolgreiches Süd-Tirol-Seminar in St. Andrä bei Brixen, 07.11.2012, Quelle: http://www.burschenschaftliche-blaetter.de/netzversion/detailansicht/meldung/395/erfolgreiche-1.html, Stand 03.04.2015)
Die Besetzung Südtirols 1918 durch italienische Truppen stellt für österreichische Patrioten eine Störung der Einheit des deutschen Kerngebietes dar, was in den 1960er-Jahren auch zu Bombenanschlägen seitens Burschenschaften führte. Vier österreichische und drei deutsche Burschenschafter wurden dafür angeklagt, die Burschenschaft Olympia Wien zeitweise verboten. Auch die Verbindung Brixia Innsbruck gilt laut der Politikwissenschaftlerin Judith Götz als in den Terrorismus verwickelt. Während die Burschenschaften wohl eher Strommasten gesprengt haben dürften, hatten die gewaltsamen Aktionen bis 1988 21 Todesopfer und zahlreiche Verletzte gefordert. (Gasteiger, Marita: „Es geht nicht um die Menschen“, 05.02.2015, Quelle: http://www.salto.bz/article/05022015/es-geht-nicht-um-die-menschen, Stand 30.05.2017)
Noch 2012 wurde beim „Süd-Tirol-Seminar in St. Andrä bei Brixen“ von Werner Neubauer (FPÖ-Nationalratsmitglied, Schülerverbindung Gothia zu Meran) befriedigt festgestellt, dass „die Anschläge der letzten Jahrzehnte mit Zielen der Infrastruktur einen Rückgang der zügellosen Ansiedlung von Italienern in Tirol bewirkt hat.“ Der „perfide Plan Roms eine ’50 Prozent plus 1′-Mehrheit der Bevölkerung zu erlangen, wurde also erfolgreich verhindert.“ Die Zuhörer kamen nicht etwa nur aus Österreich, sondern von Burschenschaften aus Braunschweig, Dresden, Heidelberg, Innsbruck, Rostock, Saarbrücken, Stuttgart, Wien und sogar aus Concepción in Chile. (alle Zitate: Czech, Alexander: Erfolgreiches Süd-Tirol-Seminar in St. Andrä bei Brixen, 07.11.2012, Quelle: http://www.burschenschaftliche-blaetter.de/netzversion/detailansicht/meldung/395/erfolgreiche-1.html, Stand 03.04.2015)
Heute seien laut dem Publizisten Bernhard Weidinger Burschenschafter an den österreichischen Unversitäten „sehr sichtbar“ und träfen sich etwa jeden Mittwoch zum „Couleurbummel“. (alle Zitate: Weidinger, Bernhard in: punkt12: Akademische Burschenschaften und Politik in Österreich nach 1945, Radio Dreyeckland, Sendung vom 13.02.2015, Quelle: https://rdl.de/beitrag/akademische-burschenschaften-und-politik-sterreich-nach-1945, Stand 04.05.2016) Die Verbindungen seien demnach politisch allgemein relevanter als in Deutschland, aber nur aufgrund ihrer engen „Verzahnung“ mit der ultrakonservativen FPÖ, die in Österreich seit Jahren einen Stimmenanteil von 20 Prozent erhält. Nach Angaben des Spiegel ist jeder dritte FPÖ-Parlamentarier im Nationalrat ein Alter Herr einer Verbindung. (Kretschmer, Fabian: Rechte? Wir doch nicht, 25.01.2014, Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/fpoe-akademikerball-rechte-geniessen-ihre-opferrolle-a-945536.html, Stand 04.05.2016) Insgesamt beziffert Weidinger die Deutsch-Völkischen unter allen – nicht nur burschenschaftlichen – Verbindungen in Österreich auf maximal 5000.
Den „gesamtdeutschen“ Standpunkt vertritt besonders vehement seit ihrer Gründung 1961 die „Burschenschaftliche Gemeinschaft“ (BG), der auch die Mainzer Germania Halle angehört. Von Anfang an umfasste sie einen ausdrücklicheren Volkstumsbegriff und damit zunächst bundesdeutsche und österreichische Verbindungen. Dass sie bis heute weiter besteht, liegt wohl auch daran, dass sie strikt auf dem Fechten beharrt, während die DB seit dem „historischen Kompromiss“ von 1971 (s.o. „Österreich“) fakultativ schlagend ist.
Heute umfasst die BG nach eigenen Angaben 45 Bünde, die politisch im Spektrum ganz rechts stehen. Seit 2009 kam es immer wieder zu Eklats rassistischen Inhalts, die oft auf BG-Verbindungen zurückgingen. Am 27. Februar 2010 lud die Olympia Wien im Namen der BG den kanadischen Genetiker J. Philippe Rushton zum Vortrag ein. Der umstrittene Wissenschaftler hat eine Theorie erblicher Unterschiede zwischen der „asiatischen“, „weißen“ und „afrikanischen Rasse“ aufgestellt, nach der Asiatinnen und Asiaten etwa eine höhere Intelligenz und Gesetzestreue hätten, Afrikanerinnen und Afrikaner sich aber v.a. durch rasches Wachstum, hohe Kriminalität und HIV-Infizierung auszeichneten. Olympia Wien lobte diese „Rassenwissenschaft“ in ihrer Einladung. (Anhang zu DB-Schnellinformation Nr. 11 im Geschäftsjahr 2009/2010, 31.01.2010) Auch die BG-Verbindung Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn brachte auf dem Burschentag 2011 einen Antrag ein, der Mitgliederauslese aufgrund eines biologistischen Rassenmodells forderte.
Die BG ist immer für die Pflicht zum Fechten und für einen „gesamtdeutschen“ Verband inklusive Österreich eingetreten. Der volkstumsbezogene Vaterlandsbegriff, die Gebietsansprüche der Vertriebenen, das Militär sowie das Fechten sind so bei den ultrakonservativen Burschenschaften aufs Innigste miteinander verknüpft.
Somit kommen aus BG- bzw. österreichischen Kreisen regelmäßig Anträge auf den Burschentagen, die die Burschen per Grundsatzänderung zur Verteidigung des Vaterlandes anhalten wollen, und im Nachgang das Fechten verpflichtend einführen wollen. Auch bei Neuaufnahmen von Bünden wird stets im Bezug auf die „Mensurfrage“ um Mehrheitsverhältnisse geschachert.
Burschenschaften engagieren sich auch über Europa hinaus. Es gibt in Chile einen Burschenschafterverband, den BCB (Bund chilenischer Burschenschaften). Die DB finanziert jahrlich einem bis zwei Studenten einen Aufenthalt dort, wofür um die 13 000 Euro veranschlagt werden. Diese haben die Pflicht „mindestens vier Vorträge bei Burschenschaften in Chile zu halten sowie einen Bericht über das Deutschtum in Chile zu verfassen.“ (Protokoll Burschentag 2003, S. 7) Doch auch chilenisch-deutsche Verbindungsstudenten kommen nach Europa: So ist zur Zeit des schweren Erdbebens im Februar 2010 ein chilenischer Ingenieur und BCB-Funktionär in Stuttgart bei der Burschenschaft Hilaritas. Diese rief zu Spenden für die Burschenschaften in Chile auf. Auch in Praetoria, Südafrika, gibt es einen Verein Alter Burschenschafter. (DB-Schnellinfo Nr. 16 im Geschäftsjahr 2005/06 vom 26.06.2006, S. 5)
Die Ausführungen zur Vaterlandsverteidigung lassen nicht verwundern, dass die DB eine besondere Nähe zur Bundeswehr und Reservistenverbänden hat. Denn aus dem Vaterlandsbegriff und dem Einsatz für „Freiheit“, gepaart mit dem Fechten, tendiert sie zu einer Vorstellung von Wehrhaftigkeit, die regelmäßig in Militarismus umschlägt.
Burschenschaften beziehen sich gerne auf die napoleonischen Befreiungskriege und die paramilitärischen „Freikorps“ dieser Zeit, in denen immer wieder auch Studenten kämpften. Das berühmteste war das Lützowsche Freikorps, in dem auch der nationalistische, antisemitische „Turnvater“ Ludwig Jahn kämpfte, der ein Vordenker der Burschenschaft war. Auch der Dichter Theodor Körner kämpfte in dieser Gruppe und dichtete über sein Freikorps den Zyklus Leyer und Schwert. Diese Symbole tauchen u.a. im Wappen der Mainzer Germania Halle auf. In Körners martialischem Text Lützows wilde Jagd heißt es:
„Wer scheidet dort röchelnd vom Sonnenlicht, / Unter winselnde Feinde gebettet? / Es zuckt der Tod auf dem Angesicht; / Doch die wackern Herzen erzittern nicht, / Das Vaterland ist ja gerettet! / Und wenn ihr die schwarzen Gefall’nen fragt: / Das war Lützows wilde, verwegene Jagd.“ (Volltext unter http://www.zeno.org/Literatur/M/K%C3%B6rner,+Theodor/Gedichte/Leier+und+Schwert/L%C3%BCtzows+wilde+Jagd)
Und später, im Lied der Schwarzen Jäger:
„Noch trauren wir im schwarzen Rächerkleide / Um den gestorb’nen Mut; / Doch fragt man euch, was dieses Rot bedeute, / Das deutet Frankenblut.“ (Volltext unter http://www.zeno.org/Literatur/M/K%C3%B6rner,+Theodor/Gedichte/Leier+und+Schwert/Lied+der+schwarzen+J%C3%A4ger)
Antifranzösische Einlassungen können auch heute noch zum guten Ton bei Burschenschaften gezählt werden. So schrieb ein unbekannter Autor in einem einschlägigen Internetforum, man erkenne einen Burschenschafter daran, dass er „nur auf Ketten“ nach Frankreich fahre. Im völkischen Diskurs werden nichtsdestotrotz auch französische Nationalisten wie Alain de Benoist intensiv rezipiert.
Bei Festakten und in Verbindungshäusern wie von Germania Halle taucht das Eiserne Kreuz auf, ein militärischer Orden, der besonders in der NS-Zeit glorifiziert wurde, seit einigen Jahren aber wieder offiziell vergeben wird. Germania Halle zu Mainz hat in ihrem Wappen gar das alte Tatzenkreuz des Deutschordens enthalten. Dieses „Deutsche Kreuz“ symbolisiere „Wehrhaftigkeit“, wie das Verbindungsmitglied Thorsten Schulz in der Mainzer unipress von Dezember 2012 erklärte.
Bei Besetzungsvorschlägen für Ämter in der DB werden dementsprechend oft Wehrdienst bzw. Dienstgrad in der Reservistenarmee hervorgehoben. Früher wurde auch an der Universität der Bundeswehr in München geworben. Auf dem Burschentag 2009 ist dann aber von einem – zumindest zeitweisen – Werbeverbot an der Hochschule die Rede. Es haben aber in diesem Falle laut Protokoll nicht weiter erläuterte „andere Möglichkeiten“ der Einflussnahme zum Aufheben des Verbots geführt – ein Hinweis auf ein starkes Netzwerk der DB innerhalb der Bundeswehr. (Protokoll Burschentag 2009, S. 13)
In ihrem Gedenken legt die DB traditionell ihr Augenmerk auf den Ersten Weltkrieg. So besteht zwar am Burschenschafterdenkmal in Eisenach offiziell eine Gedenkstätte für die Gefallenen beider Weltkriege, jedoch wird die Stätte stets nur das „Langemarck-Denkmal“ genannt. Dies deutet auf einen heroisierenden Bezug auf den Frontsoldaten von 1914 hin. Diese Generation ist seinerzeit patriotisch begeistert in den Krieg gezogen und wurde in den folgenden zähen Materialschlachten aufgerieben.
Der Zweite Weltkrieg ist für die DB wesentlich schwieriger zu bewerten. Besonders kontrovers wird die Debatte um die Offiziersattentate um Graf von Stauffenberg vom 20. Juli 1944 geführt. Doch die Burschenschaft legt sich auf keine eindeutige Beurteilung der Mitwirkenden im NS-Staat fest. Stattdessen sei „dem Andenken aller Weltkriegsteilnehmer und Burschenschafter, die der Meinung waren, pflichtgetreu und zum Wohl des deutschen Volkes richtig zu handeln, verpflichtet.“ (Tagungsunterlagen Burschentag 2006, S. 67) Die Jenaer Burschenschaften forderten damals ein eindeutiges Bekenntnis für den Widerstand und wurden durch die Absetzung ihrer Anträge brüskiert. Einige Jahre später traten sie aus dem Verband aus.
Dem alten Reader zufolge rechtfertigten DB-Autoren in den Burschenschaftlichen Blättern den „totalen Krieg“ Goebbels‘ als „Verzweiflungskampf“ und „logische Konsequenz“ der Forderung der Aliierten nach bedingungsloser Niederlage. (Burschenschaftliche Blätter 1/95 S. 4, zit. nach Plast a.a.O., S. 55) Außerdem soll die Germania Hamburg, die mit der Germania Halle Mainz und einer weiteren Burschenschaft das „Schwarz-weiß-rote Kartell“ bildet, den Holocaust-Leugner David Irving eingeladen haben. (Handbuch deutscher Rechtsextremismus S. 324) Die DB richtet sich in ihrer Geschichtspolitik etwa nach dem Theologen Helmut Thielicke, der auf dem Burschentag die Beschäftigung mit der NS-Zeit als „neurotische Bindungen“ kritisierte. Im Nationalsozialismus habe ein Missbrauch an den „ehrwürdigen Symbolen und Begriffen unserer Tradition“ stattgefunden. (Bluhm, Wolfgang et al. (Hg.): Blühe, deutsches Vaterland! Materialien zum Lied der Deutschen. Marburg 2001, S. 39f., Quelle: http://www.rheinfranken.de/daten/lied-der-deutschen.pdf, Stand 04.05.2016) Dies nutzte die DB als Rechtfertigung ihrer Nutzung des Liedes der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben in seiner ursprünglichen Version.
Im Bezug auf die Weltkriege gibt sich die DB also völlig national ausgerichtet und sieht nur die Opfer auf deutscher Seite. Nur sehr selten finden sich Verurteilungen des Krieges an sich, wie auf der Homepage des Verbandes, auf dem von der „Sinnlosigkeit des Krieges“ im Bezug auf die Opfer des Ersten Weltkrieges gesprochen wird.
Die DB sieht sich als Sachwalter einer „Volksnation“ nach Carl Schmitt und Arthur Moeller van den Bruck, die unabhängig ist von staatlichen Grenzen – wie die DB-Burschenschaften auch unablässig betonen. Die „kleindeutsche Lösung“ des Deutschen Reich ohne Österreich von 1870/71 kam dieser Idee der Volksnation am nächsten. Deshalb ist die Fixierung auf jene Zeit und auf den Heroentod während des Untergangs 1918 nur logisch. (vgl. Kap. „Volk und Nationalismus“)
Die größte Katastrophe scheint in diesem Weltbild die Territorienverluste und die Vertreibung der Deutschen v.a. im Bezug auf die deutschen Ostgebiete zu sein, wie schon oben erwähnt.
Die Burschenschaften sehen auch hier den Ersten Weltkrieg als Anfangspunkt. Als 2009 in der Wiener Hofburg der „Vertriebenen-Kommers“ stattfindet, wird laut Einladung der „Friedens-Diktate von St. Germain und Versailles“ als „Grundlage und Beginn der Vertreibungen von Deutschen“ gedacht. (Burchardt, Bruno: Einladung zum Vertriebenen-Kommers am 21. November 2009 in Wien, in: DB-Schnellinformation Nr. 7 im Geschäftsjahr 2008/2009) Die erwähnten Friedensverträge besiegelten das Ende des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns 1918. In der Folge wurde u.a. Südtirol von Italien annektiert. Die Rede von den „Friedens-Diktaten“ war nach 1918 in den deutschen Gebieten sehr weit verbreitet. Zusammen mit der „Dolchstoß-Legende“ vom eigentlich unbesiegten deutschen Militär hat sie zum antidemokratischen Klima in der Weimarer Republik und letztlich auch zum Zweiten Weltkrieg beigetragen.
Die DB tritt für ein „Europa der Vaterländer“ (Hilaritas Stuttgart, Protokoll Burschentag 2009, S. 26) ein, oder auch eine „Gemeinschaft freier Völker“ (DB-Rechtsausschuss-Mitglied Herr Bluhm, Protokoll Burschentag 2003, S. 33). Weil sie die Wahrung nationaler Interessen betont, protestierte sie 2009 in Karlsruhe vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Ratifizierung des Vertragswerkes von Lissabon. Hierin sieht sie einen Verlust nationaler Souveränität.
Auch die wie in NS-Diktion als „Tschechei“ bezeichnete heutige Tschechische Republik wird 2003 vor ihrem Beitritt in die EU „kritisiert“. (Protokoll Burschentag 2003, S. 34) In einem Beschluss des gleichen Jahres spricht sich die DB für ein Rücknahme der tschechischen „Beneš-Dekrete“ sowie der jugoslawischen „AVNOJ-Bestimmungen“ aus, die die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den jeweiligen Gebieten nach dem Zweiten Weltkrieg besiegelten. (ebd.) Auch nach dem tschechischen EU-Beitritt bleibt das Thema für Burschenschaften von aktueller Relevanz; so referierte etwa der Vertriebenenfunktionär und ehemalige nordrhein-westfälische CDU-Landtagsabgeordnete Rüdiger Goldmann am 23.04.2015 bei der Burschenschaft Rhenania-Salingia zu Düsseldorf über den „Konfliktstoff für Europa“, den die „Beneš-Dekrete“ darstellten. (vgl. Facebookeintrag der Rhenania-Salingia)
Außerdem forderte die DB 2003, dass in die EU nur „[e]uropäische Staaten, die dem christlich-abendländischen Kulturkreis“ angehören, aufgenommen werden sollten. (a.a.O., S. 35) „Nichteuropäische oder überwiegend nichteuropäische Mittelmeeranrainerstaaten“ (ebd.) sollten demnach nicht Mitglied werden können. Das ist auf die Türkei gerichtet, „ein Land, welches nicht zu Europa gezählt werden kann“ (DB-Rechtsausschuss-Mitglied Bluhm a.a.O., S. 33). Diese Opposition zu einer möglichen Aufnahme der Türkei in die EU fußt nicht auf einer Kritik an der Entwicklung der türkischen Republik hin zu einem autoritären System, sondern auf kulturalistischen Vorstellungen. Auch 2010 bekräftigte der Burschentag zu dem „gemeinsamen, gewachsenen Kulturraum Europa“: „Insbesondere die Türkei gehört nicht zu diesem Kulturraum. Dementsprechend sind die bisher mit der Türkei geführten Verhandlungen mit dem Ziel einer entsprechend qualifizierten Partnerschaft zu beenden.“ (Protokoll Burschentag 2010, S. 18)
Auf einem gemeinsamen Seminar aller Berliner DB-Verbindungen zu den Beitrittsverhandlungen zwischen der EU und der Türkei 2005 sprechen u.a. Bernd Rabehl, NPD- und DVU-Redner und Wortgeber des „Überfremdungs“-Diskurses; außerdem Ivan Denes, der zur Autorenschaft der rechten Jungen Freiheit und Staatsbriefe gehört. (DB-Schnellinfo Nr. 3 im Geschäftsjahr 2005/06 vom 11.08.2005, S. 3)
Da die Nationalitätsfrage eng mit der Europapolitik zusammenhängt, kommt es um diese immer wieder zu internem Streit. Dabei zeichnet sich die Konfliktlinie ab zwischen solchen Burschenschaftern, die aktiv in die Europa-Debatten eingreifen wollen, und solchen, die eine klare Auslese nach innen als das Kerngeschäft der DB ansehen.
Die letztere Fraktion sind die Verbindungen um die BG, die das Fechten verpflichtend haben wollen und tendenziell ein Rasse- und Abstammungskriterium für eine DB-Mitgliedschaft befürworten. Germania Halle zu Mainz etwa tritt für ein Abstammungskriterium und ein „völkisches Staatswesen“ (Facebook-Post 25.02.2014) ein, sie will also implizit Menschen, die nicht ihrer Definition von „deutsch“ entsprechen, aus dem Staat ausschließen. Welche Stellung Deutschland in Europa haben solle, mag die Wortmeldung eines Mitglieds der gleichen Verbindung auf dem Burschentag 2009 beleuchten: „Fakt sei, dass was europäische ist, schon eh und je deutsche Leitkultur war.“ (Protokoll Burschentag 2009, S. 35)
Europapolitik ist für viele Burschenschafter die Durchsetzung deutscher Interessen, darauf weist auch die Bemerkung von einem Mitglied von Normannia Heidelberg auf dem Burschentag 2009: „Wir sollten uns damit befassen, wie wir unsere Kultur gegenüber der internationalen Konkurrenz schützen können.“ (Protokoll Burschentag 2009, S. 37)
Neben dem Volkstumsverein und den internationalen Verbindungen bestehen noch einige andere organisatorische Strukturen. Die DB betreibt selber einen „Förderkreis Studentenhilfe e.V.“. Zweck des Vereins ist, für Studenten Wohnraum sowie „Räumlichkeiten zu schaffen, die Studenten für staatsbürgerliche Bildungsarbeit, politische Diskussionen und wissenschaftliche Berufsbildung zur Verfügung stehen“ (Tagungsunterlagen Burschentag 2011, S. 34).
So erhält die Burschenschaft Arminia Leipzig ab 2008 ein Darlehen von 40 000 Euro von der DB um eine Immobilie zu kaufen. Der besagte Verein für Studentenhilfe gibt 20 000 Euro dazu, wie aus dem Protokoll des Burschentages 2008 hervorgeht. Das Projekt wird über eine 2002 gegründete Firma „Immob. Arminia Leipzig GmbH & Co. KG“ abgewickelt, die am Sitz der Burschenschaft gemeldet ist und an die ab 2008 Zahlungen gehen. (Tagungsunterlagen Burschentag 2009, S. 35). – Dies ist ein Beispiel für die geschickte wirtschaftliche Strukturierung zu Gunsten eines Mitgliedsbundes. Die Rechtsform GmbH & Co. KG minimiert die Haftungsrisiken. Ob es sich um mehr als nur eine Briefkastenfirma handelt, ist nicht leicht einzusehen, jedoch kann man erkennen, dass die wirtschaftlichen Strukturen in der Burschenschaft professionell gestaltet sind. Die Arminia Leipzig ist wohl der einzige Fall, in dem eine Burschenschaft an ihrem Sitz ein privatwirtschaftliches Immobilienunternehmen betreibt.
Die meisten Verbindungshäuser werden indes von eingetragenen Vereinen getragen. So gibt es einen DB-nahen „Verband für Studentenwohnheime“ in Bonn, in den die DB Mitglieder entsendet. 2011 betreute der Verein 149 Wohnheime, 29 davon gehörten der DB an. Der Verband scheint hauptsächlich aus Waffenstudenten und deren Wohnheimen zu bestehen. Das Spendenaufkommen für 2010 betrug laut Unterlagen zum Burschentag 2011 4,74 Mio. Euro. Auch Mainz wird im Jahre 2005 besichtigt, also hat es zu diesem Zeitpunkt mindestens ein Wohnheim als Mitgliedsverein dort gegeben, wie aus den Tagungsunterlagen zum Burschentag 2006 ersichtlich wird.
Derzeitiger Geschäftsführer ist der Rechtsanwalt Michael Röcken, Mitglied einer Verbindung im Coburger Convent. Röcken ist Spezialist für Vereinsrecht und einen solchen scheinen die Verbindungen zu brauchen: Der DB-Beauftragte für Studentenwohnheime Konrad Thullen spricht 2008 von einem „immer schwieriger werdenden Handling der Gemeinnützigkeit“ für die Korporationen. (Tagungsunterlagen Burschentag 2009, S. 22)
Weiter unterhält die DB eine Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichte und einen Denkmalerhaltungsverein, der sich v.a. um das Burschenschafterdenkmal in Eisenach kümmert. Das Archiv der DB ist im Bundesarchiv Koblenz untergebracht, der langjährige Leiter ist der Historiker und Jurist Harald Lönnecker. 2011 weihte der Verein das Burschenschafterdenkmal in Eisenach neu ein, nachdem er es mit erheblichem Finanzaufwand hatte sanieren lassen.
Neben den unbestrittenen konservatorischen Leistungen der burschenschaftlichen Strukturen wird die Gemeinnützigkeit bzw. die Orientierung am Gemeinwohl der Korporationen von Kritikern immer wieder angezweifelt, vgl. hierzu die Ausführungen im Teil „Theorie und Kritik“.
Als weiteren Dachverband von Burschenschaften gibt es den „Schwarzburgbund“ (SB), der in seiner heutigen Form 1887 gegründet wurde. Er ist aus den gegensätzlichen politischen Entwicklungen der Burschenschaftsbewegung als dritte, christliche Kraft entstanden, beruft sich aber auch auf die Urburschenschaft. Er ist nichtschlagend und nimmt auch Frauen auf. Er umfasst heute nach eigener Angabe 21 Verbindungen, die sich nur teilweise „Burschenschaft“ nennen. (http://www.schwarzburgbund.de/index.php?id=68)
Man kann den SB wohl patriotisch nennen, da er „Vaterland“ als eines seiner Grundprinzipien führt. (http://www.schwarzburgbund.de/index.php?id=70) Aufgrund des Alters beziehen sich auch SB-Verbindungen teilweise auf die verlorenen deutschen Ostgebiete, wie etwa die Burschenschaft Ostmark Breslau im SB zu Regensburg. Auch in Mainz wird noch eine Burschenschaft Ebernburg im SB geführt, allerdings nur auf den Internetseiten der Stadt Mainz.
Und schließlich gibt es noch den „Ring Katholischer Deutscher Burschenschaften“, der farbentragend und nichtschlagend ist. Er hat sich 1924 vom katholischen Unitas-Verband abgespalten. Er umfasst nach eigenen Angaben 15 Verbindungen, von denen drei aktiv sind. Für Mainz ist eine Burschenschaft Kurmainz gelistet, außerdem noch ein Stammtisch in Partenheim. Weder Ebernburg noch Kurmainz haben eine Aktivitas, sie haben auch keine Verbindungshäuser.
Wesentlich aktueller sind daher die Abspaltungen der DB. Schon Mitte der Neunzigerjahre gründeten DB-Aussteiger die „Neue Deutsche Burschenschaft“ (NDB) mit Sitz in Berlin. Ihr gehören heute 16 Verbindungen an, also geschätzt 30–120 Studenten und zehnmal so viele Alte Herren. Die NDB sieht die Bundesrepublik als Staatsnation, d.h. sie erhebt keinen Anspruch mehr auf historische Siedlungsgebiete der Deutschen in Mittel-, Ost- und Südeuropa wie Schlesien usw.
Die Altherrenverbände von DB und NDB sahen sich zeitweise als Klammer der beiden Burschenschafter-Parteiungen, wobei auf dem Altherrentag 2011 der „Verfassungsbruch“ der NDB-Burschenschaften angeprangert und sogar eine Auflösung des „Verbandes der Vereinigungen Alter Burschenschafter“ (VVAB) erwogen wurde. (Tagungsunterlagen AHT 2011, S. 6 bzw. 31)
Nach der Jahrtausendwende haben viele Burschenschaften die DB aufgrund des Streits um Definitionen des „Deutschtums“ verlassen. Auf dem bereits erwähnten Burschentag 2009 sind die Grabenkämpfe im Verband eskaliert. Eine auf liberalere Gangart ausgerichtete „Stuttgarter Initiative“ wollte die Wogen glätten, konnte sich aber nicht durchsetzen. In der Folge haben u.a. traditionsreiche Jenaer Burschenschaften dem Verband den Rücken gekehrt.
2011 kam dann ein Antrag der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn, der eine Überprüfung der Abstammung von Mitgliedern nicht-deutscher Herkunft vorsah. (s.u. Chronologie) Im Folgejahr bildete sich die Initiative Burschenschaftliche Zukunft (IBZ), die sich aber ebenfalls nicht gegen den ultrakonservativen Flügel in der DB durchsetzen konnte. Die IBZ ging schließlich größtenteils 2016 in den neuen Dachverband „Allgemeine Deutsche Burschenschaft“ ein, der am 3. Oktober jenes Jahres in Jena gegründet wurde. (http://allgemeine-burschenschaft.de/verbandsgruendung-in-jena-2016-voller-erfolg/, Stand: 25.05.2017)
Im Folgenden sollen in ihrer zeitlichen Abfolge Ereignisse der DB dargestellt werden. Hauptsächlich stützt sich der Teil über den Verband auf die 2011 veröffentlichten internen Unterlagen der Burschenschaft der Internetplatform indymedia.de. Hierbei handelt es sich v.a. um das „DB-Nachrichtenblatt“ sowie Protokolle und Tagungsunterlagen der Burschen- und Altherrentage. Außerdem dient der alte Reader als Quelle. Aus praktischen Gründen musste am Ende vor allem auf öffentlich zugängliche Medien wie Spiegel Online Bezug genommen werden.
Die Stellung des Verbandes zu deutlich rechten Aktivisten stellt sich auch nach der Jahrtausendwende zunächst zwiespältig dar. Als Einzelfälle werden diese Personen immer wieder cum infamia – mit Schande – ausgestoßen. Dieser Ausschluss findet vor allem bei Aufgabe der burschenschaftlichen Grundsätze statt, wie sie besonders in dem Motto „Freiheit, Ehre, Vaterland“ zusammengefasst sind.
Der Verband als solcher versucht aber ultrarechte Meinungen zu integrieren. Bei allen Untersuchungsverfahren, die von einem internen Rechtsausschuss durchgeführt werden, ist als ausschlaggebendes Kriterium für eine Bestrafung oder gar den Ausschluss einer Verbindung das Vorliegen etwaiger „Straftatbestände“ (vgl. Protokoll Burschentag 2010, S. 5). Die Bestrafung der einzelnen Burschen liegt hingegen in der Hand der einzelnen Verbindung. Hier kommt also wieder das dezentrale Moment der Organisation zum Tragen. Dieser Doppelcharakter zeigt sich eindrücklich auf dem Burschentag 2002.
In jenem Jahr werden in München fünf Neonazis wegen versuchten Totschlages eines Griechen in München verurteilt. Bei der Verhandlung war mindestens ein Mitglied einer Münchener Burschenschaft in Couleur anwesend. Dieser Student reichte den Angeklagten Couleurkarten der Verbindung und pöbelte im Gerichtssaal herum. Auch auf einer Veranstaltung auf dem Annaberg in Polen fiel der gleiche Student durch unflätiges Benehmen auf. Der Bursche wurde von seiner Verbindung cum infamia ausgestoßen. Es werden noch weitere Burschenschafter erwähnt, die u.a. beim Mittagessen nationalistische Lieder sangen und dauerbetrunken waren. Diese Personen wurden von ihrer Verbindung mit Alkoholverbot und dem Entzug des Bandes bestraft. (Protokoll des Burschentages 2002, S. 14 f.)
Auf dem selben Burschentag findet noch eine viel sagende Abstimmung zum Thema Rechtsradikalismus statt. Zuerst wird ein Antrag der Aachen-Dresdener Cheruscia „nach kurzer Diskussion“ abgelehnt, demzufolge die Burschenschaften sich gegen Rechtsradikalismus und entsprechende Gewalt gegen Ausländer engagieren sollten. (Protokoll Burschentag 2002, S. 21) Dann wird unter maßgeblicher Beteiligung von Germania Halle Mainz ein Antrag der Arminia auf dem Burgkeller Jena gekippt, demzufolge Burschenschaften im Falle „verfassungsfeindlichen und/oder verbandsschädigenden Verhaltens“ suspendiert werden können. (Protokoll Burschentag 2002, S. 35)
Stattdessen beschließt der Burschentag einen relativ unverbindlichen „Mainzer Appell“, in dem er sich gegen Fremdenhass und Menschenverachtung ausspricht, sich als demokratisch und rechtsstaatlich erklärt. Außerdem wendet sich der Appell gegen „proletenhaftes Auftreten“ sowie „freiheitsfeindliche“ „Wirrköpfe“ in den eigenen Reihen. (Protokoll Burschentag 2002, S. 35) Im selben Jahr spricht sich auch die Mainzer Burschenschaft Saravia bei ihrer 50-Jahr-Feier öffentlich gegen Rechtsextremismus aus. (Allgemeine Zeitung 23.05.2002)
Weitere – teilweise sehr medienwirksame – Ausschlüsse von ultrarechten Einzelpersonen folgen: So wird im Geschäftsjahr 2003/2004 der Publizist Jürgen Schwab von der Germania Graz ausgeschlossen. Der Ex-Republikaner und NPD-Mann war publizistisch bei rechten Organen wie Nation & Europa und altermedia tätig und vertritt einen sozialrevolutionären Nationalismus. (DB-Nachrichtenblatt 290 vom 20. April 2004, S. 14 / Schwab spricht bei Burschenschaft in Karlsruhe, Quelle: https://sachedesvolkes.wordpress.com/2015/01/26/schwab-spricht-bei-burschenschaft-in-karlsruhe/, Stand 13.06.2016) Die gleiche Verbindung will auf dem Burschentag 2004 per Antrag den Dachverband wieder auf das Schlagen der Mensuren verpflichten. Seit dem „historischen Kompromiss“ von 1971 entscheiden die Einzelverbindungen, ob sie schlagen oder nicht. Zur Begründung schreibt Germania Graz: „Der Wehrgedanke, in seiner weitesten Bedeutung, ist gewachsenes Fundament des Waffenstudententums. Für den Burschenschafter ergibt sich daraus eine vorrangige, immerwährende Pflicht zum Einsatz für sein deutsches Vaterland, weit über die Ableistung des Wehrdienstes hinaus.“ (DB-Nachrichtenblatt 288 vom 17. Dezember 2003, S. 6) Der Antrag ist nicht erfolgreich.
2006 wird Stefan Rochow mit Schande von der Gießener Dresdensia Rugia ausgeschlossen. (DB-Nachrichtenblatt 298, 19.12.2006, S. 5) Rochow war bis 2008 hochkarätiger NPD-Funktionär, dann konvertierte er zum katholischen Theologen und gilt mit Andreas Molau als einer der bekannten „NPD-Aussteiger“.
Ein Beschluss vom Burschentag 2008 weist wiederum auf den hohen integrativen Willen der DB: Einhellig sprach man sich gegen den Antrag aus, nach dem sich Kandidaten für Ämter bei der DB hinsichtlich Verurteilungen und sonstiger Strafverfahren erklären müssen. Eine Begründung war, dass eine generelle Angabepflicht auch Jugendstrafen und „politisch motivierte Verfahren und Verurteilungen“ umfasse. (Protokoll Burschentag 2008, S. 27)
Während sich so im neuen Jahrtausend die Konflikte zwischen ultrarechten und liberal-konservativen Bünden hochschaukelten, arbeitete die DB an ihrem öffentlichen Auftreten. Seit 2000 baute die Burschenschaft ihre Internetpräsenzen aus. Es entstanden mehrere Internetseiten der Burschenschaft, ihrer Geschichte, des Verbandsorgans Burschenschaftliche Blätter und der Altherrenorganisationen.
Zwar klagte die Burschenschaft 2002 über die Weigerung von Medien ihre Werbeanzeigen zu schalten. So bleibe die Kinowerbung aus, als weitere „Negativbeispiele“ nannte der damalige Öffentlichkeitsobmann Markus Lenz die BURDA-Gruppe, die Zentrale Vergabestelle von Studienplätzen (ZVS) und die ARD. Im Winter 2003 wurde aber eine Zusammenarbeit der DB mit der „Deutschen Kinderkrebshilfe“ vereinbart. Der damalige Öffentlichkeits-Obmann Lenz machte klar, diese Kooperation diene als „Türöffner“, so dass „burschenschaftliche Veranstaltungen wieder Platz in der Presse und damit in der Öffentlichkeit finden.“ (alle Zitate: Tischvorlage Burschen- und Altherrentag 2004, S. VI f.) hervor.
Zwischenzeitlich feierte am 17. Oktober 2002 der Burschenschafterturm in Linz (Österreich) mit einem Festkommers seinen 70-jährigen Bestand. Die Burschenschaft betonte dessen Bedeutung für die „Werbung“ für den „burschenschaftlichen völkischen Gedanken“. (Arbeitsunterlagen Altherrentag 2007, S. 16) Die rechte Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) rekrutiert sich maßgeblich aus österreichischen Burschenschaftern. Diese ist in ihrem Heimatland regelmäßig zweitstärkste Kraft und hat somit echte Machtoptionen.
Auf der jährlichen Verbandstagung der DB wurde 2004 das Thema „Die Demographische Alterung und ihre Auswirkung auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft“ erörtert. Redner waren u.a. Prof. Hermann Adrian von der Universität Mainz. Der Physikprofessor veröffentlicht seit 2003 Artikel zu der Überalterung der Gesellschaft, in der er Kinderlose als „Ausbeuter“ scharf angreift. Außerdem referierte der Genetiker Prof. Volkmar Weiss aus Leipzig zur „zukünftigen Lage und Entwicklung des deutschen Volkes“. (Tagunsunterlagen Burschentag 2004, S. 50) Weiss entwirft in einer Romanreihe das Reich „Artam“, das aus dem NS-Staat hervorging. Die Junge Freiheit feiert „Artam“ als „aristokratische[n] Gegenentwurf zu Orwells ‚1984‘.“ (http://www.v-weiss.de/artam.html) Als „Bund Artam“ bezeichnete sich schon in den Zwanzigerjahren ein radikal völkischer Bauernbund, der heute in Teilen Ostdeutschlands wieder Erfolge vorweist. (http://www.polunbi.de/inst/artamanen.html)
Die in dem Zuge der Expansion ins Internet eingerichtete burschenschaftliche Netzdatenbank „Studiosus“ bestand wohl nur bis Herbst 2005. Außerdem wurde der Werbeslogan „Weil wir Studenten sind“ lanciert. Eine entsprechende Internetseite wurde nach etwa zehn Jahren Betrieb mittlerweile eingestellt. Außerdem erstellte 2004 ein DB-Arbeitskreis eine Textvorlage über die Deutsche Burschenschaft für Lexika und Schulbücher und versendete sie „europaweit“. (Tischvorlage Burschen- und Altherrentag 2004, S. IX)
Doch die nächsten Jahre sollten von weiteren Abgrenzungskonflikten bestimmt werden: 2006 wurde dem SPD-Mitglied und Juristen Sascha Jung ein Posten als Richter verweigert, weil er Mitglied der Burschenschaft Danubia München ist. Zudem wurde er aus seiner Partei ausgeschlossen, klagte sich aber wieder in die SPD ein. Er verteidigte später u.a. die rechte Modemarke Thor Steinar und seine Burschenschaft Danubia. (http://www.tagesspiegel.de/berlin/brandenburg/verfassungsschutz-thor-steinar-verklagt-ministerium/1383134.html)
Im März 2006 traf die SPD schließlich einen – ersten – Unvereinbarkeitsbeschluss mit der Burschenschaftlichen Gemeinschaft. Ein Kreis um den Politiker Niels Annen nennt die BG einen „rechtsextremen Kampfverband“, der sich durch eine „völkische, biologistische und großdeutsche Sichtweise“ auszeichne. Dem war Lobbyarbeit seitens der Bände unter Mitwirkung u.a. des im Wingolf korporierten SPD-Politiker Johannes Kahrs vorausgegangen, wie aus DB-Unterlagen hervorgeht. (DB-Schnellinfo Nr. 8 im Geschäftsjahr 2005/06, S. 2) Kahrs ist Sprecher des konservativen „Seeheimer Kreis“ in der SPD. (vgl. http://www.seeheimer-kreis.de/, Stand 05.04.15) Denn der ursprüngliche Antrag umfasste alle Burschenschaften und Corps, die überhaupt einem Dachverband angehörten. Nach Medienangaben soll sich vor allem der frühere rheinland-pfälzische SPD-Ministerpräsident Kurt Beck gegen eine solche weit gefasste Unvereinbarkeit gesperrt haben. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/parteivorstand-hat-gesprochen-entweder-sozialdemokrat-oder-burschenschafter-a-408440.html ; http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/spd-und-burschenschaften-einfluss-alter-herren-bis-in-den-parteivorstand-a-395684.html) Nachdem die DB sich immer mehr polarisierte und die ultrarechten Burschen auch in öffentlichen Verlautbarungen die Oberhand gewannen, fasste die SPD 2014 einen endgültigen Unvereinbarkeitsbeschluss mit der gesamten DB (s.u.).
Zunächst gründete sich aber im Juli 2006 der heutige „Lassalle-Kreis“, in dem sich korporierte SPD-Mitglieder zusammenschlossen. Das „Netzwerk“ ist dabei aber kein vom Parteivorstand anerkanntes Unterorgan der SPD. Der Vorstand setzt sich zur Zeit der Abfassung dieses Textes zusammen aus Florian Boenigk, Manfred Blänkner, Birte Könnecke, Tobias Haid, Jan G. Frick, Christian Böttcher.
Die Querelen um die SPD trafen den Verband in einer geschwächten Situation: 2005 löste der Burschentag die „Burschenschaftliche Stiftung für nationale Minderheiten- und Volksgruppenrechte in Europa“ auf, nachdem es zu Unterschlagungen durch den ehemaligen Kassenwart Maier gekommen war. Im Folgejahr konnte der Nachfolger Mayr den Haushalt wieder konsolidieren, aber noch vier Jahre sollte die Umwandlung der Stiftung in einen handlungsfähigen Verein dauern.
Einen Fauxpas leistete sich 2005 zudem der damalige DB-Sprecher Felix Zeh: Er sprach in einem Interview in der Welt am Sonntag von „nur 50, 60 Neo-Nazis“ in den eigenen Reihen, mit denen man sich „demokratisch auseinandersetze“, genau wie mit der NPD. Zeh trat von seinem Posten zurück. (DB-Nachrichtenblatt 295 vom 30. Januar 2006, S. 2f.)
Die DB wollte das Blatt wieder wenden: Der Burschentag 2006 fasste einen Beschluss, nach dem mehr politisches Engagement gezeigt werden sollte. So ist wohl auch der Antrag der Cimbria München zu sehen, nach dem der Deutsche Bundestag aufgefordert werden sollte das Grundgesetz dahingehend zu ändern, dass sich der Bundestag selber auflösen kann. Dies ist bis heute nicht der Fall, nur bei gescheiterter Kanzlerwahl oder einem Misstrauensvotum gegenüber der Bundeskanzlerin bzw. dem Bundeskanzler kann sich das Parlament auflösen und Neuwahlen ansetzen. Hintergrund dieser bestehenden Gesetzgebung sind die schlechten Erfahrungen der instabilen Weimarer Republik, in der sich die Parlamente häufig selbst auflösten. Der Antrag wird aber abgelehnt. (Tagungsunterlagen Burschentag 2006, S. 64 / Protokoll Burschentag 2006, S. 43)
In Österreich sollten Jubiläen im Folgenden für einige Aufmerksamkeit sorgen. Am 2. September 2006 beging die DB in Südtirol eine Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag der Zuschlagung Südtirols zu Italien. Der Verband kritisiert diesen Vorgang in einer Pressemitteilung als „völkerrechtswidrig“ und beteiligte sich an der Entzündung einer Kette von Feuern an der Grenze zwischen Österreich und Italien. (Pressemitteilung in: DB-Schnellinfo Nr. 2 im Geschäftsjahr 2006/07, 11.09.2006)
Für die innere Vernetzung soll wohl die Neuauflage des Anwaltsverzeichnisses in diesem Jahr dienen. Diese sei „eine gute Gelegenheit für Rechtsreferendare, eventuell Kontakte zu anderen Rechtsanwälten zu knüpfen“, wie es im DB-Nachrichtenblatt hieß. (DB-Nachrichtenblatt 297 vom 31. Juli 2006, S. 13f.)
Im Folgejahr fand dann im Oktober der Linzer Turmkommers statt, bei dem 90 Jahre Burschenschafterturm in der oberösterreichischen Stadt gefeiert werden. Medien sowie linke Aktivistinnen und Aktivisten protestieren. Redner der Veranstaltung waren u.a. Bernd Rabehl, Berliner Soziologe und DVU- und NPD-Unterstützer, sowie der Staatsrechtler Karl-August Schachtschneider, der als Europa-Kritiker gilt und für die Junge Freiheit und die rechtsextreme „Aula“ schrieb.
Doch die politischen Gegner waren ebenfalls aktiv: Die SPÖ wollte in der Steiermark das Mensurfechten sowie schlagende Schülerverbindungen in ihrem Bundesland verbieten. (Protokoll Burschentag 2007, S. 28) Über die Steiermark ist diese Initiative wohl nicht hinaus gelangt.
Nur einen Monat nach dem Jubiläum sollten auf der dritten „Bielefelder Ideenwerkstatt“ der DB die „Politik- und Ehrenamtsverdrossenheit“ analysiert werden, von Referenten wie dem FPÖ-Politiker Andreas Mölzer und dem neurechten Anwalt Klaus Kunze, der u.a. den Ring Freiheitlicher Studenten mitbegründete (Handbuch deutscher Rechtsextremismus, S. 334) und für die Junge Freiheit schrieb (Handbuch deutscher Rechtsextremismus, S. 200). Kunze bietet eine kohärente ethisch-politische Theorie, möchte eine „Ethik […] entwerfen […], die uns selbst als freien Personen und als Volk nützt, eine Ethik […] mit der wir unser gebrochenes Verhältnis zu uns selbst wieder finden und unseren Nachkommen eine Zukunft sichern können.“ Er sieht den Gegner in „den festgezurrten Machtverhältnissen des totalen Parteienstaates“ (Kunze, Klaus: Mut zur Freiheit – Ruf zur Ordnung. Quelle: http://klauskunze.com/heikun/mut/Mut%20zur%20Freiheit.pdf, Stand: 26.05.2016, S. 5). Auch im Verfassungsschutzbericht soll er in den 1990er-Jahren aufgetaucht sein, demzufolge soll er den Parlamentarismus als undemokratisch bezeichnet haben. (http://www.nadir.org/nadir/periodika/anarcho_randalia/br_6/br6la4.htm).
Seine Mitreferantin bei dem DB-Seminar 2007 ist Ute Scheuch, Soziologin und Ehefrau des 2003 verstorbenen Soziologen Erwin-K. Scheuch, der 1970 den konservativen „Bund Freiheit der Wissenschaft“ mitgegründet hatte. Das Ehepaar hat etwa zu Parteien- und Managerkorruption publiziert. Die beiden haben später die Junge Freiheit unterstützt; Erwin-K. Scheuch schrieb außerdem für Europa vorn, die neben Nation & Europa in den 1990er-Jahren „zu den bedeutendsten Strategieorganen der extremen Rechten gehörte“ (Handbuch deutscher Rechtsextremismus, S. 409).
Die politischen Flügelkämpfe in der DB schienen sich währenddessen zu verstärken, denn im Juli 2007 trat die Burschenschaft Arminia auf dem Burgkeller Jena aus der DB aus, im Dezember 2008 die Germania Jena. (DB-Nachrichtenblatt 300, 10.07.2007, S. 7 / DB-Nachrichtenblatt 305, 12.02.2009, S. 11) Diese Schritte hatten hohe Symbolwirkung, da beide sich als direkte Nachfolger der Urburschenschaft von 1815 sehen. Die Arminia auf dem Burgkeller hatte vorher u.a. erfolglos eine Suspendierung von Bünden bei Verfassungsfeindlichkeit verlangt.
Neben den österreichischen Großveranstaltungen macht die DB 2007 Werbung in Abiturienten-Zeitungen, u.a. in Bielefeld, Stuttgart und Berlin. Das geht aus dem Ergebnis eines internen Wettbewerbs hervor (DB-Schnellinformation Nr. 18 im Geschäftsjahr 2008/2009, S. 1). Im Folgejahr sind die DB Paten eines Abiturientenpreises an einem Eisenacher Gymnasium (Unterlagen Burschentag 2008, S. 47).
Während die „Initiative Akademische Freiheit“ laut Burschentag 2008 offenbar noch immer publizistisch gegen die Nichtberufung des DB-Mitgliedes Sascha Jung in das Richteramt in Bayern vorgeht (s.o.), spricht sich der selbe Burschentag einhellig gegen den Antrag aus, nach dem sich Kandidaten für Ämter bei der DB hinsichtlich Verurteilungen und sonstiger Strafverfahren erklären müssen. (Protokoll Burschentag 2008, S. 27)
2009 brechen dann rassistische Konflikte im Verband offen aus. So soll auf dem Burschentag in jenem Jahr nach Medienangaben ein dunkelhäutiger Verbandsbruder von einem anderen Burschen in eindeutiger Absicht eine Banane hingehalten bekommen haben. (Diekmann, Florian: Interne Papiere enthüllen Rechtsextremismus bei Burschenschaften, 15.07.2011, Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/datenleck-interne-papiere-enthuellen-rechtsextremismus-bei-burschenschaften-a-774524-5.html, Stand 05.05.2016) Daraufhin muss sich ein handfester Streit entwickelt haben, denn gegen acht Bünde – darunter Germania Halle Mainz – wurden in der Folge Untersuchungsverfahren eingeleitet. Der DB-Obmann für Politik und Kultur Benjamin Nolte (Burschenschaft Libertas Brünn zu Aachen) legte aufgrund seines Mitwirkens bei den nicht weiter protokollierten „Vorfällen“ sein Amt nieder. (DB-Nachrichtenblatt 307 vom 1. November 2009, S. 5) Er wird in den Medien daraufhin als „Bananen-Nolte“ bezeichnet, was auf seine Rolle in dem Spektakel hinweist. Später wurde er dann kurzzeitig Vorsitzender der „Jungen Alternative“, der Jugendorganisation der AfD. Er verließ den Posten nach wenigen Wochen wieder, offenbar weil er wegen seiner Mitgliedschaft in der Burschenschaft Danubia München unter parteiinternen Druck geriet. (Abschied von Bananen-Nolte, 01.04.2014, Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/junge-afd-trennt-sich-von-rechtem-burschenschafter-abschied-von-bananen-nolte-1.1927022, Stand: 17.05.2016)
Um den Rechtsruck im Verband zu verhindern, hatten die drei dort ansässigen Burschenschaften wohl noch 2008 die „Stuttgarter Initiative“ gegründet. Sie veranstalteten in den Folgejahren Regionalkonferenzen, jedoch sollte den liberal-konservativen Stuttgartern weder inhaltlich noch in Bezug auf den Mitgliederschwund Erfolg beschieden sein.
Denn schon 2008 schien eine Austrittswelle eingesetzt haben: Auf dem Burschentag 2009 wurde beklagt, dass im vergangenen Jahr 1100 Alte Herren und über 100 Aktive verloren worden seien. Zu den Austritten ist noch zu sagen, dass regelmäßig auch Füxe, Burschen und Alte Herren ausgeschlossen werden. Die Hintergründe dieser Maßnahmen sind dabei nicht ersichtlich. Immerhin konnte die DB auch Zuwachs verzeichnen: 2009 wird eine DB-treue, neu gegründete Alte [sic!] Burgkellerburschenschaft zu Jena in die DB aufgenommen. (DB-Nachrichtenblatt 305 vom 12. Februar 2009, S. 8 / Protokoll Burschentag 2009, S. 17)
Gerade der rechte Flügel der DB dürfte sich im selben Jahr in der Wiener Hofburg getroffen haben, beim „Vertriebenen-Kommers“. Dort wurde laut Einladung der bereits erwähnten „Friedens-Diktate von St. Germain und Versailles“ als „Grundlage und Beginn der Vertreibungen von Deutschen“ gedacht. (Einladung zum Vertriebenen-Kommers am 21. November 2009 in Wien, in: DB-Schnellinformation Nr. 7 im Geschäftsjahr 2008/2009, 28.10.2008)
Mittlerweile hatte sich das Bundesheer Österreich offenbar auch von den Burschenschaften distanziert, da sie nicht mehr als Unterstützer des „Ulrichsberg-Gedenkens“ an die Weltkriegsopfer auftreten durfte. (Allmendinger, Armin: 52. Ulrichsberg-Gedenken in Kärnten 2012, 30.10.2012. Quelle: http://www.burschenschaftliche-blaetter.de/netzversion/detailansicht/browse/1/meldung/395/52-ulrichsb.html, Stand 03.04.2015) Das Veteranen-Treffen ist berüchtigt, unter anderem weil FPÖ-Mann Jörg Haider dort 1995 Waffen-SS-Kämpfer als „anständige Menschen“ bezeichnet hatte und ihnen seinen Dank ausgesprochen hatte. Auch sollen „Neonazi-Gruppen aus Deutschland oder den USA“ beim Treffen erschienen sein. (Einöder, Arthur: „Des Soldaten Ehre ist seine Treue“. Quelle: http://fm4v2.orf.at/connected/219955/main.html, Stand 03.04.2015)
Der Abschlussbericht der Regionalkonferenzen 2010 hatte wiederum völkische Inhalte. Dort ist über zu lesen: „Zunehmende Migrationströme [sic] und ethnische Vermischungen, die auch den Lebensraum der Deutschen nicht auslassen, werfen die Frage auf, ab wann Zugezogene als Mitglieder eines Volkes gelten.“ (DB-Nachrichtenblatt 308, 06.02.2010, S. 14) Die Rede vom „Lebensraum“ hat ihren Ursprung in der Kolonialzeit und wurde unter Hitler und seinem Ideologen Alfred Rosenberg zum Kampfbegriff der Nazis. Das Wort suggeriert eine quasi-natürliche Verankerung besonders des deutschen Volkes auf seinen gegenwärtigen und – im Falle der deutschen Ostgebiete – verlorenen Territorien. Der Begriff „Lebensraum“ wird hier ganz selbstverständlich benutzt, um sich daraufhin aber gegen rechte Rassentheorien zu erwehren, die eben auch im Verband vorkämen.
Derselbe Bericht beklagt in diesem Sinne „zu viele […] ungebildete oder irrgläubige Verbandsbrüder“, die etwa die „Erlaubnis zur rassischen Diskriminierung eines pigmentierten Verbandsbruders“ aus den Verbandsgrundsätzen herzuleiten versuchten. (DB-Nachrichtenblatt 308, 06.02.2010, S. 16) – Gemeint ist der bereits erwähnte Vorfall auf dem Burschentag im Vorjahr. Demnach legten einige Bundesbrüder das Verbands-Motto „Freiheit, Ehre, Vaterland“ allzu frei aus, indem sie einseitig das „Vaterland“ betonten, wobei die anderen Grundsätze auch einmal vernachlässigt werden könnten.
Einen anderen Aspekt der „Lebensraum“-Diskussion brachte der Burschenschafter Rainer Schmidt über die Verbandszeitschrift „Burschenschaftliche Blätter“ vor. Als „Gedanken“ betitelt, entwarf er im März 2010 eine Vision von Verbindungshäusern auf dem Land, inklusive Landwirtschaft und generationenübergreifendem Wohnen. Er lehnte sich dabei ausdrücklich an den „Artmanen“-Bund an, der in den 1920er-Jahren völkische Landwirtschaft betrieb. Über eine Romanreihe („Artam“) von Volkmar Weiss aus Leipzig wurden ähnliche Theorien schon in der DB rezipiert (s.o. Kap. „Internet und PR“). Völkische „Neo-Artamanen“ gibt es heute wieder in Ostdeutschland, die sich an die ursprünglichen Artamanen anlehnen. (http://www.netz-gegen-nazis.de/category/lexikon/artamanen) Direkte Verbindungen zwischen DB und „Neo-Artamanen“ sind anhand eines Vortrages eines Siedlers 2005 bei der Danubia München zu finden. (Schmidt, Anna: Völkische Siedler/innen im ländlichen Raum. Basiswissen und Handlungsstrategien. Berlin o.J., S. 23, Quelle: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/voelkische_siedler_web.pdf, Stand 05.05.2016) Stärker ist allerdings der Verband „Deutsche Gildenschaft“ hier wohl involviert.
Anfang 2010 soll die Deutsche Burschenschaft laut Spiegel noch knapp 10 000 Mitglieder haben, im Vergleich zu 35 000 Anfang der 1970er-Jahre (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/datenleck-interne-papiere-enthuellen-rechtsextremismus-bei-burschenschaften-a-774524-2.html).
2011 bahnte sich eine Spaltung der Deutschen Burschenschaft an: Anfang des Jahres war ein Gutachten im Verbandsblatt erschienen, das Artikel neun der Satzung der DB präzisieren sollte. Dieser besagt, dass zum „deutschen Volk“ gehöre, wer ihm „durch gleiches geschichtliches Schicksal, gleiche Kultur, verwandtes Brauchtum und gleiche Sprache verbunden ist“. Weiter heißt es dort: „Personen mit mehrheitlich außereuropäischen Vorfahren sind unter Hinweis auf die Abstammungsgemeinschaft eines Volkes dementsprechend keine Angehörigen des deutschen Volkes.“ (DB-Nachrichtenblatt 311, 07.02.2011, S. 16) – Die deutsche Staatsbürgerschaft reiche nicht aus für die Volkszugehörigkeit. Eine Überprüfung durch den Rechtsausschuss habe zu erfolgen: „1. Bei einem Bewerber, der nicht dem deutschen Volk angehört. 2. Bei einem Bewerber, dessen Eltern nicht beide dem deutschen Volk angehören. 3. Bei einem Bewerber, dessen Eltern zwar deutsche Volksangehörige sind, der selbst aber einem anderen Volk angehört.“ (ibid., S. 18)
Die Verbindung der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn stellte auf dem darauf folgenden Burschentag einen Antrag auf Ausschluss der Hansea Mannheim. Grund war deren Aufnahme eines chinesischstämmigen Studenten. Die Raczeks begründeten, dass schon eine „nichteuropäische Gesichts- und Körpermorphologie auf die Zugehörigkeit zu einer außereuropäischen populationsgenetischen Gruppierung“ hinweise. (Tagungsunterlagen Burschentag 2011, S. 52) Der Rechtshistoriker Rainer Schröder erklärte im Spiegel: „Die Struktur dieses Ausschlussverfahrens ähnelt frappierend der Ausgrenzung der Juden im ‚Dritten Reich’“. (Diekmann, Florian: Burschenschafter streiten über „Ariernachweis“, 15.06.2011, Quelle: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/rechtsruck-im-dachverband-burschenschafter-streiten-ueber-ariernachweis-a-767788.html, Stand 30.05.2017) Der Ausschluss der Hansea sowie die alleinige Orientierung an dem Rechtsgutachten bei der Aufnahme von Neumitgliedern wurde gekippt (Menke, Birger: Jusos fordern Rauswurf von Burschenschaftern, 16.06.2011, Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/debatte-in-der-spd-jusos-fordern-rauswurf-von-burschenschaftern-a-768652.html, Stand 30.05.2017).
Mit dem Antrag hat sich einmal mehr die Burschenschaft der Raczeks als Vorkämpfer eines rassischen Reinheitsprinzips gezeigt, wie er für die Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG) typisch ist. Ebendiese Raczeks hatten früher im Jahr die Annahme eines „biologischen“ und „wissenschaftlichen“ Denkens gefordert, und in der Folge eine „eindeutige Haltung in der Frage des Volkstumsbegriffs“ angemahnt. (DB-Nachrichtenblatt 312, 23.04.2011, S. 17) Sie berief sich dabei auf die Thesen Thilo Sarrazins aus seinem 2010 erschienenen Buch Deutschland schafft sich ab. Die Deutsche Burschenschaft habe sich „an die Spitze dieses radikalen Umschlagens des öffentlichen Diskurses zu stellen, dessen Tragweite heute noch gar nicht abzusehen ist.“ (DB-Nachrichtenblatt 312 vom 23. April 2011, S. 17) Sie dürften bei dieser Argumentation auf die Theorie des Genetikers Rushton anspielen, der im Vorjahr bei der BG-Burschenschaft Olympia Wien zum Vortrag geladen war. Rushton versucht in seinen Schriften eine biologische Fundierung einer Rassentheorie zu etablieren (s.o. Kap. „Burschenschaftliche Gemeinschaft“).
Zu den internen Vorstößen des rechten Flügels kommen noch externe Vernetzungen: Das Nachrichtenmagazin Spiegel berichtete 2011, dass die Burschenschaft Normannia Jena Kontakt zu dem Neonazi Ralf Wohlleben gehabt haben soll, der auch den NSU unterstützt haben soll. (Diekmann, Florian: Allianz der Verfassungsfeinde, 25.11.2012, Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/weshalb-rechtsextremismus-in-burschenschaften-aufmerksamkeit-verdient-a-869194.html, Stand 30.05.2017) Zudem veröffentlichte im August 2011 der Alte Herr der Danubia München Fred Duswald nach Medienangaben in einer Zeitschrift eine Schmähschrift gegen die liberalen Burschenschaften und den asiatischstämmigen Bundesbruder aus Mannheim. Der Höhepunkt der gegen „Umvolkung“ und „Überfremdung“ wetternden Schrift: „Daß ein Asiat kein Arier ist, sieht jeder ohne Nachweis.“ (Fuchs, Christian: Burschenschafter hetzen gegen „Nicht-Arier“, 25.08.2011, Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/rechtsruck-im-dachverband-burschenschafter-hetzen-gegen-nicht-arier-a-781273.html, Stand 30.05.2017)
Nebenschauplätze dieser Zeit zeigen andere Aspekte des burschenschaftlichen Weltbildes. So versucht sich der Verband neben Nichtdeutschen auch der Homosexuellen zu erwehren: Anfang des Jahres sprach der DB-Verbandsrat der Alemannia Köln seine Missbilligung aus für das „öffentliche Chargieren im Rahmen einer Segnungsfeier von Gleichgeschlechtlichen“. (DB-Nachrichtenblatt 311, 07.02.2011, S. 6) Ob es sich bei den zu Segnenden um Burschenschafter handelte, ist unbekannt.
Auf dem Burschentag 2011 bot die DB erstmals ein „Berufs- und Bildungsforum“ an, auf dem sich Unternehmen und Selbständige des Verbandes präsentierten. Jungen Korporierten sollte so die Möglichkeit gegeben werden „im burschenschaftlichen Rahmen verschiedene Tätigkeitsfelder kennenzulernen“ und auch Praktikumsplätze zu erhalten. (DB-Schnellinformation Nr. 4 im Geschäftsjahr 2011, 31.03.2011, S. 3) Auch die Plattform bubenetz.de dient offenbar verstärkt diesem Zweck.
Auf dem Burschentag 2011 erwähnt der DB-Obmann für Politik und Kultur Marcus Zaiß 53 Mitglieder des Verbandes, die politische Mandate auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene haben. Zu dieser Zeit umfasst die DB 109 Bünde mit ungefähr 10 000 Alten Herren. Damit wäre etwa ein halbes Prozent Mandatsträger. Der Referent bedauert, dass nur wenige dieser Alten Herren ihre Mitgliedschaft in der Burschenschaft publik machten. Viele dieser politisch aktiven Burschenschafter befürchteten einer Umfrage zufolge berufliche Nachteile aus einem solchen Bekenntnis. (alle Angaben: Tagungsunterlagen Burschentag 2011, S. 12)
Tatsächlich schien sich der politische Himmel über der DB zu verdüstern: Im Januar 2012 verkündete die österreichische UNESCO-Kommission, dass sie die Institution „Wiener Ball“ wegen des Akademikerballs der Burschenschaften von der Liste des immateriellen Kulturerbes gestrichen hat. Grund laut Kommission: Die Eintragungen müssten mit den Grundwerten der Unesco – Toleranz, Respekt und Wertschätzung kultureller Verschiedenheit – übereinstimmen. Zudem hätten die Veranstalter den Ball für den 27. Januar angesetzt – den Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.
Einige Burschenschafter mit eindeutiger Gesinnung legten es offensichtlich auf eine Eskalation an: Im Frühjahr wurde ein Leserbrief des Burschenschafters Norbert Weidner (Raczeks Bonn) bekannt, der die Verurteilung des Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer „gerechtfertigt“ nannte, da dieser ein „Landesverräter“ sei. Der evangelische Theologe Bonhoeffer war in ein Attentatsversuch auf Adolf Hitler verwickelt gewesen und kurz vor Kriegsende 1945 unter dubiosen Umständen zum Tode verurteilt und gehängt worden. (Diekmann, Florian: Burschenschafter hetzt gegen Nazi-Widerstandskämpfer, 11.04.2012, Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/burschenschafter-hetzt-gegen-nazi-widerstandskaempfer-bonhoeffer-a-826757.html, Stand 30.05.2017) Die Causa Weidner ist bezeichend für den integrativen Kurs der DB. Das FDP-Mitglied Weidner war seit 2006 Schriftleiter der Burschenschaftlichen Blätter und laut Medienberichten schon lange in eindeutig rechtsextremen Vereinigungen aktiv gewesen: Der Wiking-Jugend, der 1995 verbotenen „Freiheitlichen Arbeiterpartei“, der „Anti-Antifa“ und der „Hilfsgemeinschaft für nationale politische Gefangene“ (HNG). (vgl. auch Handbuch deutscher Rechtsextremismus, S. 633)
Die Staatsanwaltschaft verurteilte Weidner aufgrund seines Bonhoeffer-Komentars wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener, die FDP leitete ein Parteiausschlussverfahren ein. Es besteht laut Spiegel ein Verdacht, dass Weidner in seiner Neonazi-Zeit mit dem Verfassungsschutz kooperiert hat. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/bonhoeffer-hetze-staatsanwalt-ermittelt-gegen-burschenschafter-weidner-a-828600.html / http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/burschenschafter-weidner-der-lange-schatten-des-verfassungsschutzes-a-942681.html / http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/burschenschafter-gericht-bestaetigt-urteil-gegen-norbert-weidner-a-877600.html).
Nach Weidners Einlassungen überschlugen sich die Ereignisse. Im März 2012 bildete sich das Bündnis „Initiative Burschenschaftliche Zukunft“ (IBZ), das den liberalen Flügel konsolidieren sollte und Weidner aus seinem Posten bei der DB drängen wollte. Es begann eine Schlammschlacht, die über Medien wie Spiegel Online ausgefochten wurde. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/burschenschafter-hetzt-gegen-nazi-widerstandskaempfer-bonhoeffer-a-826757.html) Noch im gleichen Monat wurde eine Person inhaftiert, die nach Medienangaben Ehrenmitglied der Raczeks und im rechtsextremen Netzwerk „Aktionsbüro Mittelrhein“ engagiert war. Der Vorwurf lautete Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Landfriedensbruch und versuchte Körperverletzung. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/aerger-fuer-die-burschenschaft-der-raczeks-zu-bonn-wegen-nazi-problemen-a-844890.html). Im Sommer erschien ein „Manifest zur revolutionären Neuordnung“ des Danubia München-Mitgliedes Michael Vogt in den Burschenschaftlichen Blättern. Er forderte die „Abschaffung des Parteienstaates“ und griff die „gleichgeschaltete Presse“ an. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/was-die-deutsche-burschenschaft-attraktiv-macht-fuer-rechtsextreme-a-868841.html) Der gleiche Bund schloss im Juni Pierre Pauly aus, der laut Landesverfassungsschutz Kontakte zur Neonazi-Kameradschaft München hatte. (vgl. Krass, Sebastian: Burschenschafter treffen sich an Hitlers Geburtstag. 17.04.2013, Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/umstrittene-regionalkonferenz-burschenschafter-treffen-sich-an-hitlers-geburtstag-1.1651519, Stand 18.05.2016)
Indes wurde auf dem Burschentag 2012 Norbert Weidner als Chefredakteur der Burschenschaftlichen Blätter in seiner Funktion – und somit als Vorstandsmitglied – bestätigt, was als Niederlage des liberalen Flügels gewertet wurde. Vorher hatten nach Angaben des Spiegel über 400 Burschenschafter, darunter der damalige Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), in einer öffentlichen Erklärung seinen Abgang gefordert. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/erfolg-fuer-rechtsextreme-burschenschafter-beim-deutschen-burschentag-a-836442.html)
Im Juli kam es dann zu einer Gerichtsverhandlung, in der entschieden wurde, dass der Betreiber des Blogs Quo vadis, Buxe?, Christian J. Becker, seinen Bundesbruder Norbert Weidner „Kopf einer rechtsextremen Bewegung“ nennen dürfe. Diese Bewegung, so Becker, bestehe aus Burschenschaften, NPD und rechten Kameradschaften. Weidners Berufung scheiterte 2013. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/burschenschafter-streiten-vor-gericht-um-rechtsextremismus-vorwurf-a-842548.html ; http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/bonhoeffer-verunglimpfung-burschenschafter-berufung-scheitert-a-921289.html) Weidner ließ sich von dem einschlägig bekannten Rechtsanwalt Björn Clemens verteidigen, laut Spiegel „Funktionär der rechtsextremen Partei Die Republikaner und Autor rechtsnationaler Bücher und Artikel“. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/burschenschafter-prozess-gericht-erlaubt-rechtsextremismus-aeusserungen-a-843864.html) Die Bundesregierung hält zu dieser Zeit die DB nicht per se für rechtsextrem. Das ergab eine kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag an die Bundesregierung im Juli 2012. Die Regierung bejahte in ihrer Antwort, an der Einschätzung der DB als „demokratische Studentenorganisation“ festzuhalten (BT-Drs. 17/10294, S. 2, Quelle: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/102/1710294.pdf).
Die Gedenkkultur der DB läuft immer wieder auf eine Verherrlichung von Soldatentum und Waffen-SS hinaus. So wurde das „Ulrichsbergtreffen“ in Österreich im September 2012 in den Burschenschaftlichen Blättern besprochen. Dort war demnach der ehemalige Freiwillige der Waffen-SS Herbert Belschan von Mildenburg eingeladen, was im Vorferd für Unmut unter Politikerinnen und Politikern sowie in der Presse geführt hatte. Der Autor des Artikels, Armin Allmendinger (Ceres zu Nürtingen, Rheinfranken zu Marburg), verteidigte den Auftritt und die gesamte Waffen-SS: „Gerade zu diesem Thema sei an Konrad Adenauer erinnert, der sagte: ‚Ich weiß schon längst, daß die Soldaten der Waffen-SS anständige Leute waren.’“ Auch der Vorsitzende der veranstaltenden Gemeinschaft, Hermann Kandussi, habe demzufolge die Waffen-SS in Schutz genommen mit den Worten: „Die waren Soldaten wie alle anderen auch.“ (Allmendinger, Armin: 52. Ulrichsberg-Gedenken in Kärnten 2012. Quelle: http://www.burschenschaftliche-blaetter.de/netzversion/detailansicht/browse/1/meldung/395/52-ulrichsb.html, Stand 03.04.2015)
Im November fand dann ein außerordentlicher Burschentag statt, auf dem hitzig diskutiert wurde.
Die Wiener Burschenschaft Olympia, politisch rechts außen stehend, brachte nach Medienberichten einen Antrag auf „vollkommene Tiroler Einheit“ ein, also den Anschluss an Österreich, wie aus den Unterlagen auf dem Informationsportal indymedia.de hervorgeht. Auch stellte die Hilaritas Stuttgart einen Antrag auf Auflösung der DB.
Die Auflösung erfolgte nicht. Aber die Personalie Weidner wurde erledigt, er musste gehen. Den Antrag gestellt hatte die Münchner Burschenschaft Arminia-Rhenania, deren prominentes Mitglied Hans-Peter Uhl (CSU) Mitglied des Bundestages ist. Auch wurde vom Burschentag ein Antrag auf Unvereinbarkeit mit der Mitgliedschaft in einer „verfassungsfeindlichen Organisation“ dahingehend geändert und beschlossen, dass nur „nationalsozialistische Organisationen“ darunter fielen. Durch diesen Filter fallen aber viele andere rechtsextreme Gemeinschaften. (Christ, Sebastian: Rechtsextreme triumphieren beim Burschentag, 24.11.2012, Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/sonder-burschentag-in-stuttgart-die-rechtsextremen-triumphieren-a-869149.html, Stand 30.05.2017)
Anfang Januar 2013 berichtete der Spiegel, es seien schon „ein gutes Dutzend“ Burschenschaften aus der DB ausgetreten. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/deutsche-burschenschaft-wiener-teutonia-uebernimmt-den-vorsitz-a-873889.html) Teutonia Wien hatte den Vorsitz der DB in diesem Jahr und behauptete dem Nachrichtenmagazin zufolge auf einem Flugblatt „Ostdeutschland“ sei noch besetzt; zu Großdeutschland gehörten auch „Deutschböhmen“, Südtirol und Ostpreußen.
Am 1. Februar 2013 fand der erste „Wiener Akademikerball“ in der Hofburg statt, nachdem der jährliche „Wiener Korporationsring-Ball“ nach sechzig Jahren in Misskredit gekommen war. Die Umbenennung wurde nötig, nachdem der FPÖ-Mann Strache die Korporationen die „neuen Juden“ genannt hatte. (http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/protest-gegen-akademikerball-in-wien-mit-burschenschaftern-und-rechten-a-944527.html) Vorher allein von den Waffenstudenten Wiens ausgerichtet, sollte der Ball nunmehr ein allgemeiner „neuen Farbenball“ für alle Korporationen gelten, wie der Organisator Udo Guggenbichler in einem Interview mit den „Burschenschaftlichen Blättern“ sagte. (http://www.burschenschaftliche-blaetter.de/netzversion/detailansicht/meldung/395/es-gibt-kei.html) Ausgerichtet wird der Ball von der FPÖ, der auch Guggenbichler angehört. (ebd.)
Eine kleine Anfrage der Linken-Fraktion in der neuen Legislaturperiode bringt nichts Neues seitens der Bundesregierung. Von der Einschätzung der DB als „demokratische Studentenorganisation“ rückte sie nicht explizit ab, sondern verwies erneut darauf, ihr lägen „zum jetzigen Zeitpunkt keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür vor, dass die DB Bestrebungen verfolgt, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet sind“. (BT-Drs. 18/1736, S. 3, Quelle: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/017/1801736.pdf) „Der Verdacht liegt nahe, dass die Bundesregierung aus Rücksichtnahme auf die vielen Alten Herren in Politik und Wirtschaft ihre schützende Hand über die Deutsche Burschenschaft breitet“, quittierte dies die Linken-Politikerin Ulla Jelpke laut Unispiegel. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/bundesregierung-nennt-burschenschaften-verfassungstreu-a-875781.html)
In Österreich wurde Gottfried Küssel mit zwei weiteren Angeklagten wegen der Betreibung einer rechtsextremen Homepage in erster Instanz verurteilt. Sein Mitangeklagter war ursprünglich von Herbert Orlich verteidigt worden, einem Alten Herren der Wiener Teutonia. (http://www.spiegel.de/politik/ausland/oesterreich-neonazi-kuessel-zu-neun-jahren-haft-verurteilt-a-877078.html) Die Münchener Franco-Bavaria verließ 2013 die DB. Nach eigenen Angaben habe der Bund 300 Mitglieder, darunter den Ex-Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). (http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/groesster-mitgliedsbund-verlaesst-deutsche-burschenschaft-a-882680.html)
Auf dem Burschentag 2013 sollte das Aufnahmekriterium (Spiegel Online: „Ariernachweis“) erneut auf den Tisch kommen – sogar in verschärfter Form nach „deutscher“, „abendländisch-europäischer“ und „nicht-abendländisch-europäischer“ Abstammung. Presseprecher Walter Tributsch verstieg sich zu der Anmerkung „Wir sind leider nicht so rassistisch ausgerichtet wie zum Beispiel jüdische Organisationen.“ Der Antrag wurde zurückgezogen. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/burschentag-deutsche-burschenschaft-streitet-wieder-um-ariernachweis-a-901174.html) (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/burschentag-deutsche-burschenschaft-zieht-ariernachweis-antraege-zurueck-a-901742.html)
400 Burschenschafter zählte Spiegel Online beim diesjährigen Fackelmarsch zum Eisenacher Burschenschafterdenkmal, wo traditionell der gefallenen Bundesbrüder des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 gedacht wird. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/burschentag-in-eisenach-burschenschafter-isolieren-sich-a-901834.html) Etwa 250 Gegedemonstranten waren zeitgleich in der Stadt unterwegs.
Laut demselben Online-Magazin befand sich der Verband mittlerweile in einem finanziell „desolaten Zustand“. Maximal 94 der insgesamt rund 250 Burschenschaften im deutschsprachigen Raum gehörten dem Verband nur noch an, darunter zahlreiche inaktive Bünde. Diese Zahlen sind aber ungenau: Der DB haben in den letzten 15 Jahren relativ konstant 94 aktive Bünde angehört. Insgesamt dürfte es etwa 180 Burschenschaften geben, die teilweise katholisch sind und deshalb niemals Mitglied in schlagenden Verbänden würden. Den Katholiken ist das Schlagen von Mensuren verboten.
Der Verband musste im Vergleich zum Jahr 2011 laut Spiegel auf bis zu 70 000 Euro Mitgliedsbeiträge im Jahr verzichten – und damit auf etwa ein Drittel. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/burschentag-rechtsextremismus-in-der-deutschen-burschenschaft-a-901390.html) Das gleiche Magazin berichte im Folgejahr, dass jeder Alte Herr 500 bis 700 Euro im Jahr an seine Verbindung zahle, so dass für manche Bünde ein Jahresbudget von 10 000 Euro entstünde. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/was-die-deutsche-burschenschaft-attraktiv-macht-fuer-rechtsextreme-a-868841.html)
Im November folgte der nächste Schlag: Die Stadt Innsbruck kündigte den Vertrag für die anstehende Verbandstagung der DB. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/innsbruck-stemmt-sich-gegen-treffen-der-deutschen-burschenschaft-a-935745.html)
2013 waren laut Spiegel Online auch bei der „Gesellschaft für freie Publizistik e.V.“ (GfP) und dem internationalen Netzwerk „Europäische Aktion“ (EA) zwei Burschenschafter in Leitungspositionen. Martin Pfeiffer ist seit 2010 Vorsitzender der GfP, einer rechtsextremisten Kulturvereinigung mit 500 Mitgliedern und engen Kontakten zur NPD. Eines ihrer Hauptanliegen ist laut dem Nachrichtenmagazin bzw. dem Verfassungsschutz die Streichung des § 130 StGB (Volksverhetzung) und die angeblich verzerrte Geschichtsdarstellung des nationalsozialistischen „Dritten Reiches“ zu korrigieren. Die „Europäische Aktion“ sei in ihrer Agitation „rassistisch und antisemitisch und im Besonderen gegen die vermeintlichen Weltherrschaftsbestrebungen der angeblich von der ‚Israel-Lobby‘ kontrollierten USA gerichtet“, heißt es bei Spiegel Online. Ihr Vorsitzender: Rigolf Hennig, Mitglied in der Greifswalder Burschenschaft Rugia und der Schülerburschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg. Wie die „Europäische Aktion“ sei auch seine Vereinigung „Freistaat Preußen“ ideologisch auf der Leugnung der Schoah aufgebaut. (alle Angaben: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/hamburger-verfassungsschutzbericht-2012-mit-burschenschaften-a-904769.html)
Im selben Jahr wird von der Süddeutschen Zeitung ein kritischer Artikel über einen Redakteur des Deutschlandfunk veröffentlicht, der Alter Herr der Danubia München ist. Über diese Burschenschaft heißt es im Verfassungsschutzbericht Bayerns von 2013: „Die Aktivitas der Burschenschaft Danubia agiert revisionistisch und propagiert einen übersteigerten Nationalismus im völkischen Sinne.“ (Verfassungsschutzbericht Bayern 2013, S. 114) Die SZ führt aus, dass Bernd K. in den 1970er-Jahren Medienreferent der NPD-Nachwuchsorganisation „Junge Nationaldemokraten“ gewesen sei; außerdem sei er Mitglied der Vertriebenenorganisation „Witikobund“. Der Sender habe ihm demnach teilweise Vortragstätigkeit verboten und ihn aus der redaktionellen Arbeit entlassen. Die Deutsche Burschenschaft kritisierte daraufhin ihrerseits die „Diskriminierungsmaßnahmen“ von SZ und Deutschlandfunk, die auf die „Ausschaltung einer rechten politischen Richtung“ zielten. (http://www.burschenschaftliche-blaetter.de/netzversion/detailansicht/meldung/395/ein-krasser.html)
Am 6. Juli 2013 fand in Hamburg das Jahrestreffen des Allgemeinen Pennäler Rings (APR) von Schülerburschenschaften statt. Die studentische DB-Burschenschaft Germania Hamburg stellte ihr Haus zur Verfügung. Der APR hat nach eigenen Angaben 300 Mitglieder. Die oben genannte Chattia Friedberg in Hamburg ist eine solche Schülerburschenschaft. Nach Medienangaben pflegen diese Verbindungen das martialische Säbelfechten, bei dem mit einem stumpfen Säbel auf den Oberkörper geschlagen wird. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/dachverband-der-schuelerburschenschaften-trifft-sich-in-hamburg-a-909810.html)
Im Januar 2014 fand in Wien der jährliche „Akademikerball“ statt. Bei Krawallen im Vorjahr waren Korporierte zu diesem Anlass von Verbindungsgegner heftig attackiert worden. Organisator war FPÖ-Gemeinderat Udo Guggenbichler. Nach Angaben des Spiegel stehen rechte Parteien wie der französische Front National oder die NPD regelmäßig auf der Gästeliste. (http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/protest-gegen-akademikerball-in-wien-mit-burschenschaftern-und-rechten-a-944527.html) An der Gegendemonstration haben nach Medienangaben 6000 Menschen teilgenommen, es kam zu Randalen. (http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/akademikerball-der-fpoe-gegner-randalieren-in-wien-a-945463.html)
Dem Jenaer Studenten Josef S. wird daraufhin in Österreich der Prozess gemacht. Er soll führend bei der Randale gewesen sein, ein Polizeiauto demoliert und ein Fenster einer Polizeiwache eingeworfen haben. Anklagepunkte waren: Landfriedensbruch als führender Beteiligter, versuchte schwere Körperverletzung und schwere Sachbeschädigung. Ein Zivilpolizist sagte als einziger Zeuge aus, Sachbeweise können sich nicht erhärten. Er wird im Juli zu zwölf Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, davon acht auf Bewährung. Die versuchte schwere Körperverletzung wird auf versuchte Körperverletzung abgestuft. Der Richter polemisierte in Anklage und Urteilsverkündung. Der Spiegel nannte das Urteil zynisch „Schuldspruch aus Mangel an Beweisen“, auch österreichische Medien äußerten sich kritisch. Die Berufung des Studenten scheiterte. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow erklärte sich solidarisch mit S. (http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/deutscher-student-josef-s-als-krawallanfuehrer-angeklagt-a-973856.html / http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/prozess-gegen-student-josef-s-in-oesterreich-nach-demo-randale-in-wien-a-982185.html / http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/josef-s-in-oesterreich-urteil-in-wien-zu-haft-ohne-beweisen-a-982410.html http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/prozess-gegen-student-josef-s-in-oesterreich-nach-demo-/ http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/akademikerball-gegner-josef-s-urteil-rechtskraeftig-a-1019114.html)
Seit Mai 2014 beobachtete der Verfassungsschutz Hamburg die dortige Burschenschaft Germania wegen „rechtsextremistischer Bestrebungen“ einiger Mitglieder. Sie hatte etwa Jürgen Schwab zum Vortrag geladen, einen Ex-NPD-Funktionär. Laut Spiegel unterhalte die Verbindung auch Kontakte zur Chattia Friedberg zu Hamburg, die schon länger auf der Beobachtungsliste des Verfassungsschutzes steht. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/hamburger-burschenschaft-germania-von-verfassungsschutz-beobachtet-a-969894.html) Germania Hamburg ist eng mit der Mainzer Germania Halle verbunden. Auch die Dresdensia Rugia in Hessen wird vom Verfassungsschutz beobachtet.
Die Mitgliedschaft von Gordian Meyer-Plath, Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz in Sachsen, in der Burschenschaft Marchia Bonn wurde ebenfalls bekannt. Die Verbindung sei laut Medienberichten aus der DB ausgetreten, Grüne und Linke kritisieren Meyer-Plath trotzdem scharf. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/deutsche-burschenschaft-dachverband-haelt-kontakt-zu-rechtsextremen-a-975678.html)
Gegenwind gab es in der Folge auf verschiedenen Ebenen: Der Burschentag fand in diesem Jahr nicht mehr auf der Wartburg statt. Der Stiftungsrat verweigerte der DB die Lokalitäten. Die Feier der DB sei für die Wartburg „nicht mehr repräsentativ und somit nicht mehr akzeptabel“, so die Stiftung laut Spiegel. (http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/burschentag-burschenschafter-duerfen-nicht-auf-wartburg-feiern-a-974565.html)
Und im Juni fasste die SPD einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit der Partei- und der Mitgliedschaft in der DB. Laut dem burschenschaftlichen Lassalle-Kreis innerhalb der SPD seien 20 bis 50 Personen betroffen. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/spd-schliesst-mitgliedschaft-in-partei-und-deutscher-burschenschaft-aus-a-976945.html)
Im Oktober 2014 wurde schließlich bekannt, dass ein NPD-Kader elf Jahre lang bei der Burschenschaft Thessalia zu Prag in Bayreuth gewohnt hat. Über den rechtsradikalen „Thüringer Heimatschutz“ soll er direkt mit der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zuseammengearbeitet haben. Die Stadt Bayreuth schloss die Burschenschaft vom Volkstrauertag aus. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/burschenschaft-thessalia-in-bayreuth-will-volkstrauertag-kapern-a-998156.html / http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/nsu-naehe-bayreuth-schliesst-burschenschaft-vom-volkstrauertag-aus-a-998317.html) Die Thessalia Prag ist bis heute Mitglied in der DB und in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft. Neben der Normannia Jena ist dies schon der zweite Kontakt von Burschenschaften zum NSU.
Laut Christian Becker sind dies nur einige Beispiele von Neo-Nazis in Burschenschaften. Er nennt etwa Thorsten Heise, der bei der pennalen Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg sein soll und ein bekannter Vermittler zwischen Neo-Nazis und NPD ist. (Becker, Christian J.: em>Gefährliche Netzwerke – Neonazis in Burschenschaften. 14.08.2014, Quelle: http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2014/08/14/gefaehrliches-netzwerke-neonazis-in-burschenschaften_16817, Stand 19.05.2016) Rigolf Hennig sei demnach bei der Greifswalder Burschenschaft Rugia korporiert. Der bereits erwähnte Hennig leitet die deutsche „Europäische Aktion“, die sich laut Verfassungsschutzbericht 2014 durch „besonders ausgeprägte antisemitische und revisionistische Agitation“ auszeichne. (Bundesministerium des Inneren: Verfassungsschutzbericht 2014, S. 173) Becker zitiert den Wiener Politologen Bernhard Weidinger, demzufolge „Burschenschaften Neonazis mitunter in Positionen bringen, in denen sie gesellschaftlich eher Gehör für ihre Anliegen finden, als dies bei proletarischen Neonazigruppierungen der Fall wäre.“ Schon länger bekannt sind die beiden NPD-Politiker Arne Schimmer und Jürgen Gansel, die beide bei der Burschenschaft Dresdensia Rugia Gießen korporiert sind. Schimmer saß in Sachsen sogar für die NPD im parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der die Ermittlungen um die „Zwickauer Zelle“ des NSU beleuchten soll. (s.u. „Personalia“)
Neben der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn ist es auch immer wieder die Danubia München, die im äußerst rechten Spektrum involviert ist. So haben Danuben den Nationalen Hochschulbund, den Republikanischen Hochschulverband sowie die neurechte Wochenzeitung Junge Freiheit mit aufgebaut. (vgl. apabiz e.V.: Radikalisierungsgrade von Burschenschaften. Quelle: http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/radikalisierungsgrade-von-burschenschaften, Stand 19.05.2016) Immer wieder steht die Verbindung unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. 2015 wird vom bayerischen Verfassungsschutz festgestellt, in der Aktivitas der Danubia „engagieren sich einzelne Personen, die Beziehungen zur rechtsextremistischen Szene unterhalten oder in der Vergangenheit unterhalten haben.“ (Bayrisches Staatsministerium des Innern, für Bau und Verkehr: Verfassungsschutzbericht 2015, S. 137) So wird die Mitgliedschaft immer wieder Danubia-Korporierten zum Problem, wie man besonders am Fall des Ex-SPD-Politikers Sascha Jung sehen kann. Jung und sein Bundesbruder Benjamin Nolte sollten ihre Heimat fortan in der 2013 gegründeten „Alternative für Deutschland“ suchen.
Es formiert sich seit ihrer Gründung ein korporierter Kreis in der „Alternative für Deutschland“, der deutlich von der DB geprägt ist. Kommentatoren beschreiben diese Entwicklung entweder als „Rechtsruck“ der Partei durch die Burschenschafter oder aber als Instrumentalisierung der Korporierten durch völkisch-nationale Kräfte. Die rechten Tendenzen konzentrieren sich ohnehin nach der Aufspaltung in der Deutschen Burschenschaft, und der Verband ist schon aufgrund seiner Prinzipien ein völkisch-nationaler Akteur – mit zahlreichen belegbaren Kontakten zum rechtsextremen Milieu. Einige Personalien deuten darauf hin, dass Burschenschafter die AfD aktiv auf diese Linie bringen wollen.
Hier spielt seitens der DB die Burschenschaftliche Gemeinschaft eine besondere Rolle, deren wichtiger Akteur wiederum die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn ist. In der Burschenschaftlichen Gemeinschaft sind viele österreichische Bünde vertreten, die derzeit mit der FPÖ dort eine echte Machtoption haben. Kritische Stimmen wie Christian Becker weisen schon lange darauf hin, dass die DB nach diesem Vorbild die AfD zu beeinflussen zu versuchen. Auch der NRW-Fraktionsvorsitzende der AfD Marcus Pretzell – selber Corps-Student – sagte: „Ich glaube, dass der Weg der AfD ein ähnlicher sein wird wie der der FPÖ.“ (Peternel, Evelyn: „AfD ist auf ähnlichem Weg wie die FPÖ“, 06.05.2016, Quelle: http://kurier.at/politik/ausland/interview-mit-marcus-pretzell-afd-auf-aehnlichem-weg-wie-die-fpoe/196.912.283, Stand 19.05.2016)
Der umstrittene Benjamin Nolte (Burschenschaften Libertas Brünn zu Aachen, Danubia München) war 2014 für kurze Zeit stellvertretender Bundesvorsitzender der AfD-Jugendorganisation „Junge Alternative“ (JA), musste aber wohl aufgrund seiner Mitgliedschaft in der rechten Danubia München gehen. Nun wandte er sich der „Patriotischen Plattform“ (PP) zu. Diese Gruppierung innerhalb der AfD setzt sich u.a. gegen eine „massenhafte Einwanderung in die Sozialsysteme“ der Bundesrepublik ein und „gegen die Herausbildung einer multikulturellen Gesellschaft“. (Gründungserklärung der Patriotischen Plattform, Quelle: http://patriotische-plattform.de/beispiel-seite/, Stand: 17.05.2016) Sie tritt laut Homepage auch auf Pegida-Demonstrationen auf und gerät so wiederum in Konflikt mit gemäßigteren Teilen der AfD. Sie kritisieren die wirtschaftsliberalen Teile der Partei und sehen sich als deren „patriotischer“ Teil. Zur Mitgliederversammlung im März 2016 hielt Götz Kubitschek vom neurechten „Institut für Staatspolitik“ einen Vortrag über „Strategien des Widerstandes“. (Patriotische Plattform neu aufgestellt. Quelle: http://patriotische-plattform.de/blog/2016/03/09/patriotische-plattform-neu-aufgestellt/, Stand: 17.05.2016)
In der Patriotischen Plattform scheinen sich zahlreiche Burschenschafter der DB und Burschenschaftlichen Gemeinschaft zu treffen: Ein weiteres Vorstandsmitglied ist Felix Koschkar, der 2016 bei der Burschenschaft Arminia Leipzig wohnt. Auf deren Haus hat laut Homepage der PP am 11.09.2015 eine Veranstaltung der Patriotischen Plattform, wieder mit Götz Kubitschek, stattgefunden. Neben den Burschenschaftern Nolte und Koschkar findet sich Dubravko Mandic im PP-Vorstand, Alter Herr der Burschenschaft Saxo-Silesia Freiburg in der DB. Mandic ist Mitglied des Landesschiedsgerichtes Baden-Württemberg der AfD sowie im Bundesschiedsgericht der „Jungen Alternative“. Er traf etwa die politische Verortung: „Von der NPD unterscheiden wir uns vornehmlich durch unser bürgerliches Unterstützer-Umfeld, nicht so sehr durch Inhalte.“ (Monitor vom 14.01.2016: Offener Rassismus – die unaufhaltsame Radikalisierung der AfD. Quelle: http://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/offener-rassismus-100.html, Stand 17.05.2016) Mandic hat demnach auch US-Präsident Barack Obama rassistisch angegriffen, sowie an einer Feier auf dem Haus seiner Verbindung teilgenommen haben, auf der Nazi-Lieder und Hitler-Grüße zum Besten gegeben worden sein sollen. (Quelle: Kaiser, Sebastian; Steiner, Thomas: Vorwürfe gegen AfD-Politiker Mandic wegen Rechtsradikalismus. 05.04.2016, Quelle: http://www.badische-zeitung.de/freiburg/vorwuerfe-gegen-afd-politiker-mandic-wegen-rechtsradikalismus–120439954.html, Stand 17.05.2016)
Schließlich ist der Leipziger Rechtsanwalt Roland Ulbrich im Vorstand der Plattform, der im Corps Rhenania Bonn korporiert ist. (Haupt, Friederike: Bloß kein Plauderbild mit der NPD, 25.08.2014, Quelle: http://www.faz.net/aktuell/politik/wahl-in-sachsen/afd-in-sachsen-bloss-kein-plauderbild-mit-der-npd-13113197-p3.html, Stand: 17.05.2016) Ein weiteres Vorstandsmitglied, Chris Wiedemann, bezeichnet es laut Homepage aufgrund der „Überschneidungen der burschenschaftlichen Ideale mit denen der PP“ als „folgerichtig“, sich der Patriotischen Plattform anzuschließen. (Quelle: http://patriotische-plattform.de/vorstand/, Stand 17.05.2016) – Damit sind wohl vier von zehn Vorstandsmitgliedern korporiert, ein weiteres beruft sich auf die Burschenschaft. Alle involvierten Burschenschaften sind 2016 Mitglied in der Deutschen Burschenschaft. Die Bünde von Benjamin Nolte, Libertas Brünn zu Aachen und Münchner Danubia, sind außerdem in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG).
Auch der Göttinger Lars Steinke (Burschenschaft Hannovera in Göttingen) und Alexander Jungbluth (Burschenschaft Raczeks Bonn, DB- und BG-Mitglied) aus Aachen gehören zum Netzwerk der „Patriotischen Plattform“. (http://patriotische-plattform.de/blog/2015/01/14/stellungnahme-junger-patrioten-zum-bundesjugendkongress-der-ja-in-bottrop-am-10-11-januar-2015/, Stand 19.05.2016) Jungbluth ist 2016 Kreisvorsitzender der AfD Aachen (http://aachen.nrw-alternativefuer.de/kreisvorstand/, Stand 19.05.2016) und laut den „Aachener Nachrichten“ auch Unterzeichner der „Erfurter Resolution“. (http://www.aachener-nachrichten.de/lokales/aachen/aachener-afd-weiter-auf-strammem-rechtskurs-1.1185968, Stand 19.05.2016) Der völkische Flügel der AfD um Björn Höcke hatte diese Erklärung im März 2015 verabschiedet. Die zwanzig Erstunterzeichnerinnen und -unterzeichner sprachen sich darin dagegen aus, „die politische Spannbreite der AfD über Gebühr und ohne Not zu begrenzen“, sowie für eine Integration von Pegida und rechtskonservativen Kräften innerhalb der Partei. Dementsprechend sehen sie die AfD als „grundsätzliche, patriotische und demokratische Alternative zu den etablierten Parteien“. Sie streben eine „grundsätzliche politische Wende in Deutschland“ an. (alle Zitate: Erfurter Resolution. Quelle: http://www.derfluegel.de/erfurter-resolution/, Stand 19.05.2016)
Die Medien zählen noch weitere Burschenschafter in der „Alternative für Deutschland“ auf: Philipp Runge von der Burschenschaft Gothia Berlin arbeitet 2016 in der Bundesgeschäftsstelle der AfD. (Kalkhof, Maximilian: em>Rechtspopulismus: Burschenschafter setzen auf AfD, 15.04.2014, Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/bild-962356-499957.html, Stand 19.05.2016) Gothia Berlin ist zu diesem Zeitpunkt in der Deutschen Burschenschaft. Torben Braga (Germania Marburg, DB-Mitglied) wurde 2015 als Praktikant der Partei von einer Sitzung des Thüringischen Innenausschusses ausgeschlossen. Zu jener Zeit war er laut dem MDR Sprecher der Deutschen Burschenschaft. (AfD schickt Burschenschafter in Innenausschuss. 19.11.2015, Quelle: http://www.mdr.de/thueringen/innenausschuss-praktikant-afd100.html, Stand 18.05.2016) In der Hamburger Bürgerschaft sitzt Alexander Wolf, der Alter Herr der Danubia München ist. (Speit, Andreas: Fest verwurzelt in der Burschenschaft. 12.02.2015, Quelle: https://www.taz.de/!5020372/, Stand 18.05.2016) In Brandenburg ist der ehemalige Verleger Andreas Kalbitz 2014 für die AfD in den Landtag eingezogen. Nach Christian Becker ist Kalbitz bei der Münchener pennalen Burschenschaft Saxonia-Czernowitz korporiert. (Krass, Sebastian: „Über die AfD gehen rechte Burschenschafter den Marsch durch die Institutionen an“. 13.04.2016, Quelle: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/blogger-christian-becker-grosse-szene-1.2947880, Stand 18.05.2016) Kalbitz war nach Medienangaben zeitweise Vorsitzender des „Vereins Kultur- und Zeitgeschichte, Archiv der Zeit“, der dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet wird. (vgl. etwa Handbuch deutscher Rechtsextremismus, S. 526f.) Auch er ist unter den Erstunterzeichnern der „Erfurter Resolution“.
Der Rechtsanwalt Sascha Jung, den die SPD einst ausschloss aufgrund seiner Mitgliedschaft bei der Danubia München, ist mittlerweile beim Schiedsgericht des Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern der AfD zu finden. (http://afd-mv.de/?page_id=224, Stand 18.05.2016)
Ulrich Wlecke (Franconia Münster in der DB; berühmter Bundesbruder ist Kai Diekmann von Bild) war zeitweise Leiter des Mittelstandsforums der AfD. Laut Handelsblatt war der Düsseldorfer Unternehmer vorher für die „Republikaner“ sowie die österreichische FPÖ tätig. (Neuerer, Dietmar: Rechtsruck in der AfD. 07.04.2014, Quelle: http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/volk-fuehrer-utopien-viele-afd-politiker-stammen-aus-burschenschaften/9727828-5.html, Stand 19.05.2016) Ralf Spitzl (Raczeks Bonn in DB und BG) ist 2016 Beisitzer im Kreisverband Rhein-Sieg. (http://www.afd-alfter.de/kreisvorstand, Stand: 19.05.2016) Gordon Engler (Aachen-Dresdner Burschenschaft Cheruscia in der DB) ist zur gleichen Zeit stellvertretender Sprecher der AfD-Stadtratsfraktion Dresden. (Kalkhof, Maximilian: Rechtspopulismus: Burschenschafter setzen auf AfD, 15.04.2014, Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/bild-962356-499957.html, Stand 19.05.2016)
Mit Joachim Paul ist auch in Rheinland-Pfalz ein Burschenschafter für die AfD im politischen Rennen. Er ist neben Jungbluth und Spitzl der dritte AfD-Korporierte der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks (DB und BG-Mitglied). Paul bekleidet den Posten des stellvertretenden Landesvorsitzenden der Partei. Paul ist Mitglied im Koblenzer Stadtrat sowie im rheinland-pfälzischen Landtag.
Auf einer Kundgebung der AfD in Mainz ist es offenbar zu einem Zwischenfall gekommen, der auf ein burschenschaftliches Netzwerk innerhalb der Partei hinweisen könnte. Das linke Mainzer Magazin Zwischenzeit berichtet im Februar 2016 von einem Wahlkampfauftritt der AfD in Mainz, bei dem Vertreter der Partei gegen Protestierende Pfefferspray eingesetzt hätten. Andere Medien bestätigten das nicht. Daraufhin veröffentlichte Zwischenzeit eine Meldung, derzufolge der Kölner Anwalt Matthias B. von dem Magazin Einstellung der Behauptungen und Zahlungen forderte. Matthias B. sei, wie die AfD-Leute Paul, Jungbluth, Spitzl, bei den Raczeks Bonn korporiert. (Solidarität für eine kritische Berichterstattung. Quelle: https://www.zwischenze.it/solidaritaet-kritische-berichterstattung/, Stand 20.05.2016)
Außer der Hannovera Göttingen sind alle genannten Burschenschaften zur Zeit der Abfassung dieses Textes im Dachverband „Deutsche Burschenschaft“. Das Haus der Leipziger Arminia dient offenbar als wichtiger Treffpunkt der „Patriotischen Plattform“. Dies deutet auf eine weitere Konsolidierung des völkisch-nationalen Verbandes „Deutsche Burschenschaft“. Zudem treten damit DB-Bünde gebündelt in parteipolitischen Strukturen auf, die selbst innerhalb der AfD als rechter – oder in eigenen Worten „patriotischer“ – Flügel gelten.
Armin Allmendinger ist Mitglied bei den Rheinfranken Marburg und ist oder war bei Ceres Nürtingen. Er schreibt für die Burschenschaftlichen Blätter und für die Blaue Narzisse. In den Blättern bediente er sich u.a. Rechtfertigungen der Waffen-SS als „anständige Menschen“, in Rekurs auf den FPÖ-Politiker Jörg Haider und Konrad Adenauer, die die Aussage schon vorher getätigt haben sollen. (Quelle: www.burschenschaftliche- blaetter.de/netzversion/detailansicht/meldung/401/52-ulrichsb.html) Die Blaue Narzisse ist ein neurechtes Schülermagazin aus Chemnitz, das vor allem gegen die „Überfremdung“ und „Islamisierung“ Deutschlands kämpft und der Pegida-Bewegung nahe steht. (Vgl. etwa http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2010/01/14/wie-eine-neu-rechte-zeitschrift-junge-autoren-linkt_2280, Stand 07.05.2016)
Allmendinger steht der „Konservativen Aktion Stuttgart“, der „Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger des Eisernen Kreuzes e.V.“ (OdR) (http://ol-hn.org/?p=816), sowie der „Piusbruderschaft St. Pius X.“ (http://www.blauenarzisse.de/index.php/gesichtet/item/3319) nahe. Die „Konservative Aktion“ ist ihrer Homepage zufolge im süddeutschen Raum seit etwa 2010 mit Vorträgen und Kundgebungen zu „Lebensschutz“, Anti-Gender-Themen und Europakritik aktiv. Sie nutzt das gleiche Logo wie die „Identitäre Bewegung“ und ist auf ihrer Homepage mit neurechten Organen wie „Institut für Staatspolitik“ und Junge Freiheit vernetzt. Die Piusbruderschaft ist weit in die Schoah leugnende Kreisen verzweigt. (Sontheimer, Michael; Wensierski, Peter: Extremismus: Zur Rechten Gottes. Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/a-607625-2.html)
Organisatorisch bündeln sich die Kräfte in der seit 2012 bestehenden Messe „zwischentag“, auf der die Identitäre Bewegung, die Deutsche Burschenschaft und viele neurechte Organisationen und Verlage vertreten sind, wie der Homepage zwischentag.de zu entnehmen ist.
Björn Clemens, Rheinfranken Marburg seit 1991, ist Rechtsanwalt und Publizist. Er machte in den 1990er-Jahren Karriere bei den „Republikanern“. 2005 bekam er größere wissenschaftliche und mediale Aufmerksamkeit durch seine Dissertation Der Begriff des Angriffskrieges und die Funktion seiner Strafbarkeit, in der er sich gegen die rechtliche Ächtung von Angriffskriegen und die einseitige Verfolgung deutscher Kriegsverbrecher nach den beiden Weltkriegen aussprach. (Kovahl, Ernst: Rechts-Anwalt – Björn Clemens: Ein Multi-Aktivist der extremen Rechten, Lotta #26, Frühjahr 2007, S. 24f.)
Als Anwalt vereidigte er u.a. rechte Provokateure wie Hermann Reichertz und Marko Gottschalk. Seit seinem Parteiaustritt 2007 tritt er u.a. bei der „Pro“-Bewegung auf und schreibt Bücher. 2010 erschien Abendbläue, das ein Endzeitszenario von Deutschland darstellt und nach Angaben seines „Regin“-Verlages mit den „Farben des Feuers der Revolution“ geschrieben sei. (http://www.regin-verlag.de/shop/product_info.php?info=p549_Bj%F6rn+Clemens%3A+Abendbl%E4ue.html) Er schreibt auch für die Burschenschaftlichen Blätter, etwa erschien am 18.04.2012 in dem Blog der Zeitschrift der Artikel Christentum und Nation – Grundgedanken. Dort behauptete er, das „deutsche Volk“ liege auf dem „Totenbett“, ihm fehle ein „glaubensgestütztes Abwehrbollwerk“ für den „Überlebenskampf“. Als positives wie auch Abgrenzungsbeispiel dient ihm der Zusammenhalt stiftende Islam. (http://www.burschenschaftliche-blaetter.de/netzversion/detailansicht/browse/3/meldung/402/christentum.html ; vgl. zum Phänomen des „Islamneids“ auch Grigat, Stephan: Islamneid, Versorgerin Nr. 91, Quelle: http://www.cafecritique.priv.at/Islamneid.html)
Kai Diekmann, Chefredakter der Bild-Zeitung, ist Mitglied in der Franconia Münster. 2006 etwa hielt er noch einen Vortrag bei seiner Verbindung über den „Erfolg der Marke BILD“ (http://www.bildblog.de/ein-abend-mit-bundesbruder-diekmann/). Die Franconia war lange Zeit in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG), ist aber ausgetreten, wie ihrer Homepage zu entnehmen ist. (http://www.franconia-muenster.de/)
Hans Ulrich Kopp soll Alter Herr der Burschenschaft Danubia München sein (Plast a.a.O., S. 80), die zwischenzeitlich vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Er war in den 1990er-Jahren für die Junge Freiheit tätig, außerdem schrieb er für die rechten Organe Aula, Staatsbriefe, Nation & Europa, Criticón u.a. – Er wird vom Handbuch des deutschen Rechtsextremismus „Multifunktionär“ der „jungen Generation im rechtsextremen Lager mit landsmannschaftlichen und burschenschaftlichen Wurzeln“ genannt. (Handbuch deutscher Rechtsextremismus, S. 481f.)
André Goertz, Alter Herr der Germania Hamburg, war Anfang der 1990er-Jahre Landesvorsitzender des Hamburger Landesvorstandes der 1995 verbotenen neofaschistischen „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ (FAP). Bis zur Auflösung der FAP Hamburg unterhielt diese ihr Infotelefon auf dem Haus der Germania Hamburg. Diese Burschenschaft bildet u.a. mit der Germania Halle zu Mainz ein Kartell, also ein enges Freundschaftsverhältnis. (Handbuch deutscher Rechtsextremismus S. 324)
Norbert Weidner, Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn, wurde ebenfalls in der FAP sowie in der rechten „Wiking-Jugend“ sozialisiert. Er war bis 1996 Kassenwart der in Mainz ansässigen „Hilfsorganisation für nationale und politische Gefangene und deren Angehörige“ (HNG), die ihren Sitz bei dem Ehepaar Ursula und Curt Müller in Mainz-Gonsenheim hatte. Die rechtsextreme Organisation wurde 2011 verboten. Seine Mitarbeit in den Neo-Nazi-Vereinigungen Wiking-Jugend und FAP hatte er bei seiner Bewerbung auf dem Burschentag 2006 angegeben, die Deutsche Burschenschaft nahm daran keinerlei Anstoß. (Protokoll Burschentag 2006, S. 50) Von diesen Wurzeln hat er sich später distanziert. Der Wirtschaftsjurist und seine Verbindung nehmen eine Schlüsselposition in den Flügelkämpfen der DB ein. Er wurde wegen eines Leserbriefs, der sich gegen den Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer aussprach, wegen Verunglimpfung des Ansehens Verstorbener 2012 verurteilt und aus der FDP ausgeschlossen. (s.o. Abschn. „2012: Schlammschlacht um Norbert Weidner“)
Rolf Schlierer, Alter Herr der Ex-DB-Burschenschaft Germania Gießen, war bis 2014 Bundesvorstand der „Republikaner“.
Arne Schimmer, Alter Herr der Dresdensia-Rugia aus Dresden, ist seit 2009 Chefredakteur der NPD-nahen Zeitschrift Hier & Jetzt. 2009 bis 2014 saß er für die NPD im sächsischen Landtag. Der Ökonom vertritt antikapitalistische Standpunkte und hatte schon früher für Hier & Jetzt, Staatsbriefe und Wir selbst geschrieben, die alle dem rechten Spektrum zugerechnet werden. Er versuchte u.a. die außerparlamentarische Opposition der 1960er-Jahre völkisch umzudeuten. (http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/schimmer-arne) In einem Interview in den Burschenschaftlichen Blättern breitete er seine Thesen aus: „(…) zum Komplex des ’nationalen Sozialismus‘ gehören nicht zuletzt Rudi Dutschke und Bernd Rabehl, die auf dem Höhepunkt der Blockkonfrontation der sechziger Jahre für die Herstellung der deutschen Einheit eintraten.“ (Interview 13.01.2010, Quelle: http://www.burschenschaftliche-blaetter.de/netzversion/detailansicht/browse/18/meldung/395/fragen-ant.html) Schimmer saß für die NPD im dritten sächsischen NSU-Untersuchungsausschuss („Zwickauer Terrorzelle“) der fünften Wahlperiode. (https://www.npd-fraktion-sachsen.de/fraktion/abgeordnete/arne-schimmer/, Stand 20.05.2016)
Jürgen Gansel, ebenfalls Dresdensia-Rugia Gießen, ist seit 2012 Pressesprecher des NPD-Landesverbandes Sachsen, sowie Kreis- und Stadtrat ebendort. Der Historiker war Redakteur bei dem NPD-Blatt „Deutsche Stimme“ und bringt gerne provokante Thesen in seinen Artikeln und Reden. So soll er in einer Plenarrede 2005 gesagt haben: „Die Behauptung, ein alleine durch Deutschland verschuldeter Krieg sei in Form des alliierten Bombenterrors auf das Land der Täter zurückgefallen (…) ist infam, weil unwahr.“ Die Bombardierung Dresdens durch Alliierte Kampfflugzeuge habe er „Bombenholocaust“ genannt. (http://www.netz-gegen-nazis.de/lexikontext/juergen-gansel ; http://www.npd-fraktion-sachsen.de/fraktion/abgeordnete/juergen-gansel/)
Gansel war, wie auch der Burschenschafter Eberhard Frohnecke (Arkadia Mittweida Osnabrück), in den 1990er-Jahren Mitglied im „Bund Freier Bürger e.V.“. (Cremet, Jean: „Die antikapitalistische Sehnsucht des deutschen Volkes…“ Quelle: http://www.trend.infopartisan.net/trd0400/t110400.html, Stand 20.05.2016) Dieser war eine Partei gegen die Maastricht-Verträge der werdenden Europäischen Union. Später radikalisierte sie sich und wurde von Experten als „rechtsextrem“ eingestuft. Sie löste sich 2000 auf. Anfangs gehörten auch renommierte Wissenschaftler wie der Ökonom Joachim Starbatty und der Jurist Karl-Albrecht Schachtschneider zur Partei, die immer wieder in der Deutschen Burschenschaft auftreten. Der „Bund freier Bürger“ gilt als Vorläufer der 2013 gegründeten „Alternative für Deutschland“.
Frohnecke selbst gehörte nach Helmut Kellershohn zum Unterstützerkreis des ehem. CDU-Abgeordneten Martin Hohmann, der 2003 infolge einer antisemitischen Rede von seiner Partei ausgeschlossen wurde. (Das Doppelspiel der Jungen Freiheit am Beispiel der Hohmann-Affäre. In: Braun, Stefan; Hörsch, Daniel (Hg.): Rechte Netzwerke – eine Gefahr. Wiesbaden 2004, S. 84)
Olaf Haselhorst, Historiker und Alter Herr der Germania Hamburg, wurde zeitweise in verantwortlicher Stelle beim deutschnationalen Magazin Zuerst! gelistet. Er publizierte in Sezession und soll auch mehreren Medienaussagen zufolge beim Blatt Der Schlesier tätig gewesen sein (blog.zeit.de/stoerungsmelder/2012/01/27/nazis-burschen-bundeswehr_8292; http://www.nrw.vvn-bda.de/hma/an_2011_04.htm). Der Schlesier ist eine Wochenzeitung, die sich geschichtsrevisionistisch betätigt und als Plattform für die rechten Parteien NPD, DVU (2011 mit NPD fusioniert) und „Republikaner“ dient. (Handbuch deutscher Rechtsextremismus s. 425f.) Derzeit ist die Homepage der Verlagsgruppe „Lesen und Schenken“ des Unternehmers Dietmar Munier nicht erreichbar, in der Schlesier erscheint. (Stand April 2016)
Sascha Jung ist Jurist, ehem. SPD-Mitglied und Alter Herr der Danubia München. Er gründete 1992 den „Hofgeismarer Kreis“ u.a. mit Bernd Rabehl (s.u. „Referenten“) in der SPD neu, der den „nationalen Gedanken“ gegenüber den Jusos vertreten sollte. Den Kreis hatte es als nationalrevolutionäre Bewegung in der Weimarer Republik schon gegeben. Laut Handbuch des deutschen Rechtsradikalismus sollen die „Hofgeismarer“ Kontakte zur Jungen Freiheit und Aula gepflegt haben, und bereits im Gründungjahr 1992 in die Schlagzeilen geraten sein: In einer Mediensendung hatten Mitglieder Sympathien mit den gerade stattgefundenen rechtsradikalen Anschlägen gegen Flüchtlinge in Rostock bekundet. (Handbuch deutscher Rechtsextremismus, S. 193) Gegen Jung und Harald Heinz wurde demnach damals ein einjähriges Funktionsverbot von seiner Partei verhängt.
2006 wurde dann Jung in Bayern ein Posten als Richter verweigert, weil er Mitglied der Danubia München ist, die vom Verfassungsschutz als „rechtsextrem“ eingestuft wird. Zudem wurde er aus seiner Partei ausgeschlossen, der er laut der Süddeutschen Zeitung seit 1990 angehörte.
Eine „Initiative Akademische Freiheit“ der DB lancierte vor allem in der Zeitung Junge Freiheit Solidaritätsadressen mit Jung. Sascha Jung klagte sich wegen Formfehler im Ausschlussverfahren wieder in die SPD ein und verteidigte später u.a. die rechte Modemarke Thor Steinar und seine Burschenschaft Danubia. (http://www.tagesspiegel.de/berlin/brandenburg/verfassungsschutz-thor-steinar-verklagt-ministerium/1383134.html)
Eine Kampagne der DB und der Jungen Freiheit arbeitete zudem bis mindestens 2008 auf eine Löschung der Danubia München aus dem Verfassungsschutzbericht des Landes Bayern hin. (Protokoll Burschentag 2008, S. 7) Zur Vernetzung der Danubia nach rechts sagte der Rechtsextremismus-Experte Wolfgang Gessenharter in einem Nachrichtenportal: „Eher dürften rechte studentische Verbindungen wie die Danubia der NSU mit Kontakten geholfen haben.“ „Kameradschaften“ (sic!) wie die Münchner Danubia seien demnach zentral im weit verzweigten Kommunikationsnetz der rechten Szene.
(http://www.derwesten.de/region/wie-odfried-hepp-zum-terroristen-wurde-id7631727.html)
Sascha Jung lebt heute in Mecklenburg-Vorpommern und ist bei der Partei „Alternative für Deutschland“.
Christopher von Mengersen ist Mitglied der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn. Er sitzt seit 2014 für PRO NRW im Stadtrat Bonn. (http://cvmengersen.de/, Stand 20.05.2016) Einer Lokalzeitung gab er zu Protokoll, dass er Mitglied der „Republikaner“ sei und auch Kontakt zu NPD-Mitgliedern hätte. (Quelle: http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/stadt-bonn/Pro-NRW-Ratsherr-s%C3%A4gt-den-Kreis-Chef-ab-article1637844.html, Stand 20.05.2016) PRO NRW werden laut der gleichen Zeitung eine „rechtsextremistische Bestrebungen“ im Sinne von „ausländer- und islamfeindlicher Propaganda“ zugeschrieben.
Von Mengersen gratulierte im Juni 2015 der aufstrebenden „Alternative für Deutschland“ zum „Ruck nach Rechts“ in der Bundespolitik. (http://bonn.pro-nrw.net/pro-nrw-gratuliert-afd-zum-ruck-nach-rechts/, Stand 20.05.2016) Er sprach sich auch für eine Vernetzung der rechten Parteien wie AfD und „Republikaner“ aus, zur Bildung einer gesammelten „rechtspopulistischen Volkspartei“.
Der Politiker geriet Anfang 2016 in die Schlagzeilen, weil der dringende Verdacht bestand, dass er das Stadtratsmandat von seinem Vorgänger gekauft hatte. (Backhaus, Jessica: Unfassbar! Bonner Politiker hat seinen Platz im Stadtrat verkauft. 23.02.2016, Quelle: http://www.express.de/bonn/unfassbar—bonner-politiker-hat-seinen-platz-im-stadtrat-verkauft-23615772, Stand 20.05.2016)
Die DB und ihre Mitgliedsverbindungen veranstalten zahlreiche Tagungen, Vorträge und Workshops mit umstrittenen Referenten.
Am 31. März 2007 beging die DB das Symposion „175 Jahre Hambacher Fest – Beschränkung der Meinungsfreiheit einst und heute“. Es sprachen neben dem renommierten Journalisten Karl Feldmeyer etwa Lutz Weinzinger, FPÖ-Abgeordneter, Autor der Zeitschrift Die Aula. Diese Zeitung nimmt laut dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes eine „zentrale Funktion“ für das „rechtsextreme Spektrum Österreichs“ ein. (http://www.doew.at/erkennen/rechtsextremismus/rechtsextreme-organisationen/die-aula) Weinzinger war im Vorjahr in Kritik geraten, weil er eine Veranstaltung organisiert hatte, an der auch Neonazis um den bekannten österreichischen Funktionär Gottfried Küssel teilnahmen. (http://www.doew.at/erkennen/rechtsextremismus/rechtsextreme-organisationen/die-aula#weinzinger ; http://www.doew.at/erkennen/rechtsextremismus/neues-von-ganz-rechts/archiv/september-2006/neonazis-bei-nationalfreiheitlicher-feierstunde#weinzinger)
Josef Schüßlburner, deutscher Jurist und Ministerialbeamter, war Referent und Autor bei den Sommerakademien der Jungen Freiheit, der Aula, der „Gesellschaft für freie Publizistik“ und dem Magazin Criticón (Handbuch deutscher Rechtsextremismus, S. 201, 267, 401). Schüßlburner setzt sich publizistisch mit den Herrschaftsstrukturen der Bundesrepubk auseinander. Er tritt u.a. für die Legalisierung der Holocaustleugnung und die Benutzung der Hakenkreuzfahne ein und soll vom Verfassungsschutz beobachtet worden sein. (BT-Drs. 16/6364, Quelle: http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/16/063/1606364.pdf)
Auf dem 2007 stattfindenden „Turmkommers“ wurde das 90-jährige Bestehen des Burschenschafterturmes in Linz begangen. Redner war etwa der emeritierte Professor für Staatsrecht Karl-Albrecht Schachtschneider. Er reichte zahlreiche Beschwerden u.a. gegen die EU beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ein, manche in Kooperation mit dem Volkswirt Joachim Starbatty, der später auch bei einer Burschenschaft auftreten sollte. Schachtschneider ist im Präsidium des CDU-nahen „Studienzentrum Weikersheim“ (http://www.studienzentrum-weikersheim.de/9-0-Praesidium.html, Stand 07.05.2016), das nach dem „Handbuch deutscher Rechtsextremismus“ zum „verbindenden Moment zwischen konservativer und rechtsextremer Strömung“ geworden ist. (Handbuch deutscher Rechtsextrremismus, S. 209) Schachtschneider ist offizieller Unterstützer der „Alternative für Deutschland“ (AfD) und im wissenschaftlichen Beirat der europakritischen Partei. Er hat in den 1990er-Jahren auch der nationalistischen Partei „Bund freier Bürger“ angehört (Handbuch deutscher Rechtsextremismus, S. 181; http://www.diss-duisburg.de/Internetbibliothek/Artikel/Bund_freier_Buerger.htm) Er publizierte aber auch Bücher über den Islam und die Grenzen der Religionsfreiheit. Ferner soll er für die Aula und die Junge Freiheit refieriert bzw. geschrieben haben. Nach Medienangaben soll er für die NPD als Sachverständiger fungiert haben. (https://www.alternativefuer.de/unterstuetzer/ ; http://www.wissensmanufaktur.net/karl-albrecht-schachtschneider ; http://www.sueddeutsche.de/politik/neue-anti-euro-partei-henkel-von-rechts-1.1625046-2 ; http://www.kaschachtschneider.de/de/verfassungsbeschwerden.html)
Neben Schachtschneider trat auch Bernd Rabehl beim Turmkommers auf. Der Soziologe war längere Zeit am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin tätig, das sich aber von ihm lossagte, nachdem er bei einer Rede vor der Burschenschaft Danubia München seine Auffassungen zur „nationalen Identität“ sowie ein „nationalrevolutionäres“ Konzept ausbreitete, die nach Angaben des Institutes „offensichtlich in die rechtsradikale Richtung“ deuten. (https://web.archive.org/web/20090507175541/http://www.polwiss.fu-berlin.de/fsi/bernie/index.htm) 2009 war er kurz für NDP und DVU als Kandidat für das Bundespräsidentenamt aufgestellt. (http://www.zeit.de/2011/33/Mahler-Rabehl/komplettansicht)
Im März 2009 lud die Erlanger Burschenschaft Frankonia, mit der Germania Halle Mainz in einem Kartell ist, zu einem Seminar der Burschenschaftlichen Gemeinschaft in Erlangen ein. Redner des mit „Globalisierung“ betitelten Abends waren Wolfgang Caspart, Philosoph, Politik- und Betriebswirtschaftler, Thomas Bagatzky, Professor für Ethnologie an der Universität Bayreuth, und Alain de Benoist, Publizist und Vordenker der französischen Neuen Rechten (DB-Schnellinformation Nr. 8 im Geschäftsjahr 2008/2009, 13.02.2009, S. 1). Benoist ist eine Schlüsselfigur der französischen rechtsintellektuellen Szene im Frankreich des ausgehenden 20. Jahrhunderts, der auch einen erheblichen Einfluss auf die deutsche sog. „Neue Rechte“ hatte. (s. Kap. „Die Neue Rechte“)
In Frankfurt fand am 12. und 13. September 2009 die Verbandstagung der DB statt, deren Redner Konrad Löw und Hartmut Jericke waren. Löw sprach über die Paulskirchenverfassung. Zur Zeit dieses Vortrags dürfte sein Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht schon begonnen haben, bei dem er schließlich das Recht bekam u.a. die Aussage zu tätigen, es habe eine „deutsch-jüdische Symbiose unter dem Hakenkreuz gegeben“. Erschienen war die Formulierung mit vielen anderen an Verharmlosung der Schoah reichenden Aussagen nach Medienangaben 2004 in „Deutsche Identität in Verfassung und Geschichte“ bei der Bundeszentrale für politische Bildung. (http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010-09/konrad-loew-nationalsozialismus) Der Historiker Jericke sprach über „Der Wert der Freiheit für die bürgerlichen Gesellschaft – Ein historischer Vortrag über die Freiheit und ihre Bedrohung“. Er war parlamentarischer Berater für die rechten „Republikaner“ im Stuttgarter Landtag. (http://deutschesprachwelt.de/berichte/wahl/bw-rep.shtml)
Hochkarätig besetzt war die „V. Bielefelder Ideenwerkstatt“ der Normannia-Nibelungen Bielefeld am 28.11.2009. Die Veranstaltung war mit „Terrorismus – Freiheitskampf, Fanatismus oder staatlich gelenkte Gewalt?“ betitelt. (DB-Schnellinformation Nr. 3 im Geschäftsjahr 2009/2010, 13.11.2009, S. 3f.) Sie sollte das Phänomen laut Einladung von Seiten eines „entrechteten Volkes“ beleuchten, dessen Widerstand gegen seine „Peiniger“ „legitimer Freiheitskampf“ sei. Aber laut Einladung wurde auch der „moralfernen Macht- und Interessenpolitik“ etwa der NATO Aufmerksamkeit geschenkt, die „zum weltweiten Terrorismus unter ‚falscher Flagge’“ beitrage.
Für die subjektive Seite des Terrorismus standen wohl der Nazi-Aussteiger Odfried Hepp (Vortrag „Vaterland und Mutterleib – Von lebensgefährlicher Indoktrination zur eigenen Erkenntnis“) und der RAF-Helfer Reinhard Pitsch (Vortrag „Der Begriff des Terrorismus – eine Analyse aus historischer und begriffstheoretischer Sicht“).
Einen „Marsch durch die Illusionen“ hat nach seinem Vortragstitel der schillernde Klaus Rainer Röhl hinter sich. Der Journalist ist der Ex-Mann von RAF-Ikone Ulrike Meinhof und hat von Hitlerjugend über KPD alles mitgemacht, um später Redakteur der „Preußischen Allgemeinen Zeitung“ zu werden und als „Nationalliberaler“ in der FDP aktiv zu werden. Er unterstützte etwa in seinem Buch Höre Deutschland. Wir schaffen uns nicht ab 2011 die polemischen muslimfeindlichen Inhalte des Publizisten Thilo Sarrazin, wie aus Röhls Internetpräsenz hervorgeht.
Außerdem sprach Dr. Rainer Glagow über „Das Gewaltproblem des Islam“. Der 2010 verstorbene Islamwissenschaftler war von 1994 bis 2006 im Hauptstadtbüro der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung tätig, bei der Bürgerbewegung Pax Europa, sowie als Autor bei dem Internetportal PI-News sowie der Jungen Freiheit.
Das Weblog PI News bzw. Politically Incorrect polemisiert gegen eine „Islamisierung“ Europas und ist Unterstützerin u.a. der ebenso ausgerichteten „egida“-Bewegung, der rechtskonservativen „Freiheitlichen Partei Österreich“ (FPÖ), der „Identitären Bewegung“ und „German Defence League“. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, und der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius warnten vor der „Hetze“ der Webseite. (http://www.noz.de/deutschland-welt/politik/artikel/543229/gefahrlich-wie-die-npd-zentralrat-der-juden-warnt-vor-pi-news)
Dem Thema des staatlich gedeckten Terrorismus haben sich Prof. Dr. Michael Buback und Elias Davidsson gewidmet. Buback, Sohn des 1977 von der RAF ermordeten Siegfried Buback, sprach dort über den „Zweiten Tod meines Vaters“. Buback hatte Aufsehen erregende Untersuchungen über angebliche Verquickungen der Terror-Organisation RAF und den deutschen Geheimdiensten veröffentlicht.
Der wegen seiner Verschwörungstheorien etwa zum 11. September 2001 umstrittene Elias Davidsson sprach Ideenwerkstatt der Normannia Bielefeld zum Thema „Konstruierter Terrorismus als Regierungspolitik“. Der Komponist betätigt sich auch auf dem Gebiet des Völkerrechts und publiziert u.a. in der Zeitschrift Ossietzky (http://www.sopos.org/aufsaetze/4e61e984336e6/1.phtml)
Im November 2009 sprach Prof. Menno Aden vom Corps Frankonia Tübingen über „2000 Jahre Hermannsschlacht – 2000 Jahre Deutschland? Zur deutschen Identität“. Der Jurist war bis 2014 Vorsitzender der Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft e.V. (SWG) in Hamburg, die mit den neurechten Organen Preußischen Allgemeine Zeitung und Junge Freiheit kooperiert. Aden war außerdem bis 2014 Mitglied in der AfD-Stadtratsfraktion in Essen.
In eigenen und verlinkten Online-Artikeln der SWG wird die „Vaterlandslosigkeit“ von Feiern der deutschen „Niederlage“ von 1945 angegriffen (http://www.swg-hamburg.de/Aktuelles/Vaterlandslos.pdf) oder auch die restriktive Asylpolitik der Schweiz als „Notbremse“ gelobt (https://buergerstimme.com/Design2/2015/03/asylpolitik-und-ihre-folgen/). Aden sagte in einem Vortrag bei der rechten Bürgerbewegung „Pro Berlin“ 2010, es sei „verfassungswidrig“, dass das Goethe-Institut Karten aufhänge, „auf denen jenseits Oder-Neiße-Linie die Welt aufhört.“ Aden liegt auf der Linie der Deutschen Burschenschaft, wenn er zur Gründung einer „privaten Genossenschaft“ aufruft, „welche deutschen Interessenten beim Erwerb und der sozialverträglichen Nutzung von Grundbesitz in den ehemaligen deutschen Ost-Gebieten unterstützt“ (http://www.pro-berlin.net/?p=1030)
Die Verbandstagung der Deutschen Burschenschaft im März 2011 in Würzburg widmete sich schlicht der „Lage in Deutschland“. (DB-Schnellinformation Nr. 2 im Geschäftsjahr 2011, 27.01.2011, S. 4). Zur Rednerliste gehörte der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis. Der konservative Katholik gilt als Kritiker von Homosexuellen und Kriegsverrätern. Außerdem sprachen die Volkswirte Peter Bofinger und Joachim Starbatty. Bofinger gehört zu den „Wirtschaftsweisen“ der Bundesregierung. Starbatty war bis 2015 Mitglied der europakritischen „Alternative für Deutschland“ (AfD), in den Neunzigerjahren gehörte er mit Karl-August Schachtschneider schon der europakritischen Partei „Bund freier Bürger“ an. Der 1940 geborene Starbatty sitzt in der „Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer“ im Europaparlament. (http://www.europarl.europa.eu/meps/de/124827/JOACHIM_STARBATTY_home.html, Stand 07.05.16)
Der letzte Redner der DB-Tagung, der Kulturphilosoph Harald Seubert, ist Professor an der Theologischen Hochschule in Basel. Er war einige Jahre Vorsitzender des Preußeninstituts und ist seit 2010 Präsident des „Studienzentrums Weikersheim“, das als konservativer think tank gilt. (http://www.studienzentrum-weikersheim.de/9-0-Praesidium.html, Stand 07.05.2016) Mitglied in dem CDU-nahen Studienzentrum, das vom Ex-Ministerpräsidenten Hans Filbinger mit Industriemitteln aus der Taufe gehoben wurde, ist auch Hans-Ulrich Kopp von der Danubia München. (Handbuch deutscher Rechtsextremismus S. 207f.)
Nur einen Monat zuvor, im Februar 2011, hatte die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn zum Seminar geladen, auf dem die FPÖ-Politikerin Barbara Rosenkranz über „MenschInnen – der Irrweg des Gender Mainstreaming“ sprach. Auf ihrem Blog polemisiert die nationalkonservative Rosenkranz gegen Flüchtlinge, „Multikultopia“ und dafür, dass „Österreich seine Grenzen sichern“ müsse. (vgl. http://www.barbara-rosenkranz.at/, Stand 07.05.2016) Ihr Ehemann war Funktionär der Nationaldemokraten in Österreich, die 1988 verboten wurde.
Ebenfalls aus Österreich stammt der Publizist Richard Melisch, der in Bonn über „Hintergründe und Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise“ sprach. Der Buchautor verteufelt die Globalisierung als „Entsouveränisierung der Völker“ durch eine Wirtschaftslobby, wie aus dem Werbetext zu seinem Buch Das Schweigen der glücklichen Sklaven von 2010 hervirgeht. (https://web.archive.org/web/20120802084008/http://www.zeitreisen-verlag.de/Enthuellungen-Spezial/Politik/Richard-Melisch-Das-Schweigen-der-gluecklichen-Sklaven.html, Stand 07.05.2016) Er tritt u.a. bei ultrarechten Organisationen wie „Gesellschaft für freie Publizistik“ und der „Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik“ auf. (vgl. http://derstandard.at/1267743602955/Rechtsextremer-haelt-Israel-Vortrag-fuer-FPOe-Akademiker ; http://www.bnr.de/category/stichworte/richard-melisch, Stand 07.05.2016)
Die „Gesellschaft für freie Publizistik“ (GfP) wurde 1960 unter der Führung des ehemaligen stellvertretenden Reichspressechefs der NSDAP, Helmut Sündermann, gegründet. Sie veranstaltet Kongresse und gibt das Blatt „Das freie Forum“ heraus. Noch 2005 erscheint die Gesellschaft und ihr damaliger Leiter Andreas Molau, später ein bekannter Nazi-Aussteiger, im Verfassungsschutzbericht des Bundes als „größte rechtsextremistische Kulturvereinigung“, dem vor allem Verleger, Buchhändler, Redakteure und Schriftsteller angehörten. (Bundesministerium des Innern: Verfassungsschutzbericht 2006, S. 132)
Die „Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik“ ist eine österreichische Partei, die laut einem Rechtsgutachten von Prof. Heinz Mayer aus Wien 2005 Folgendes in Veranstaltungen und Publikationen betreibt: „Verherrlichung nationalsozialistischer Ideen und Maßnahmen, zynische Leugnung von nationalsozialistischen Gewaltmaßnahmen, eine hetzerische Sprache mit deutlich aggressivem Ton gegen Ausländer, Juden und ‚Volksfremde‘ sowie eine Darstellung ‚des Deutschen‘ als Opfer“. (http://www.doew.at/cms/download/edpm0/gutachten_afp.pdf)
In Mainz ist seit dem Sommersemester 1959 die Burschenschaft Germania Halle zu Mainz ansässig. Ursprünglich wurde sie 1861 in Halle gegründet. Da eine Wiederaufnahme des Betriebes in der damaligen Ostzone nach dem Zweiten Weltkrieg aber keiner Verbindung möglich war, siedelte Germania Halle sich in Mainz an. Heute ist sie aufgrund ihrer politischen Ausrichtung die umstrittenste Mainzer Verbindung. Sie ist Mitglied in der „Burschenschaftlichen Gemeinschaft“ (BG), die zum ultrarechten Flügel der DB gezählt werden kann, mit Überschneidungen ins rechtsextreme Lager (s.o. Kap. „Burschenschaftliche Gemeinschaft“ und „Referenten“). Außerdem bildet sie mit Frankonia Erlangen und Germania Hamburg das „Schwarzweißrote Kartell“, das Mitinitiator der BG ist. (https://web.archive.org/web/20150309215139/http://germania-halle.de/?page_id=4, Stand 07.05.2016)
Die Germania Halle besitzt ein Haus in der Stahlbergstraße in der Nähe der Unikliniken, das an Flagge und „Zirkel“ erkennbar ist, also dem verschlungenen Monogramm auf der Fassade. Der Zirkel ergibt die Anfangsbuchstaben des Mottos „Freiheit, Ehre, Vaterland“, die auch der Sinnspruch des Verbandes DB ist. Die Farben der Verbindung sind weiß-rot-gold, sie werden dabei von unten gelesen.
Doch es gibt noch mehr burschenschaftliches Leben in Mainz: Neben Germania Halle ist noch die Burschenschaft Saravia zu nennen, die seit 1992 nur noch aus dem Altherrenverein besteht. Sie ist 2012 aus der DB ausgetreten. Die Burschenschaft Arminia Mainz ist seit eben dieser Zeit unbekannt verzogen. 2015 trat sie Wikipedia zufolge in die Burschenschaft Arminia auf dem Burgkeller über. Arminia Mainz war kein Mitglied der DB. Sie hatte sich 1992 gebildet, als die Burgkeller-Burschenschaft nach Jena zurückkehrte.
Die Alten Herren einer katholischen Burschenschaft Kurmainz haben noch eine Anschrift in Mainz-Kastel, auch die Burschenschaft Ebernburg im Schwarzburgbund (SB) hat noch eine Altherren-Anschrift in der Region. Diese beiden Verbindungen sind aber inaktiv, d.h. es gibt nur noch Alte Herren und es besteht wohl keine Hoffnung auf neue Aktive. Kurmainz, Ebernburg und Saravia verfügen über keine eigenen Häuser mehr. Allerdings gibt es in Partenheim noch einen „Willigis“-Stammtisch des Rings Katholischer Deutscher Burschenschaften (RKDB), dem die Kurmainz angehört.
Die Kurmainz ist wahrscheinlich 1925 gegründet, zu einer Zeit, als es in Mainz gar keine Universität gab. Zu dieser Zeit gab es auch schon einen lokalen Philisterzirkel des katholischen CV. Dies und die noch heute bestehenden sechs katholischen Verbindungen zeigen, dass Mainz auch im Verbindungsleben stark katholisch geprägt ist. Die Katholiken bilden traditionell ein Gegengewicht zu den schlagenden und protestantisch geprägten Burschenschaften.
Viel enger ist sicher die Verbindungen der lokalen schlagenden Verbindungen untereinander – denn diese sind es, die die Mensuren untereinander austragen. Es wird nie innerhalb einer Verbindung gefochten. Germania Halle, bei denen das Schlagen von Mensuren Pflicht ist, bildet einen „Waffenring“ mit den anderen drei pflichtschlagenden Verbindungen, dem Corps Hassia Gießen sowie den Landsmannschaften Hercynia und Merovingia. Dieser Zusammenschluss hält pro Semester zwei „Pauktage“ ab, an denen Mensuren zwischen den Verbindungen gefochten werden. Ansonsten werden in eigenen Sitzungen Regularien abgesprochen. Ob die fakultativ schlagende Sängerschaft St. Pauli und der frei schlagende VdSt Asciburgia an den Pauktagen teilnimmt, ist nicht bekannt.
Die Angaben zu Mitgliederzahlen sind bei Germania Halle widersprüchlich: Im September 2008 hat sie acht aktive Mitglieder und 48 alte Herren. Dies geht aus einer Umlageliste für die Finanzierung des Langemarck-Denkmals in Eisenach hervor. (DB-Schnellinformation Nr. 3 im Geschäftsjahr 2008/2009 , 16.09.2008, S. 4) Vier Jahre später gab Thorsten Schulze in einem Interview der unipress gegenüber an, der Bund habe ganze 113 Mitglieder, davon 11 Studierende (unipress 379, Dezember 2012, S.12).
Seit ihrer Gründung ist die Verbindung in rechtskonservativen Kreisen aktiv. Der alte Reader berichtet von einer Verwicklung der Germania Halle in die Gründung des Nationalen Hochschulbundes. Fest steht allerdings wohl nur, dass Peter Schumm, Mitglied des NHB, nach 1970 Brand- und Schusswaffenanschläge auf das Mainzer DGB-Haus und einen Gewerkschaftsfunktionär unternommen hat. (vgl. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41667238.html) Peter Naumann, ein anderes NHB-Mitglied, schoss 1975 in Mainz beim Verteilen des NHB-Zeitschrift mit einer Gaspistole auf Studierende. Er ist zeitlebens rechter Aktivist gewesen, in den 1980er-Jahren etwa wurde er wegen Bombenattentaten angeklagt. (Rechte Hochschulgruppen in Mainz, Quelle: http://www.nadir.org/nadir/archiv/Antifaschismus/Organisationen/Hochschulgruppen/Mainz/ntrp.html) Heute ist er für die NPD tätig.
1972 wurde der „Ring Freiheitlicher Studenten“ (RFS) auf der 10-Jahres-Feier der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG) in Mainz gegründet, wo auch die „Zentralstelle“ des RFS-Förderkreises ihren Sitz hatte. (ebd.) Vorbild war der RFS in Österreich, der vom Politiker Dr. Norbert Burger in den Fünfzigerjahren gegründet worden war. (ebd.; http://austria-forum.org/af/AEIOU/Burger,_Norbert ; http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/13/001/1300185.asc) Burger war eine zentrale Figur in der rechtsradikalen Szene der österreichischen Nachkriegszeit: Er hatte 1951 die Wiener Burschenschaft Olympia mitbegründet, war laut Wilhelm Lasek Bundessprecher der neonazistischen „Nationaldemokratischen Partei“ (NDP). (Lasek, Wilhelm: Funktionäre, Aktivisten und Ideologen der rechtsextremen Szene in Österreich. Quelle: http://www.doew.at/cms/download/b3c9m/lasek_funktionaere-5.pdf) Er wurde in den 1960er-Jahren in Italien wegen Bombenattentaten in Südtirol zu hohen Haftstrafen verurteilt. (ebd.) Da viele Angehörige der Olympia Wien darin verwickelt waren, wurde auch die Burschenschaft zeitweise verboten. (http://web.archive.org/web/20050923200328/http://olympia.burschenschaft.at/chronik_text.html) Die NDP wurde 1988 wegen „neonazistischen Charakters“ verboten (vgl. Lasek a.a.O.).
Kurz nach der Gründung des RFS in Mainz durch u.a. Wolfgang Traxel war auch eine entsprechende Hochschulgruppe in Mainz existent. Der alte Reader berichtet, es seien Burschenschafter als RFS-Kandidaten zu den StuPa-Wahlen 1973 und 1974 angetreten. Dies lässt sich jedenfalls für 1973 nicht bestätigen. Ein Korrespondent der RFS-Zeitschrift soll als Adresse Stahlbergstraße 33 gehabt haben, wo seit 1970 die Burschenschaft Germania Halle ansässig war. (Rechtsextreme Hochschulgruppen in Mainz, a.a.O.) Der RFS in Mainz erzwang wohl auf dem Klageweg einen Austritt des Mainzer AStA aus dem „Verband deutscher Studentenschaften“ (VDS), weil dessen allgemeinpolitisches Mandat nicht mit der Zwangsmitgliedschaft in den verfassten Studierendenschaften vereinbar sei. Außerdem wollte der RFS am 9. Mai 1974 eine Kundgebung mit dem ehemaligen NPD-Bundestagskandidaten Fritz Münch abhalten. Diese Veranstaltung auf dem Unicampus wurde jedoch auf Anregung des AStA von 500 Studierenden gesprengt. (Rechtsextreme Hochschulgruppen in Mainz, a.a.O.)
Zu der Ideologie des RFS heißt es im Handbuch deutscher Rechtsextremismus: „Die Politik müsse vor allem der Ungleichheit der Menschen, die Ausdruck ihrer Natur sei, Rechnung tragen. (…) Der ethnopluralistische und elitäre Ansatz des RFS und dessen Nähe zur sogenannten Neuen Rechten schlägt sich auch in dem positiven Bezug auf die Thesen Alain de Benoists und Henning Eichbergs nieder.“ (Handbuch deutscher Rechtsextremismus, S. 335)
Hauptakteur des Mainzer RFS war besagter Wolfgang Traxel (Burschenschaft Dresdensia Rugia Gießen), der heute in Leipzig lebt. In Mainz soll er mit RFS-Leuten bei der Germania Halle gewohnt haben. (Adressverzeichnis Mainz, zit. nach: Rechtsextreme Hochschulgruppen in Mainz, a.a.O.) Nachdem sich der Mainzer RFS um 1975 auflöste, betätigte sich Traxel noch als Autor in der Nationalzeitung und in dem Blatt student, in dem auch der nationalrevolutionäre rechte Denker Henning Eichberg schrieb. (ebd. ; Handbuch deutscher Rechtsextremismus S. 455)
Seit Mitte der 1990er-Jahre war Traxel zudem Vorsitzender des Verbands Alter Burschenschafter Leipzig (Burschenschaftliche Blätter 1/1995, S. 52, nach: Plast a.a.O., S. 58) und verwaltete die Kasse des „Bundes Deutscher Unitarier“. Zu diesem Bund heißt es im Handbuch Deutscher Rechtsextremismus: „Der Bund verbreitet die Vorstellungen und Theorien Sigrid Hunkes. Kernthese ist die Notwendigkeit von der Rückkehr zu ‚Europas eigener Religion’, ohne die sowohl der biologische Fortbestand als auch die ‚deutsche Identität’ gefährdet sei. Um dies zu erreichen, wird auf Wilhelm Hauer, Indianermystik, ‚Geschichtsrevisionismus’, Germanenmythos und Runenkunde zurückgegriffen.“ (Handbuch deutscher Rechtsextremismus, S. 373)
Laut dem vorherigen Reader des AStA Mainz soll Germania Halle 1977 eine Unterschriftenaktion zur Freilassung von Rudolf Heß durchgeführt haben. 1981 veranstaltete die Burschenschaft dann zum 110. Jahrestag der Reichsgründung einen Fackelmarsch durch die Stadt. Die Abschlussrede hielt der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger, der 1978 über seine Nazi-Vergangenheit gestürzt war. (Rechtsextreme Hochschulgruppen in Mainz, a.a.O.) Die Veranstaltung war wohl von der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG) durchgeführt worden, deren Sprecher 1971 Dieter Niederhausen (Germania Halle zu Mainz) war. 1984 wurde er in den Rechtsausschuss der BG gewählt (Burschenschaftliche Blätter 7/1984, S. 199, zit. nach: Plast a.a.O., S. 59); Ende der 1990er-Jahre hatte Niederhausen den Vorsitz des Rechtsausschusses inne (Burschenschaftliche Blätter 3/1998, S. 146 nach: Plast a.a.O., S. 59), und zudem den Vorsitz des Vereins zur Erhaltung des Burschenschafterdenkmals. (Burschenschaftliche Blätter 2/1997, S. 86, zit. nach: Plast 2001, S. 59)
Die „Vereinigung alter Burschenschafter“ (VAB) Mainz hatte nach der Reform der Altherrenorganisationen hatte von 1980 bis zum Frühjahr 1987 den Vorsitz des neu organisierten „Verbandes der Vereinigungen alter Burschenschafter“ (VVAB) inne. (http://www.vvab.de/vvab.htm)
Neben den zahlreichen geselligen Abenden drehten sich die Referate bei der Mainzer Germania in den 1990er-Jahren vornehmlich um die Themen Vertreibung, Militär und das Kaiserreich. Der alte Reader listet folgende per Flugblätter bzw. Plakate beworbene Vorträge auf: „Reichsgründung“ (am 18.01.1995), „Das Deutschtum im Banat“ (Herr Soucek am 10.05.1995) „Studenten im Reservistenverband“ (Herr Warfolomäo am 09.11.1994), „Soll man über Vertreibung reden oder muß man?“ (Herr Bermeitinger am 12.07.1995), „Der Deutsch-Tschechische Vertrag“ (Wolfgang Thüne am 18.11.1997) und „Namibia – auf den Spuren der Schutztruppe“ (am 31.05.2001). (alle nach: Plast a.a.O., S. 60)
Außerdem standen etwa am 07.10.1995 der „Kärntner Freiheitskommers“ und am 22.10.1994 der Südtiroler Freiheitskommers Innsbruck auf dem Programm. Die Verbindung macht auch heute häufiger Exkursionen nach Südtirol, etwa mit dem Alten Herren Niederhausen. Auf Facebook veröffentlichte man etwa ein Gruppenbild an einem dortigen Strommast, was als Anspielung auf den Südtirol-Terror der 1960er Jahre gelten kann.
Die Burschenschaft Germania Halle zu Mainz gratulierte im Juni 2001 der Jungen Freiheit zum 15-jährigen Erscheinen. (www.jf-archiv.de/archiv01/271yy49.htm)
Im Bundestagswahlkampf 2002 hatte Germania Halle einen eigenen Unterpunkt „Politik“ auf ihrer Seite angelegt, in dem sie eine Banneraktion in Wiesbaden dokumentierte. „Für eine konservative Wende“ lautete der Schriftzug, die sie auf einer Kundgebung des CSU-Politikers Edmund Stoiber auf hochhielten. (die nachfolgenden Absätze beziehen sich auf die Homepage germania-halle.de, wie sie auf www.archive.org archiviert ist)
Gleichzeitig veröffentlichte sie den „Mainzer Appell burschenschaftlichen Handelns und Wollens“, in dem sich die gesamte Deutsche Burschenschaft „gegen Fremdenhass und Menschenverachtung“ und „für Vaterlandsliebe“ aussprach sowie eine politische Orientierung „am dauerhaften Nutzen für das deutsche Volk“ bekundeten. Der Burschentag 2002 hatte diese Erklärung verabschiedet, sich aber gleichzeitig gegen ein Engagement gegen Rechtsradikalismus ausgesprochen, wie aus dem entsprechenden Protokoll hervorgeht. (s.o. Kap. „Der Doppelcharakter der DB nach 2000“) Im darauffolgenden Jahr nahmen Mitglieder der Mainzer Verbindung an einer Reservistenübung der Bundeswehr teil. Außerdem gründen sie die Hochschulgruppe „FUNK“ mit: „Freiheitlich – Unabhängig – Neu – Korporiert“, die aber keine nennenswerten Erfolge verbuchen konnte.
2002 feierte übrigens die Burschenschaft Saravia 50-jähriges Bestehen. Sie verlas nach Angaben der Allgemeinen Zeitung Mainz eine Resolution, in dem sich die Alten Herren „sich von allen rechtsextremistischen Handlungen und Tendenzen einzelner Burschenschaften“ distanzierten. Die Saravia besteht seit 1992 nur noch aus dem Altherrenverein. (Allgemeine Zeitung 23.05.2002)
In der Folgezeit feierte die Germania Halle regelmäßig „Heldengedenken“ am Volkstrauertag. Seit einigen Jahren findet dies immer am 117er Ehrenhof in der Mainzer Neustadt statt. Dies ist ein Mahnmal des Ersten Weltkrieges, das 1933 im Rahmen von nationalsozialistischer Gedenkpolitik eingeweiht wurde.
Im Wintersemester 2002 feierte die Germania Halle Heldengedenken, einen altgermanischen Abend und machte eine Exkursion zum Niederwalddenkmal anlässlich der Reichsgründung. Der Verbindungsbruder und Wormser FDP-Politiker Jürgen Neureuther kam ebenfalls zum Vortrag.
Die folgenden Jahre lassen sich nur schwerlich rekonstruieren. Die Verbindung tritt nur sporadisch in der Öffentlichkeit auf und beschränkt sich auf Vortragsabende zu nationalen Themen. So sprach am 29. Oktober 2003 Heiner Kappel zu den Burschenschaftern. Kappel war zu diesem Zeitpunkt Vorsitzender der rechtskonservativen „Deutschen Partei“. Im darauffolgenden Monat hielt Peter Tauber, damals Vorsitzender der Jungen Union Hessen, einen Vortrag über „Dienen für Deutschland“.
Im Jahr 2004/2005 ist keine Aktivitas auf der Homepage zu sehen. Offenbar litt auch Germania Halle in dieser Zeit unter dem Nachwuchsmangel, der auch damals schon im Verband beklagt wird. Dabei stand der DB der große Eklat und die Aufsplitterung erst noch bevor. Am 17. November 2004 war in Mainz der Vortrag „Freikorps-Abenteurer fürs Vaterland?“ vom Verbindungsbruder Matthias Sprenger M.A. zu hören. Sprengers Buch Landsknechte auf dem Weg ins Dritte Reich? Zu Genese und Wandel des Freikorpsmythos ist 2008 im Schöningh-Verlag erschienen. 2005 fanden z.B. statt am 2. Juni: „Einblick in die Freimaurerei“ von Julius-Axel Burgheim, Meister der Mainzer Loge; am 24. November 2005 sprach Herr Stabsfeldwebel Ehringhaus zu „Die Bundeswehr in Afghanistan“.
Im Sommersemester 2006 betrieb die Germania Halle zwei Mal „Keilstände“ an der Universität.
Im April 2008 dokumentiert die Verbindung eine „PP-Suite“ auf ihrer Homepage. Diese Mensuren pro patria („für das Vaterland“) sind erschwerte Fechtpartien zwischen den Verbindungen. Dabei sind auch mehrere Bandagen zu sehen, die auf Verletzungen deuten. Bezeichnenderweise heißt ein rechtes Modelabel aus Mannheim ebenfalls „Pro Patria“, zu welchem Germania Halle über soziale Netzwerke Kontakt hat. Im September 2008 hatte die Germania Halle acht aktive Mitglieder und 48 zahlungspflichtige alte Herren. Zum Vergleich: Frankonia Heidelberg hatte zu dieser Zeit 26 Aktive und 212 Philister. (DB-Schnellinformation Nr. 3 im Geschäftsjahr 2008/2009, 16.09.2008, S. 4) Silvester 2008 feierten die Germanen auf dem Haus. Auf den Fotos ist ein Eisernes Kreuz auf Schwarzrotgold zu sehen. Dies ist wohl ein Entwurf der Reichskriegsflagge aus den Zwanzigerjahren, ein charakteristisches Spiel der Germanen mit inoffiziellen Symbolen Deutschlands.
Die Germania Halle war an dem Eklat auf dem Burschentag 2009 beteiligt , der zum Abgang des DB-Kulturreferenten Benjamin Nolte führte. Der Spiegel berichtete von rassistischen Übergriffen auf dem Burschentag, ein Burschenschafter soll einem dunkelhäutigen Verbandsbruder provokativ eine Banane hingehalten haben.
Carsten Engelhardt, damaliger Sprecher der DB, sprach nur von „Ereignissen“, die „das Fass zum Überlaufen brachte[n]“. (DB-Schnellinformation Nr. 4 im Geschäftsjahr 2009/2010, 16. November 2009, S. 2) Dem stellvertretenden DB-Sprecher Marin Hackel zufolge seien damals „niedere Beleidigungen und körperliche Gewalt“ vorgekommen. (Abschlussbericht zu den Regionalkonferenzen, S. 6 in: DB-Schnellinformation Nr. 14 im Geschäftsjahr 2009/2010, 07.03.2010)
Fest steht, dass gegen die Mainzer Verbindung und sechs weitere Burschenschaften Untersuchungsverfahren wegen „Verdachts auf verbandsschädigendes Verhalten während des Burschentages 2009 und des Verdachts auf Aufgabe der Grundsätze“ eingeleitet wurde; gegen drei weitere wurde nur wegen Verdachts auf Aufgabe der Grundsätze ermittelt. (Protokoll Burschentag 2010, S. 7)
Was die Germania Halle, die 2009 wohl vier aktive Mitglieder hatte, genau verbrochen hatte, ist nicht bekannt. Die Untersuchung gegen die Mainzer wurde eingestellt, da aus den Sachverhalten „keine Straftatbestände hervorgingen“ (Protokoll Burschentag 2010, S. 5). Der Verdacht auf solche Straftaten weist aber darauf hin, dass die Mainzer Germania eine Grenzgängerin ist zwischen legalem und illegalem Verhalten; und dass außerdem dem Verband das Fehlen von nachvollziehbaren Straftaten reicht, um eine solche Verbindung zu integrieren.
Zum Vorwurf der Aufgabe der Grundsätze der DB ist keine Stellungnahme des Rechtsausschusses protokolliert. Wortmeldungen des besagten Burschentages zeigen, dass die Germania Halle den nationalchauvinistischen Diskurs forcierte: „Fakt sei, dass was europäische Leitkultur ist, schon eh und je deutsche Leitkultur war.“ (Protokoll Burschentag 2009, S. 35) Dementsprechend solle man nicht die Außengrenzen Europas debattieren, sondern lieber festlegen, was der volkstumsbezogene Vaterlandsbegriff bedeute. (vgl. Protokoll Burschentag 2009, S. 34)
2009 lud die Erlanger Burschenschaft Frankonia, mit der Germania Halle Mainz in einem Kartell ist, zu einem Seminar der Burschenschaftlichen Gemeinschaft in Erlangen ein. Redner war u.a. der Publizist Alain de Benoist (DB-Schnellinformation Nr. 8 im Geschäftsjahr 2008/2009, 13.02.2009, S. 1), der antiegalitäre Positionen vertritt und den völkisch-nationalen Diskurs in Frankreich der vorangegangenen Jahrzehnte maßgeblich beeinflusst hat.
Aber auch für die Germania Halle Mainz wurde jenes Jahr ereignisreich. Am Anfang des Sommersemesters wurde ein Info-Stand vor dem RW1 gesichtet, bei dem die Burschen mit Polo-Hemden auftraten, die das Wappen der Verbindung zierte. Der AStA protestierte bei der Universitätsleitung. Erst im vorangegangenen Dezember hatte der Senat das Verbot des Farbentragens auf dem Campus von 1954 bestätigt. Laut einem Flyer der Antifa-AG des AStA hatte aber der Universitätspräsident Michaelis die Germania Halle als Hochschulgruppe eingetragen und ihr damit Werbung auf dem Campus ermöglicht.
Am 7. November 2009 sprach dann der Ex-Wehrmachtsflieger Hans-Joachim Herrmann bei der Germania Halle über „Meine Zeit als Jagdflieger“. Herrmann hatte als Anwalt unter anderem die Holocaustleugner David Irving und Fred A. Leuchter verteidigt. Nach Angaben der Polizei bzw. der Mainzer Allgemeinen Zeitung sollen drinnen 30 Gäste und draußen 50 Demonstrantinnen und Demonstranten der Veranstaltung beigewohnt haben. Der AStA der Universität kritisierte, mit der Einladung offenbare die Burschenschaft „ihre Einstellung zu den Verbrechen des Nationalsozialismus und rückt sich selbst in den Verdacht, die Shoa zu leugnen“. (Protest vor Burschenschaft, Allgemeine Zeitung, 09.11.2009)
Ende 2010 kam der österreichische FPÖ-Politiker Martin Graf zum Vortrag zu den Germanen. Der AStA protestierte in einer Pressemitteilung gegen die Bewerbung der Veranstaltung auf dem Campus. Nach Angaben der Studierendenvertretung habe Graf, Alter Herr der Olympia Wien, die deutschen Grenzen als „willkürlich“ bezeichnet und gefordert, dass sich „das deutsche Volk frei entfalten können muss“. Germania Halle soll zudem Plakatflächen unerlaubt genutzt haben.
2012 präsentierte Germania Halle zwei Videos im Internet, die die Ideale „Ehre-Freiheit-Vaterland“ sowie den „Kampf“ der Mensur glorifiziert. Ein Text lautet: „Überwinde deine Furcht – Wachse über dich hinaus – Stelle dich der Herausforderung – Kämpfe – Siege – Stelle dich der Mensur – Sei bereit – Werde Burschenschafter“. – Hier findet sich mit dem „Siege“ eine bezeichnende Abweichung von der Auffassung der Mensur als reines Aushalten oder „Bestehen“, was etwa von den Corps betont wird. Dies mag als Anekdote dienen, wie die Germania Halle mit militaristischen Klischees und Größenfantasien spielt.
2012 erschien ein Interview mit Thorsten Schulze von der Germania Halle in der Mainzer unipress. Dort gab er an, dass die Verbindung 113 Mitglieder habe. Er sagte, die Germania Halle sehe sich nicht als „exklusive Vereinigung“ an. Eine Mitgliedschaft stehe jedem männlichen, deutschen Studenten offen. Es sei schlicht „Unsinn“ Frauen in eine pflichtschlagende Verbindung aufzunehmen. Zu den Flügelkämpfen in der DB sagte der Korporierte: „Wir können keine rechtsextremen Tendenzen in unserem Dachverband erkennen.“ (unipress 379, Dezember 2012, S. 12) Der Abdruck des unkommentierten Interviews wurde von burschenschaftskritischer Seite stark kritisiert.
Während sich die Deutsche Burschenschaft in Flügelkämpfen und medienwirksamen Eklats erging, verschwand 2012 die Burschenschaft Arminia Mainz von der Bildfläche. Das Haus wurde offenbar verkauft, die Website offline gestellt. Im selben Jahr feierte die Burschenschaft Saravia ihr 60-jähriges Stiftungfest. Sie gab eine Chronik heraus und trat aus der DB aus.
2012 ist eine „Ragnarök-Kneipe“ der Germania Halle im Netz dokumentiert, in der sich die Germanen mit Runenbannern umgebend zutrinken. Sie fand am 20. Dezember statt, also kurz vor der Wintersonnenwende. Die Runen sowie die nordischen Mythen um die Sonnenwende und das Weltende „Ragnarök“ sind mystifizierende Elemente, die zum völkischen Diskurs gehören.
Im selben Jahr zündeten Linke eine Mülltonne der Verbindung an und sprühten eine Parole an die Fassade des Verbindungshauses, die dieses als „Nazi-Haus“ bezeichnet. Die Verbindung veröffentlichte Fotos im Internet.
Infobuero schrieb 2013, dass sich beim außerordentlichen Burschentag Ende November 2012 in Stuttgart die Germania Halle auf die Seite des umstrittenen Norbert Weidner schlug. Die Verbindung hatte demnach gegen die „als Zugeständnis an die konservativen Bünde gedachte“ Absetzung von Norbert Weidner als Chef der Burschenschaftlichen Blätter gestimmt. Das Urteil des Autoren: „Anders als andere Rechtsaußen-Bünde war die Germania also nicht einmal bereit, taktische Zurückhaltung zu üben, um die konservativen Bünde in der DB zu halten.“ Außerdem schrieb das Portal, dass der Germane Sebastian N., „nebenbei auch CDU-Mitglied“, Schriftwart der BG sei. (http://www.infobuero.org/2013/07/die-burschenschaft-germania-halle-zu-mainz/, Stand 07.05.2016)
2013 feierte die Burschenschaft in Mainz wieder eine Reichsgründungskneipe. In den sozialen Medien ist die Verbindung sehr aktiv und teilt Inhalte, die sich mit Ausländerkriminalität, äußeren Konflikten der Verbindungen, sowie der Bundeswehr beschäftigen. Sie ist mit der rechten „Identitären Bewegung“ verbunden, genauso wie mit anderen nationalistischen Vereinigungen. Im Februar 2014 veröffentlichte Germania Halle einen Beitrag auf einem sozialen Netzwerk, der besagte: „Multikulti ist gescheitert. Vorwärts zu einem völkischen Staatswesen!“
Am 18. Juni 2014 fand eine Lesung von Akif Pirinçci aus seinem rechtspopulistischen Buch Deutschland von Sinnen auf dem Haus der Germania statt. Dieser Autor steht im Gefolge des Ex-SPD-Politikers Thilo Sarrazin, der 2010 mit Deutschland schafft sich ab ein nationalistisches Untergangsbuch par excellence veröffentlichte.
Als islamische „Wurfmaschinen“ hatte Tatjana Festerling muslimische Frauen mit vielen Kindern diffamiert. Solche und ähnliche Aussagen durfte sie am 29. Oktober 2015 auf dem Haus der Germania Halle tätigen, in ihrer Funktion als Sprecherin der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida). Die Bewegung hatte vor allem in Sachsen mit flüchtlingsfeindlicher Propaganda und Anti-Establishment-Rhetorik regen Zulauf.
Die Allgemeine Zeitung berichtet, dass 70 Personen den Vortrag in Mainz besucht haben, bei 700 Demonstrantinnen und Demonstranten draußen. (Schmidt-Wyk, Frank et al.: Pfeifkonzert und laute Musik als Protest: Demonstration gegen Auftritt der Pegida-Aktivistin Tatjana Festerling in Mainz, 29.10.2015, Quelle: http://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/mainz/nachrichten-mainz/pfeifkonzert-und-laute-musik-als-protest-demonstration-gegen-auftritt-der-pegida-aktivistin-tatjana-festerling-in-mainz_16331610.htm, Stand 20.05.2016) Unter den Protestierenden war auch der Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD). Die Burschenschaft veröffentlichte nach diesem Abend und der Berichterstattung darüber einen offenen Brief an Ebling, in dem sie die Solidarisierung des Politikers mit „zum Teil vermummten Linksextremen“ kritisierten. Die Demonstrierenden hätten sich ohne Genehmigung versammelt und nicht an die vereinbarten Auflagen gehalten, „insbesondere nicht in Bezug auf die Lautstärke“. Die Botschaft der Germania Halle: „Wir sind an der richtigen Stelle, ungeachtet der Verfolgung im Zuge der Karlsbader Beschlüsse, ungeachtet des Verbots im Dritten Reich und ungeachtet der Vertreibung aus unserer Heimatstadt nach 1945.“ Bei der Demonstration war laut Allgemeine Zeitung auch ein Vertreter der Presse von einem Pegida-Anhänger attackiert worden.
Germania Halle ist in einem „Kartell“ – einem besonderen Freundschaftsverhältnis – mit den Burschenschaften Germania Hamburg und Frankonia Erlangen. Jedes Jahr stehen bei der Germania Halle zu Mainz entsprechend die Stiftungsfeste dieser beiden „lieben Kartellburschenschaften“ auf dem Programm. Germania Hamburg wird seit 2014 vom Verfassungsschutz beobachtet.
Auf eine besonders enge Verbindung zwischen Germania Halle Mainz und den beiden Kartellverbindungen deutet auch der Umstand, dass die Mailadresse von Germania Halle von 2010 bis 2015 auf Germania Hamburg verwies – wahrscheinlich war oder ist die Mainzer Verbindung unterbesetzt. Die DB nutzt im Falle einer Unterbesetzung „Stützburschen“, die eine zeitlang das Haus eines befreundeten Bundes beziehen. Dies dient wohl dazu eine „Vertagung“ zu vermeiden und Nachwuchssuche und Verbindungsbetrieb weiter zu ermöglichen. Auch war auf der Homepage von Germania Halle zeitweise zu lesen, die Verbindung sei „ein Bund an drei Orten“.
Das schwarz-weiß-rote Kartell verfolgt eine streng völkisch-nationalistische Politik. Ihre Mitglieder Frankonia Erlangen, Germania Hamburg und Germania Halle Mainz sind auch Mitglieder der Burschenschaftlichen Gemeinschaft. So beschloss 2006 der Burschentag auf Bestrebungen des Kartells hin Leitlinien für die europäische Einigung, in der die „Multikultisierung“ der deutschen Gesellschaft durch „Flüchtlinge kulturferner Herkunft“ abgelehnt wird, das politische Strafrecht erweitert werden solle und „existenzielle nationale Lebensfragen“ des deutschen Volkes gegen das „Europa der Bürokraten“ verteidigt werden sollten. Außerdem wurde als Grundziel eine Erhöhung der Geburtenrate des „deutschen Volkes“ definiert und eine „offensive Unterstützung der Volkstumsarbeit“ in Gebieten mit deutschen Minderheiten gefordert. Der Antrag wurde von der Germania Hamburg eingebracht und von Frankonia Erlangen und Olympia Wien maßgeblich unterstützt. (Tagungsunterlagen Burschentag 2006, S. 66 ; vgl. Protokoll Burschentag 2006, S. 45) Frankonia Erlangen warb in Nation & Europa um Nachwuchs: „National-freiheitliche Studenten melden sich bei der Burschenschaft Frankonia“. (Nation & Europa 4/2001, S. 70, nach: Plast 2001, S. 60)
Laut dem Hamburger Verfassungsschutz gab es im Jahre 2014 Mitglieder von Germania Hamburg, die „aktuell Verbindungen zur rechtsextremistischen Szene unterhalten oder die selber Mitglied in einer rechtsextremistischen Gruppierung sind oder waren.“ (Senat Hamburg: Burschenschaft Germania: Verdacht auf rechtsextremistische Bestrebungen. 16.05.2014, Quelle: http://www.hamburg.de/contentblob/4313814/data/2014-05-16-bis-lfv-burschenschaft-germania.pdf, Stand 20.05.2016)
Und im Handbuch deutscher Rechtsextremismus heißt es zu Germania Hamburg: „Bis zu ihrer Selbstauflösung unterhält die FAP-Hamburg ihr Kontakttelefon im Verbindungshaus der Germania [Hamburg], wo zeitweilig auch der Hamburger Landesvorsitzende André Goertz wohnte. Im August 1990 gründet die Germania [Hamburg] gemeinsam mit Burschen der Teutonia und Askaria den Deutschen Freundeskreis (DFK). Aus dem Kreis der DFK formiert sich 1991 das Komitee für freiwillige Reservistenarbeit – Nord. Es führt 1991 und 1992 zusammen mit Neofaschisten Wehrsportübungen in Niedersachsen durch.“ (Handbuch deutscher Rechtsextremismus, S. 325)
Auf dem Haus der Burschenschaft Frankonia Erlangen fand 2015 die Messe „zwischentag“ statt. Die an wechselnden Orten stattfindende Veranstaltung vereint Organe neurechter Publizistik wie das „Institut für Staatspolitik“, die „Edition Antaios“ und die Zeitschrift Sezession. Einige der Aussteller, wie der thürinigische Verein „Gedächtnisstätte“, werden nach Medienangaben vom Verfassungsschutz als „rechtsextremistisch“ beurteilt. (Krass, Sebastian: Extremisten bei rechter Messe in Erlangen. Quelle: http://www.sueddeutsche.de/bayern/universitaetsstadt-extremisten-bei-rechter-messe-in-erlangen-1.2514621, Stand 20.05.2016)
Zusätzlich zu den Kartell- und Freundschaftsverbindungen verpflichtete das „Bonner Verbändeabkommen“ von 1980 bzw. 1987 (http://www.akademikerverbaende.de/bonner_papier.html) die verschiedenen Korporationsverbände zur Zusammenarbeit. Jedenfalls bis in die 1990er-Jahre wurde das Papier auch zusammen mit der Burschenschaft Germania Halle zu Mainz umgesetzt. Der alte Reader berichtete von zwei verbandsübergreifenden Vorträgen: 18.11.1997 Wolfgang Thüne (CV Hasso-Rhenania Mainz im CV) – in seiner Funktion als Landesvorsitzender des Bundes der Vertriebenen (BdV) – zum Thema „Der Deutsch-Tschechische Vertrag“; und am 20. Juni 1996 referierte ein Herr Kerscher, ebenfalls von der Hasso-Rhenania Mainz, im CV über „Die Geschichte des ehemaligen Jugoslawien“. (Plast 2001, S. 61) Außerdem stehen die Waffenstudenten über den „Mainzer Waffenring“ im ständigen Austausch, der die „Pauktage“ – das Fechten – ausrichtet.
Der Kaufmann Kurt Ekkehard Goldmann ist Alter Herr der Germania Halle und schreibt für die Burschenschaftlichen Blätter (http://www.burschenschaftliche-blaetter.de/druckversion/jahrgaenge/2012/heft-12012-schwerpunktthema-europa-im-umbruch.html), außerdem regelmäßig Leserbriefe an FAZ und Junge Freiheit. So schrieb er in einem Brief an die FAZ, eine mögliche Kandidatur der SPD-Politikerin Lale Akgün als Bundespräsidentin sei ein „Weckruf für die Kerngesellschaft, dem autochthonen Volk“. Goldmann warnte vor einer verengten und einseitigen Haltung der Politikerin in der Einwanderungsdebatte. Und weiter: „Entgegen aller offiziellen Verkündung ist Deutschland kein Einwanderungsland. Dafür mangelte es an der ausdrücklichen Willenserklärung des Souveräns, sondern wurde als solches deklariert.“ (Leserbrief zu Fremde Federn: Lale Akgün, „Bundespräsidentin mit türkischen Wurzeln“, http://www.burschenschaftliche-blaetter.de/netzversion/detailansicht/browse/22/meldung/402/leserbrief-z.html, Stand 03.04.2015) In den 1990er-Jahren war Goldmann Mitglied im Bundesvorstand der „Republikaner“. (Handbuch deutscher Rechtsextremismus, S. 299)
Jürgen Neureuther, derzeit Kreisvorsitzender der FDP Worms und Fraktionsvorsitzender der FDP im Stadtrat, ist Alter Herr der Germanen. 2002 hielt er einen Vortrag auf dem Haus, wie aus der archivierten Homepage der Germania Halle auf archive.org hervorgeht.