Der folgende Text ist eine Überarbeitung des Textes der vorhergehenden Ausgabe von 2001. Belege sind in der Regel nur bei wörtlichen Zitaten angegeben. Hauptquellen der Korporationsgeschichte sind die entsprechenden Darstellungen in Brandt, H.-H. et al., Baum, sowie Elm et al. – siehe Literaturnachweis.
Die Geschichte der Korporationen reicht bis ins ausgehende 13. Jahrhundert zurück, als in Bologna und Paris erste Universitäten gegründet wurden. Dort schlossen sich die Lernenden und Lehrenden zu sogenannten Bursen oder Collegia zusammen. Die Mitglieder lebten in Kollegienhäusern zusammen. Dort wurde heimatliches Brauchtum gepflegt und den Mitgliedern wurden Schutz, Geselligkeit und vor allem soziale Absicherung geboten. Aus der lateinischen bursa (Stiftung) leitet sich auch das Wort „Bursche“ ab, das die jeweiligen Mitglieder einer solchen Versorgungseinrichtung bezeichnete. Bezeichnend ist, dass innerhalb der Kollegien Standesunterschiede keine Rolle spielten. Eine weitere Funktion der Bursen war die Disziplinierung der neu Immatrikulierten, die nach Verlassen des Elternhauses in ihrer neu gewonnenen Freiheit reglementiert werden sollten.
Mit der Gründung der Fakultäten und den Universitätsgründungen der deutschen Landesherren im 15. Jahrhundert hatte die Einigkeit der Hochschulmitglieder bald ein Ende. Die studentischen Mitglieder sammelten sich in Gemeinschaften der jeweiligen „Nationen“, befreiten sich nach der Reformation von kirchlicher Bevormundung und sammelten sich in sog. Landsmannschaften (lat. confoederationes). (vgl. hierzu Müller, Rainer A.: Landsmannschaften und studentische Orden an deutschen Universitäten des 17. und 18. Jahrhunderts. In: Brandt, Harm-Hinrich et al. (Hg.): Der Burschen Herrlichkeit. Geschichte und Gegenwart des studentischen Korporationswesens. Würzburg 1998, S. 20 ff.) (Die heutigen Landsmannschaften sind allerdings alle Neugründungen seit dem 19. Jahrhundert.) Das Prinzip der sozialen Gleichheit blieb bestehen, ebenso die Mitgliedschaftspflicht und die aufwändigen Aufnahmerituale. Dabei handelte es einerseits um die „Deposition“ (lat. depositio cornuum, heute „Abstoßen der Hörner“), bei der Neuankömmlinge etwa unter Beschimpfungen und Zufügung von Schmerzen von einer Tier-Kostümierung befreit werden mussten. Dies wurde im sogenannten „Pennalismus“ fortgeführt, bei dem die nun aufgenommenen Mitglieder über längere Zeit Dienste für die Älteren erweisen mussten. Diese Rituale waren fester Teil der Universitätsstrukturen der Zeit; ohne den kostenpflichtigen Depositionsschein gab es etwa im 16. Jh. keine Immatrikulation.
Die Landsmannschaften pflegten ein besonderes Regelwerk („Comment“) und ein spezifisches Ehrgefühl, damit zusammenhängend auch das Duellwesen. Sie waren Geheimgesellschaften mit einem eigenen Rechtssystem. Die „postpubertären“ und „subkulturellen Riten“ (Müller in: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 20f.) der Initiation, des Schlagens und des Trinkens riefen oft den Ärger der Universitätsbehörden hervor. Trotzdem errangen die Landsmannschaften eine große Machtstellung, wurden aber später von den Landesherren unterdrückt und aufgelöst. Aufgrund ihrer lockeren Organisationsform waren sie jedoch schwer zu fassen und konnten im Untergrund überleben.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg, als absolutistische Fürsten die Kontrolle der Universitäten übernahmen, nahm der Anteil adeliger Studenten rasch zu. Von den Landsmannschaften blieben bloße Geselligkeitsvereine übrig.
Als Folge der Aufklärung kam es im Verlauf des 18. Jahrhunderts zur Gründung von sogenannten Orden, die sich an Geheimgesellschaften wie den Freimaurern orientierten und sich in Logen oder Konvente gliederten. Deren Ziel war es teilweise die Landsmannschaften zu politisieren und den Sturz des feudalen Systems zu erreichen. Im Gegensatz zu den Landsmannschaften wollten die Orden aber ein überregionales Netzwerk bilden. In Mainz gab es eine Loge des weit verbreiteten Amicisten-Ordens, der 1770 in Jena gegründet worden war.
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gewannen die Orden an Einfluss, konnten aber die Landsmannschaften nie reformieren. Die mitteldeutschen Universitäten Jena und Halle waren die deutschen Zentren der Korporationen. Nach Müller sei der „Prototyp“ des Landsmannschafters aus dieser Region der „adelige, standesbewusste, burschikose und relativ mobile Jurist“ (Müller in: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 25). Dieser „fechtende Renommist“ (Müller ebd.; übersetzt etwa „Angeber“, „Aufschneider“) einer protestantischen Hochschule stand demnach im Gegensatz zum „armen Konviktoristen“ (Müller in: Brandt, H.-H. et al. ebd.) katholischer Konfession, in Anlehnung an die kirchlichen Unterkünfte der Theologie-Studenten. Hier deutet sich schon der konfessionelle Gegensatz an, der auch in den Studentenkorporationen bis in die heutige Zeit nachwirkt.
Aus dem Zusammenschluss von Landsmannschaften und geheimen Freundschaftskreise („Kränzchen“) entstanden zunächst die „Corps“ als neue Verbindungen, die sich selber eine Verfassung gaben. Das erste Corps war das 1798 in Erlangen gegründete Corps Onoldia. Die Corps wurden fast ausschließlich von adeligen Studenten getragen. Es galt, wie bei den Orden, das Prinzip der Zugehörigkeit auf Lebenszeit. Bald bildete sich der erste Senioren-Convent mit der Aufgabe der Gerichtsbarkeit über alle Studenten. Meinungsverschiedenheiten sollten mit der Waffe ausgetragen werden. Demgegenüber vertraten die „Schokoladisten“ die Ansicht, dass Streitigkeiten lieber bei einer Tasse Schokolade beigelegt werden sollten. Sie wichen aber bald dem Druck der Corpsmehrheit.
Die Corps waren ihren jeweiligen Landesfürsten ergeben. Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte von der 1809 gegründeten Universität Berlin verurteilte die Verrohung des Studentenwesens und forderte eine einheitliche und freie allgemeine Studentenschaft. Fichte hielt weit über Berlin hinaus wahrgenommene nationalistische und völkische Vorlesungen, die das deutsche über alle anderen Völker stellten und verlangte von den Studenten sich auf ihr Deutschtum zu besinnen.
Ziel der Korporationen war fortan, die Zersplitterung Deutschlands zu überwinden. Die Begriffe „Einheit“ und „Gleichheit“ standen im Vordergrund. Friedrich Ludwig Jahn (der sog. „Turnvater“) von der Universität Berlin gründete den geheimen patriotischen Deutschen Bund, der, als Alternative zu den Corps, die Deutsche Burschenschaft vorbereiten sollte. Leitgedanke war hierbei die Befreiung von der französischen Besatzungsmacht und die Schaffung eines geeinigten deutschen Nationalstaats. Vor allem das „Freikorps“ des preußischen Majors Lützow war ein großer Anhänger der Jahnschen Ideen: Sie rekrutierte Freiwillige zum Kampf gegen Napoleon. Diese „Befreiungskriege“ sollten fortan ein wichtiges Element für die Ideologie der „schlagenden Verbindungen“ werden, also derjenigen, die ihre spezifischen Ehrenkonflikte in rituellen Kämpfen austrugen.
Am 12. Juni 1815 kam es dann durch den Zusammenschluss von Landsmannschaften und Freistudenten zur Gründung der ersten deutschen Burschenschaft in Jena mit den Farben schwarz-rot-gold der Lützowschen Jägeruniform. Diese später als „Urburschenschaft“ bezeichnete Vereinigung hatte zunächst den Anspruch alle Studenten einer Universität zu vereinigen.
Etwa zeitgleich fanden die neuhumanistischen Reformen der Hochschulen in Preußen statt, die von Wilhelm von Humboldt angestoßen wurden. Das Bildungswesen wurde verstaatlicht, die Schulpflicht eingeführt, und im Hochschulbereich fand eine Orientierung an Forschung und Wissenschaft statt. 1809 wurde die Universität Berlin in diesem Geist gegründet. Während Humboldt an der neuen Universität Standesunterschiede ausgleichen wollte, interpretieren Studentenhistoriker die Reform als Rückzug der Universität vom allgemeinen Erziehungsauftrag. Diese „Humboldtsche Lücke“ (Brandt, Harm-Hinrich: Vorbemerkung. In: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 3), die fehlende „Persönlichkeitsbildung“ (Brandt, H.-H. ebd.), ist ebenfalls bis heute ein wichtiger Legitimationspunkt für die Korporationen.
Neben der neuen Burschenschaft blieben jedoch zahlreiche Corps bestehen, zudem gründeten sich im 19. Jahrhundert die Landsmannschaften neu. Diese drei Korporationstypen machen auch heute noch den Kern der schlagenden Verbindungen aus.
Bemerkenswert sind die „Gießener Schwarzen“, die sich etwa gleichzeitig zu der Jenaer Burschenschaft bildeten. In sogenannte „altdeutsche“, schwarze Tracht gekleidet, zielten sie in verschiedenen Organisationen von Anfang an auf den bewaffneten Aufstand gegen die „Heilige Allianz“ der Monarchien Russlands, Österreichs und Preußens (und ab 1818 Frankreichs). Denn Europa befand sich zur damaligen Zeit in der „Restauration“, die nach Napoleons Niederlage die absolutistischen Machtverhältnisse stabilisieren sollte. Die „Unbedingten“ oder „Schwarzen“ um den späteren Juristen Karl Follen aus Gießen riefen zum Tyrannenmord auf, wurden aber in der baldigen Demagogenverfolgung (s.u.) zerschlagen.
Die Jenaer Burschenschaft lud am 18. und 19. Oktober 1817 zum sogenannten Wartburgfest auf der gleichnamigen Burg bei Eisenach ein. Anlass war die vierjährige Wiederkehr der Völkerschlacht von Leipzig, in der Napoleon entscheidend geschlagen wurde, sowie das dreihundertste Reformationsfest.
Von etwa 450 Teilnehmern waren 366 Studenten, davon wiederum fast die Hälfte aus Jena (Elm, Ludwig: Von der Urburschenschaft zur bürgerlichen Revolution. In: ders. et al. (Hg.): Füxe, Burschen, Alte Herren. Studentische Korporationen vom Wartburgfest bis heute. Köln 1992, S. 23). Insgesamt gab es zu dieser Zeit etwa 8500 Studenten an den 19 deutschen Universitäten (Friedmann, Jan: Rebellen in Schwarz-Rot-Gold, 20.02.2007, Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecialgeschichte/d-50620303.html, Stand 10.05.2016).
Hier wurden die nationalen und liberalen Inhalte der burschenschaftlichen Bewegung besonders deutlich. Das Programm des Festes bestand aus Ansprachen, Gottesdiensten, Gesang, Turnvorführungen, Diskussionsforen über die politischen Ziele der Burschenschaften und über den Begriff der Nation. Die Hauptforderungen des Wartburgfestes waren eine konstitutionelle Monarchie, Rede- und Pressefreiheit und Gleichheit vor dem Gesetz. Auf dem Fest wurde beschlossen zukünftig die Zeitung „Des deutschen Burschen fliegende Blätter“ herauszugeben. Die Forderungen waren durchaus revolutionär, und der neuen studentischen Bewegung wurde vom Volk große Sympathie entgegengebracht.
Umstritten schon damals war allerdings die Verbrennung von Büchern (oder deren Attrappen, wie es in manchen Quellen heißt) und symbolhaften Gegenständen am ersten Abend. Nach einem Fackelzug und einer Ansprache wurden die „Bundesakte“ verbrannt, also die Verfassung des „Deutschen Bundes“, in dem sich zwei Jahre zuvor 39 Bundesstaaten zusammengeschlossen hatten; Weiterhin Werke des Staatskundlers Haller sowie des Historikers und Dramatikers Kotzebue, die „Germanomanie“ des jüdischen Autors Saul Ascher sowie der Code Napoleon, das erste Gesetzbuch eines ständefreien Staates. Neben anti-burschenschaftlichen Schriften wurden auch Symbole des preußischen Feudalismus wie ein Korporalstock dem Feuer übergeben.
Ausgehend von dem Schriftsteller Arndt und dem Begründer der Turnbewegung Friedrich Ludwig Jahn hatte besonders nach der Niederlage Napoleons eine antifranzösische und antisemitische deutsche Volkstumsideologie an allgemeinem Einfluss gewonnen. Gerade die politisch aktivsten Burschenschaftler wie der „Gießener Schwarze“ Karl Follen lehnten Juden als Gefährdung des „Deutschtums“ ab. Dagegen stehen Figuren wie der Heidelberger Philosoph Carové, der sich schon auf dem Wartburgfest für Weltoffenheit ausgesprochen hatte. Diese Linie setzte sich aber nicht durch, die Burschenschaft blieb christlich-deutsch, was zum weitgehenden Ausschluss von Juden führte.
Peter Brandt nennt diese Ressentiments jedoch „national-kulturell“ und „noch nicht rassistisch begründet“. (Brandt, Peter: Von der Urburschenschaft zum Progress. In: Brandt, Harm-Hinrich a.a.O., S. 45) Konvertierte Juden seien von den Burschenschaftern akzeptiert worden, auch habe die Jenaer Burschenschaft weiter Juden aufgenommen. Auch Friedrich C. Sell sieht hier noch eine historisch bedingte „nationale Schwärmerei“ (zit. nach: Elm in: Elm et al. a.a.O., S. 34) am Werke, während Herbert Marcuse bei der Urburschenschaft durchaus „die Ideologie der faschistischen Volksgemeinschaft“, getragen von „Ressentiments auf Seiten des ohnmächtigen Kleinbürgertums“, feststellte. (zit. nach: Elm in: Elm et al. a.a.O., S. 35)
Im Frühjahr 1818 fand der erste deutsche Burschenschaftstag statt. Im Anschluss an den ersten Kongress der „Heiligen Allianz“ der europäischen Herrscher am 29. September 1818 in Aachen wurde staatlicherseits entschiedener gegen die studentische Opposition vorgegangen. „Des deutschen Burschen fliegende Blätter“ wurden verboten, es kam zur ersten staatlichen „Demagogenverfolgung“. Am 19. Oktober konstituierte sich schließlich die Allgemeine Deutsche Burschenschaft, die sofort im Visier der Obrigkeit stand.
Nach den napoleonischen Kriegen fürchteten die Landesherren Erhebungen des Volkes, die zu einer Revolution führen könnten. Zwei Vorkommnisse brachten das Fass zum Überlaufen: Am 23. März 1819 ermordete der Burschenschafter Karl Sand den Lustspielautor von Kotzebue, und im August gleichen Jahres brachen die antisemitischen „Hep-Hep-Unruhen“ in vielen Städten Mitteleuropas aus.
Der Deutsche Bund griff zu repressiven Maßnahmen und fällte die „Karlsbader Beschlüsse“, in deren Rahmen die Deutsche Burschenschaft und alle studentischen Verbindungen verboten wurden. In Mainz wurde eine zentrale Untersuchungskommission eingerichtet, Studenten und Professoren wurden überwacht, es kam zu Zwangsexmatrikulationen und Berufsverboten. Die burschenschaftliche Bewegung wurde in den Untergrund gedrängt. Es setzte eine starke Radikalisierung der Studenten ein. Daraufhin bildeten sich zwei politische Flügel heraus: einerseits die Germanen mit demokratischer Zielsetzung, die politisch besonders radikalisiert waren; andererseits die gemäßigten, auf Charakterbildung abzielenden Arminen. Der Gegensatz zwischen nationalistischen Kräften, die auch das Mensurenschlagen betonen, sowie liberalen Strömungen sollte immer wieder zu großen Verwerfungen in der Burschenschaftsbewegung führen.
Wegen zunehmender Zersplitterung, Verfolgung, aber auch weil liberale Forderungen ab den 1820er Jahren im Bürgertum Anklang fanden, verloren die Burschen ihre gesellschaftliche Vorreiterrolle. Bis zu diesem Zeitpunkt nennt Brandt die Burschenschaft „eine der wichtigsten Sozialisationsagenturen des deutschen Bildungsbürgertums“ (Brandt, P. in: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 36), die eng mit dem allgemeinen Aufstreben des Bürgertums verzahnt ist. Die Universitäten dieser Zeit mit ihrem „diffusen (…) politischen Nationalismus“ seien demnach geradezu „Herde der Opposition“ gewesen. (Brandt, P. in: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 37 f.) Nach Ludwig Elm endete 1823 nach dem Verbot des radikalen „Jünglingbundes“ die Allgemeine Deutsche Burschenschaft als „landesweite und handlungsfähige Organisation“. (Elm in: Elm et al. a.a.O., S. 37) Es fanden aber weiter Burschentage statt.
Am 27. Mai 1832 fand auf der Schlossruine Hambach bei Neustadt an der Weinstraße das Hambacher Fest statt, an dem etwa 30 000 liberal, demokratisch und teilweise republikanisch gesinnte Menschen teilnahmen. Die Germanen hatten im Jahr zuvor als revolutionär-demokratische Bewegung Dominanz über die Arminen in der Deutschen Burschenschaft erlangt. Im Gegensatz zum Wartburgfest 15 Jahre vorher wurde auf dem Hambacher Schloss die deutsch-polnische und die deutsch-französische „Verbrüderung“ gegen die Heilige Allianz beschworen. Gleichzeitig wurden die Farben Schwarz-Rot-Gold des Lützowschen Freikorps zu den deutschen Nationalfarben erklärt.
Noch vor dem Hambacher Fest hatten einige Teilnehmer den sog. „Press- und Vaterlandsverein“ gegründet, der für eine freie Presse eintrat. Unter dessen Einfluss und als Folge des Hambacher Festes fand am 4. April 1833 der Sturm auf die Frankfurter Hauptwache statt, bei dem auch Germanen der Burschenschaft beteiligt waren. Die sich daran anschließende zweite Demagogenverfolgung stärkte vor allem die konservativen Corps. Auch der junge Student und spätere Reichskanzler Otto von Bismarck wandte sich zu dieser Zeit von den Burschenschaften ab und hin zu den verfassungstreuen Corps.
Den revolutionären Kampf neu entfachen sollte dagegen die „Progress-Bewegung“, die die meisten ständisch geprägten studentischen Sitten ablehnte und sich auch für Nicht-Akademiker öffnete. Sie speiste sich vor allem aus Landsmannschaften und Burschenschaften, weniger den Corps. Die Bewegung hatte 1846 ein seinerzeit viel beachtetes Treffen auf dem Kyffhäuser, das in die – vergeblichen – Forderungen einer neuen Einigung der Studentenschaft mündete.
Als die Funken der französischen Februarrevolution 1848 auf Deutschland übergriffen, wichen vor allem im Süden die Monarchen mehr und mehr zurück und ernannten liberale „Märzminister“. In der neu gegründeten Frankfurter Nationalversammlung saßen insgesamt knapp 800 Abgeordnete. Davon waren 118 deutsche Professoren, bis zu 150 Burschenschafter und 106 Corps-Studenten. Die Korporierten stellten also bis zu einem Drittel der Abgeordneten, je nach Zahlengrundlage. Angeblich sollen dem Parlament nur eine Frau und kein einziger Arbeiter angehört haben. Die Farben Schwarz-Rot-Gold wurden zu den Farben des Bundes erklärt.
Die Rolle der Korporationen in Vormärz und deutscher Revolution ist insgesamt widersprüchlich. Im Revolutionsjahr gab es ein zweites Wartburgfest der Deutschen Burschenschaft, auch kämpften Studenten wieder in Freikorps wie der „Akademischen Legion“ in Wien als Verstärkung der Bürgerwehren.
Die Corps gründeten 1848 den Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV) und gingen zusammen mit dem im Vorjahr geschaffenen protestantischen Wingolfsbund gegen die allzu forschen Beschlüsse der Progress-Burschenschafter vor. Während deren Hauptforderungen die Umwandlung der Universitäten in Nationalanstalten, die Aufhebung der Fakultäten, aber auch das Abschaffen von Ritualen wie dem Trinken und Fechten waren, wollten die Corps ständische Distinktionen wie das Duell beibehalten. Insgesamt sahen sich die Corpsstudenten als treue Staatsdiener des Absolutismus und stellten zahlreiche Abgeordnete und Beamte. Kritikern zufolge hat dieses Beamtentum die Revolution in Deutschland maßgeblich aufgehalten. Corps-Historiker betonen hingegen, gerade die korporierten Beamten hätten den Absolutismus überwunden, indem sie den Staat allmählich im Sinne der Aufklärung reformierten.
Mit der Revolution scheiterte zunächst die weitere Reform der Hochschule im Sinne des linken Flügels der Burschenschaften. Was folgt, wird als Phase der „Konformität“ (Brandt, P. in: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 51) oder als „Feudalisierungstrend“ (Schäfer zit. nach Heither, Dietrich: Zwischen bürgerlicher Revolution und Erstem Weltkrieg. In: Elm et al. a.a.O., S. 66) bezeichnet: Bis zur Gründung des Kaiserreiches 1871 lösten sich die Gegensätze der demokratisch-republikanischen Burschenschaften zu den feudal-konservativen Corps allmählich auf. Die demokratisch-progressive Strömung wurde immer mehr zurückgedrängt. Pflege von Formen und Ritualen stand wieder im Vordergrund der Aktivitäten der Korporationen.
Ab den 1840er-Jahren formierten sich schließlich katholische Korporationen, die gerade in Mainz bedeutsam sind. Ab 1850 entstanden die größten Dachverbände Unitas (UV), der Farben tragende Cartellverband katholischer deutscher Studentenverbindungen (CV), sowie der zunächst nicht Farben tragende Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine (KV); daneben gab und gibt es noch weitere kleinere Verbände. Da die Kirche das Duell ablehnte und auch die Mensur argwöhnisch betrachtete, standen sie von Anfang an im Konflikt mit den Waffen tragenden, oft protestantisch-preußisch geprägten Burschenschaften und Corps. Statt der „Ehre“, die die Waffenstudenten in ihren jeweiligen Wahlsprüchen trugen, waren bei den katholischen Verbänden Religion und Wissenschaft im Vordergrund.
Die Reichsgründung 1871 unter preußischer Führung war für das Korporationswesen von größter Bedeutung. Mit einer gewissen politischen Teilhabe sowie einer Reichsverfassung sah die Burschenschaft wichtige Forderungen erfüllt, so dass diese sich mit der neuen Staatsform erstmals nach fünfzig Jahren identifizieren konnte. Mit Altherrenschaften und dem Lebensbundprinzip begannen die Burschenschaften ihren Schwerpunkt auf die Erziehung zukünftiger staatstragender Eliten zu legen; revolutionäre Bestrebungen wurden begraben.
Die alteingesessenen Corps sollten aber schnell Vormacht in Studentenschaft, Staat und Gesellschaft erlangen. Aufgrund ihrer Exklusivität genossen sie vor den anderen Verbindungstypen ein hohes gesellschaftliches Ansehen. Denn es wurden nur die aufgenommen, die von den Alten Herren oder vom Corps selbst eine Empfehlung hatten und aus einem reichen Elternhaus kamen.
Doch zwei Faktoren ließen das „deutsche Volk“ weiterhin als ein unzufriedenes erscheinen: Erstens war das Kaiserreich eine „kleindeutsche Lösung“ v.a. ohne Österreich. Zweitens nennt Ludwig Elm die Reichsverfassung einen „Herrschaftskompromiss“ (Deppe, Frank: Nationaler Mythos und starker Staat – Zum Politik- und Demokratieverständnis der Korporationen. In: Elm et al. a.a.O., S. 335) zwischen einer aristokratischen Elite und dem Bürgertum. Das Bürgertum wurde nur teilweise an der Macht beteiligt, weshalb Deppe von einer „unbewussten Erfahrung der Entmachtung“ (Deppe in: Elm et al. a.a.O., S. 337) seitens der Bürger spricht. (vgl. auch Kap. „Volk und Nationalismus“) Dies dient als ein Erklärungsansatz für die rigiden Formen, aber auch den unbefriedigten Nationalismus, welche u.a. im Korporationswesen auftreten sollten.
Das Element der Erziehung war in den Corps stets von großer Bedeutung. Die Mittel sind damals wie heute die interne Hierarchie, die Rituale des Fechtens („Mensur“) sowie des Trinkens („Kneipe“). Der Komment ist das Regelwerk, nach dem auf Kommando getrunken wird – der Exzess ist dabei vorgesehen. Heither zititert die Deutsche Korpszeitung: „Die Kneipe ist für uns, was der vielgelästerte Kasernenhofdrill […] für den Soldaten.“ (Heither in: Elm et al. a.a.O., S. 67)
Gerade das Duellwesen blühte aufgrund der Maßgabe der „unbedingten Satisfaktion“ bei vielen Studentenverbänden – auch etwa den heute nichtschlagenden Turnerschaften – auf. Aufgrund von Mensur und Duell entstanden denn auch die „Schmisse“ im Gesicht der Studenten, die Schnittnarben, die als Auszeichnung getragen wurden.
Wilhelm II., der selbst in seiner Studienzeit im Corps Borussia Bonn war, nannte die Erziehung im Corps „die beste Erziehung, die ein junger Mann für sein späteres Leben bekommt.“ (zit. nach Heither in: Elm et al. a.a.O., S. 67) Gerade sein Corps kann als Beispiel für eine adelige Studentenverbindung gelten. Insgesamt betrug der Anteil von adeligen Studenten um die Jahrhundertwende aber nur acht Prozent. Theodor Lessing schrieb über Friedrich Nietzsche, der der Burschenschaft Frankonia Bonn angehörte: „Ihn trug die selbstgerechteste Gesellschaft Europas: das liberale Bürgervolk, das Korpsstudententum (sic!), die Gelehrtenrepublik, die akademische Bildung.“ (Lessing, Theodor: Nietzsche. Berlin 1985, S. 12)
Dass Karl Marx, Ferdinand Lasalle und Wilhelm Liebknecht noch zu Zeiten der Progressbewegung Mitglieder von Korporationen waren, war nach 1870/71 undenkbar. Sozialisten wurden von den Verbindungen wie Verbrecher behandelt, die Aufnahme von Sozialisten war, wenn sie nicht sowieso schon von der Universität verwiesen worden waren, ein absurder Gedanke.
Im Gefolge der Theorien von Gobineau, Chamberlain und Darwin entwickelte sich seit den 1850er Jahren ein rassischer Antisemitismus. Mit der Reichsgründung 1871 waren zwar zunächst alle rechtlichen Beschränkungen der Juden aufgehoben worden. In Folge der bald einsetzenden wirtschaftlichen Depression verließ jedoch Reichskanzler Bismarck den liberalen Kurs und wandte sich u.a. gegen seine jüdischen Kabinettsmitglieder.
Massiv in die Korporationsverbände hineingetragen wurde schließlich der Antisemitismus durch den Berliner Antisemitismusstreit: 1879 schrieb Heinrich von Treitschke in den „Preußischen Jahrbüchern“, die Juden seien das „Unglück der Deutschen“, wenn sie sich nicht assimilierten. Von Treitschke und sein Kollege Adolf Stoecker bildeten die sog. „Petitionsbewegung“ gegen jüdische Studierende an der Berliner Friedrich Wilhelms-Universität. Als Ergebnis des Streits entstanden 1880 die Vereine Deutscher Studenten (VVDSt), die als Reformbewegung wiederum alle deutschen Studenten sammeln wollte. 1881 konstituierten sich dessen Mitglieder zum „Kyffhäuser-Verband“, der als erster das „arische Rassenprinzip“ vertrat, aber auch gegen Trinkrituale und die Mensur war, sich also erneut besonders gegen die Corps stellte. Die VVDSt hatten von Anfang an die politische Zielsetzung, das Kaiserreich vor dem „moralisch-wirtschaftlichen Ruin“ (Roos-Schumacher, Hedwig: „Mit Gott für Kaiser und Reich“. Die Vereine Deutscher Studenten. In: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 275) zu retten, was sich in sozialen Aktivitäten wie Fabrikbesuchen, aber auch Juden- und Franzosenhass äußerte. 1896 führte er einen Ariernachweis ein, parallel machte sich der rassische Antisemitismus auch in den Landsmannschaften, Burschenschaften und Corps breit.
1881 wurde ein neuer burschenschaftlicher Dachverband gegründet: Der Allgemeine Deputierten-Convent (ADC). 1893 diskutierte der Burschentag über den „Weg zur Judenreinheit“, es wurde beschlossen ein Glaubensbekenntnis der Aktiven in das Mitgliederverzeichnis aufzunehmen. Es gab zwar auch jüdische Verbindungen, diese galten jedoch als nicht satisfaktionsfähig. Einzig die sogenannten „Finken“ leisteten Widerstand und schlossen sich 1900 zur „Freien Deutschen Studentenschaft“ zusammen. 1902 benannte sich der ADC in „Deutsche Burschenschaft“ um.
Nicht nur Juden waren im Kaiserreich Ziele von Aggressionen, sondern auch Katholiken. Die katholischen Verbindungen waren im Kulturkampf der 1870er Jahre „Reichsfeinde“ (Bismarck), genau wie der Rest der Katholiken, die immerhin ein Drittel an der Gesamtbevölkerung des Deutschen Reiches stellten. Sie galten als „undeutsch“, weil sie im Papst ein Oberhaupt in Konkurrenz zur kaiserlichen Regierung hatten. Immer wieder kam es an den Hochschulen zu Streit, besonders zwischen Corps und katholischen Korporierten. Vereinzelt gab es auch Verbote für CV-Verbindungen, Farben zu tragen, so 1904 in Jena, als für einige Jahre der „akademische Kulturkampf“ aufflammte.
Obwohl keine Universität in Mainz existierte, ist für die 1880er Jahre schon ein „Philisterzirkel“ des katholischen CV belegt. Dort trafen sich die Ausstudierten – „Philister“ oder „Alte Herren“ – oder auch Aktive, die in der Stadt weilten.
In der Hochindustrialisierung waren auch die Universitäten im Kaiserreich zu Großbetrieben geworden. Die Korporationen verfestigen ihre Formen, was von manchen Theoretikern als unzureichende Reaktion auf den gesellschaftlichen Wandel gesehen wird. Konrad Jarausch interpretiert demnach – im Rückgriff auf Hobsbawm – den Kaiser-und-Reich-Mythos von den Vereinen Deutscher Studenten als „Erfindung von Traditionen“. In Namen, Häusern und Zeichen gingen demnach Korporationen allgemein zu einem neu-mittelalterlichen Stil über, um sich in einer Zeit des allgegenwärtigen Nationalismus Legitimation zu verschaffen. (Vgl. Jarausch, Konrad: Korporationen im Kaiserreich: Einige kulturgeschichtliche Überlegungen. In: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 67ff.) – Dagegen waren neue Korporationen wie die VVDSt angetreten das alte Exklusivitätsdenken von Landsmannschaften, Corps u.a. aufzubrechen und unter einem neuen Zeichen des völkischen Nationalismus zu sammeln.
Auch das Frauenstudium, das mit der Jahrhundertwende Einzug hielt, „verwässerte“ den „männlich-protestantisch-bildungsbürgerlichen Charakter der Universität“ (Jarausch in: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 66). 1899 ist mit Hilaritas Bonn die erste Frauenverbindung belegt. Die Waffenstudenten waren aber weiterhin teils wegen ihres Elitebewusstseins, teils als Multiplikatoren des neuen, aggressiven Nationalismus politisch-gesellschaftlich dominant; dazu kommt unzweifelhaft das männliche Überlegenheitsdenken.
Preußen erlaubte erst 1908 die Immatrikulation von Studentinnen. Vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges lag der Anteil der Frauen unter Studierenden bei etwa fünf Prozent. Von den insgesamt knapp 69 000 Studenten im Reich waren 40 Prozent korporiert. Zu den traditionsreichen Corps, Burschenschaften und Landsmannschaften gehörten mittlerweile auch zahlreiche Sänger- und Turnerschaften, militante Wehrschaften sowie fachwissenschaftliche Verbindungen.
Mit heller Begeisterung, geleitet von Nationalismus und Imperialismus, zogen besonders die Korporierten 1914 scharenweise als Studentenregimenter in den Krieg. Wie groß das Sendungsbewusstsein war, mag das Beispiel des katholischen Unitas-Verbandes zeigen: Er sah Deutschland im Weltkrieg als „Werkzeug Gottes“ an (Wortmeldung Albrecht Pachl in: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 315).
Die Korporierten beschuldigten nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg eine ganze Reihe von Gruppen: die Siegermächte, das Proletariat, die demokratischen und sozialistischen Politikerinnen und Politiker – und natürlich Juden und Jüdinnen; außerdem „Deserteure“ und „Drückeberger“ (Keller zit. nach Heither, Dietrich/Lemling, Michael: Die studentischen Verbindungen in der Weimarer Republik und ihr Verhältnis zum Faschismus. In: Elm et al. a.a.O., S. 93). In ihrer Ernüchterung gründeten schon am 5. Januar 1919 Studenten die deutsche Burschenschaft wieder.
Gerade in den Hochschulen, der Studierendenschaft und insbesondere bei den Korporierten stieß die von Arbeiterinnen und Arbeitern getragene Revolution auf Ablehnung. So schlossen sich viele Verbindungsstudenten den konterrevolutionären Kräften an, gründeten eigene „Freikorps“ und waren an der Niederschlagung des Spartakusaufstandes und anderer Arbeiteraufstände beteiligt. In der unübersichtlichen, bürgerkriegsähnlichen Situation zu Beginn der Weimarer Zeit glaubten sie, die ungeliebte Republik gegen die als noch schlimmer wahrgenommenen linken Kräfte verteidigen zu müssen.
Im Frühjahr 1920 wurden fünfzehn gefangene spartakistische Arbeiter in Thüringen unter nicht geklärten Umständen von zeitfreiwilligen Marburger korporierten Freikorpsstudenten erschossen. Sie wurden vom Kriegsgericht und vom Kasseler Schwurgericht freigesprochen. Auch an der Ermordung von Kurt Eisner und von Walther Rathenau waren nachweislich Korporierte beteiligt. Angehörige der Vereine deutscher Studenten waren besonders aktiv im deutschen Schutz- und Trutzbund, der in die Morde von Matthias Erzberger sowie die Attentate auf Phillipp Scheidemann und Maximilian Harden verwickelt waren (Heither/Lemling in: Elm et al. a.a.O., S. 108). Auch „gemäßigte“, dezidiert unpolitische Verbände wie der CV ignorierten in ihren traditionellen Grußtelegrammen den ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert, weil er Sozialdemokrat war und in die gewaltsamen Umstürze von 1918 verwickelt (Netz, Kerstin: Aurea Moguntia. Die Korporationen des CV in Mainz. Erschienen als: Friess-Reimann, Hildegard et al. (Hg.): Mainzer kleine Schriften zur Volkskultur. Bd. 13, Mainz 2001, S. 23).
Nach dem Krieg herrschte bei den Studenten vielfach soziale Not. Die Immatrikulationszahlen verdreifachten sich fast innerhalb von zehn Semestern bis zum Sommersemester 1923. Dies wird mit zurückkehrenden Kriegsgefangenen und dem Andrang von Frauen begründet. Gleichzeitig schrumpfte das Monatseinkommen auf bis zu einem Fünftel des Geldes, das ein ungelernter Arbeiter verdiente – vor dem Krieg standen Jungakademikern noch drei Viertel dieses Betrages pro Monat zur Verfügung.
Die Kriegsheimkehrer waren durchaus zu Reformen bereit und gründeten etwa das spätere Deutsche Studentenwerk als Selbsthilfeverein. Auch die Deutsche Burschenschaft sah anfangs Parallelen zwischen der Republik und der von ihr mitgetragenen, demokratischen Paulskirchenversammlung von 1848. Jedoch trug die Ablehnung des Versailler Vertrags sowie die Aufnahme österreichischer und sudetendeutscher Verbindungen in deutsche Dachverbände zu einer Radikalisierung bei: Nun galt es gegen die Verletzung der nationalen Ehre und ostjüdische Einwanderer vorzugehen.
Mentalitätsgeschichtlich brach sich ein militanter, imperialistischer, rassistischer Nationalismus weiter Bahn. „Völkisch“ sollte die Nation werden – eine Blutsgemeinschaft, die vor Verunreinigungen wie Ehen mit minderwertigen, „fremden Rassen“ bewahrt werden musste. Die Korporationen spielten mehr oder weniger mit, ganz vorne die Vereine deutscher Studenten. Das Verhalten der katholischen Verbände wird von Stickler immerhin als „Lavieren zwischen dem Bekenntnis zur Weimarer Republik und den völkischen Kräften in der Studentenschaft“ bezeichnet. (Stickler, Matthias: Zwischen Reich und Republik. Zur Geschichte der studentischen Verbindungen in der Weimarer Republik. In: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 100) Sie gehörten in der „Zentrum“-Partei erstmals in der deutschen Geschichte zur echten Machtelite.
Zu den wenigen Korporationen, die sich öffentlich zur Republik bekannten, gehörten die jüdischen Studentenverbindungen und der katholische Unitas-Verband. Um die Jahrhundertwende bildeten sich zudem die „Freistudentenschaften“, die, meist jugendbewegt, die nichtkorporierten Studierenden einer Universität vertreten sollten. Zwar waren sie politisch neutral, aber hatten großen Einfluss auf die Veränderung von Hochschulstrukturen, etwa die Gründung der ersten allgemeinen Studentenausschüsse (AStA) zusammen mit Korporierten.
Weder die Freistudenten noch die Frauen waren indes selber frei vom völkischen Gedankengut: Genau wie Teile der Jugendbewegung vertraten viele Freistudenten bald einen irrationalen Rassismus, der sich gut mit der Ideologie der Nazis vertrug. Agnes Bluhm, Medizinerin und Vorkämpferin des Frauenstudiums, gründete 1905 die „Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene“ mit, die als Wegbereiterin der nationalsozialistischen Rassegesetze gilt. (Schmidt, Birgit: 200 Semester studieren, 26.06.2006, Quelle: http://jungle-world.com/artikel/2008/26/22105.html, Stand: 24.04.2016)
1919 gelang dann das seit der Urburschenschaft gehegte Ziel der Bildung einer allgemeinen „Deutschen Studentenschaft“ – die jedoch rasch in die Radikalisierungsspirale geriet. Die gut organisierten Korporationen brachten sich in Stellung gegen die Republik: 1919 kam es zur Gründung des Deutschen Waffenrings, dem sich nach und nach alle schlagenden Verbindungen anschließen sollten. 1920 wurde der sehr einflussreiche, völkische Deutsche Hochschulring (DHR) gegründet. Ihm gehörten alle wichtigen konfessionellen und schlagenden Verbände an, u.a. die DB, der evangelisch geprägte Wingolfsbund, die Vereine deutscher Studenten (VVDSt) und der Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV). Der DHR betrieb vehement Politik gegen eine Reform des Hochschulwesens, nach der etwa auch Nichtdeutschen ein Studium an deutschen Universitäten ermöglicht werden sollte.
Der Antisemitismus bekam nun auch für viele Korporationsverbände einen verfassungsmäßigen Aspekt: In den „Eisenacher Beschlüssen“ vom August 1920 stellte sich die Deutsche Burschenschaft auf den „Rassenstandpunkt in der Judenfrage“ und beschloss, nur noch deutsche Studenten „arischer Rasse“ aufzunehmen. Fruchtbar war diese Denkweise vor allem in vom sozialen Abstieg bedrohten Mittelschichtskreisen. Die Angst der Bischöfe, der Antisemitismus könne in Antikatholizismus umschlagen, hinderte die katholischen Verbindungen zunächst daran, sich der antisemitischen Hetze in dem Maße anzuschließen, wie es die nichtkonfessionellen Verbindungen taten. Trotzdem beschloss der CV 1920, dass für die Aufnahme in den CV „arische Abstammung“ bis zu den Großeltern nachzuweisen seien. Unvereinbarkeitsbeschlüsse gab es bei vielen Korporationen aber nicht nur mit Jüdinnen und Juden, sondern auch seit 1920 mit der KPD und der SPD und ab 1929 mit dem Zentrum.
Die gesellschaftliche Stimmung war angeheizt. Das Duell- und Mensurschlagen blühte wieder auf und ersetzte für die neuen Studentengenerationen das Fronterlebnis.
Am Burschentag der DB in Eisenach war am 5. August 1919 der Zusammenschluss der „Burschenschaft der Ostmark“ mit der „Deutschen Burschenschaft“ beschlossen worden, der am Burschentag in Salzburg 1922 feierlich vollzogen wurde. Damit waren die deutschen und österreichischen Burschenschaften in einem Verband geeint, was ihrem bis heute bestehenden Programm des völkischen Nationalismus entsprach. Die mit ca. 135 Burschenbändern versehene Originalfahne des „Einigungsburschentages“ von 1922 ist für die DB von besonderem historischen Wert und wird im Burschenschafterturm in Linz aufbewahrt. (Tagungsunterlagen Altherrentag der DB 2007, S. 16)
Paramilitärische Strukturen gediehen in der krisengeschüttelten Republik. Ebenso wie am Kapp-Putsch 1920 waren Korporierte denn auch beim Hitler-Putsch 1923 dabei. Beispielsweise nahm Heinrich Himmler (Apollo München im Rothenburger Verband Schwarzer Verbindungen) im von Ernst Röhm geführten Wehrverband „Reichskriegsflagge“ am Hitler-Putsch teil. Das Haus des Corps Palatia in München diente als eines der Waffenverstecke der Putschisten. Die Vereine deutscher Studenten und die Deutsche Burschenschaft druckten Hakenkreuze und Begrüßungsadressen für die Putschisten in ihren Verbandsblättern ab. 1926 kam es nach einer Hindenburg-Satire des jüdischen Philosophen und Sozialdemokraten Theodor Lessing zu Tumulten und landesweiten Protesten der völkischen Studenten. Er wurde auf diesen Druck hin aus der Universität Hannover hinauskomplimentiert und später von Nazis ermordet.
Die preußischen Behörden verboten die Deutsche Studentenschaft im Jahr des „Lessing-Skandals“ in ihrem Territorium wegen deren ausgreifenden politischen Forderungen. Das „allgemeinpolitische Mandat“ wurde ihnen bestritten, sie sollten sich auf die Hochschulpolitik konzentrieren – was die Studentenschaft ablehnte. Auch die Waffenstudenten und ihre Mensur stand immer wieder in der Kritik. Seit 1883 war die Mensur als „Zweikampf mit tödlicher Waffe“ strafbar. Mitte der 1920er-Jahre gab es infolge eines Mensur-Strafprozess eine SPD-Initiative im Reichstag, die die bestehende Rechtssprechung noch verschärfen wollte. Die NSDAP trat damals für die Erhaltung der Mensur ein, was ihr Zuspruch und Zulauf unter Waffenstudenten einbrachte. Allgemein fanden die NS-Ideen unter Studierenden früher und breiter Resonanz als in anderen Bevölkerungsschichten, was vor allem auf die desolate wirtschaftliche Lage und Abstiegsängste unter Studenten zurückgeführt wird.
Unter Führung des NSDAP-Mitglieds Wilhelm Tempel und Helmut Podlichs, einem Korporationsgegner, wurde 1926 der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) gegründet. Weil sich der Bund ideologisch auf die nationalrevolutionären Thesen der Gebrüder Strasser stützte, die eine Enteignung und Verstaatlichung der Industriebetriebe forderten, stieß der NSDStB bei den studentischen Verbindungen zunächst auf Ablehnung. Anknüpfungspunkte gab es vor allem mit den völkisch-sozial engagierten Vereinen deutscher Studenten. In ständiger Konkurrenz mit den Studentenverbindungen konnte der NSDStB an den Universitäten zunächst kaum Fuß fassen.
Dies hatte zur Folge, dass der NSDStB-Gründer Tempel bald durch Baldur von Schirach abgelöst wurde, der den von Tempel noch hochgehaltenen, aber von Hitler kritisierten sozialen Anspruch des NSDStB zurückdrängte. Nun wurden die historischen Verdienste der Korporationen gelobt, vielerorts begann eine Zusammenarbeit. Angeblich soll von Schirach auch selber korporiert gewesen sein.
1928 stellte der NSDStB Anträge, für jüdische Studierende einen Numerus Clausus einzuführen. Dies war allerdings nichts Neues, beispielsweise wurde schon 1924 vom von Korporierten getragenen Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der Universität Frankfurt ein Einschreibeverbot für Juden gefordert. Der NSDStB fand 1931 im Erfurter Abkommen Anerkennung durch die Verbände des Allgemeinen Deutschen Waffenrings. Dieser sah den NSDStB als gleichberechtigt und vertrauenswürdig an. Schon bald dominierte er die meisten ASten in Deutschland.
Zwar äußerte etwa der Burschentag der DB 1932 noch Empörung über die Politik des Nazi-Studentenbundes, jedoch betonte er die „Bejahung“ der NS-Ideologie als Teil der „völkischen Freiheitsbewegung“ (Grüttner, Michael: Die Korporationen und der Nationalsozialismus. In: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 128).
In dieser politisch erhitzten Zeit wurde am 16. Oktober 1932 in Linz der „Burschenschafterturm“ als Gefallenendenkmal der geeinigten „Deutschen Burschenschaft“ eingeweiht. Von ihm kommt laut DB auch heute noch als „Werbung für den burschenschaftlichen völkischen Gedanken eine besondere Bedeutung zu […].“ (Deutsche Burschenschaft: Tagungsunterlagen Altherrentag 2007, S. 16)
Der KSCV trat 1932 aus dem Deutschen Waffenring aus, weil er dessen Politisierung ablehnte. Die Corps vertraten (und vertreten) das sog. „Toleranzprinzip“, was es auch unwichtig machte, dass mehr und mehr Mitglieder etwa das SA-Braunhemd trugen. Jedoch wurde die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler 1933 verbandsübergreifend geradezu frenetisch gefeiert.
Bei der „Säuberung der Universitäten wider den undeutschen Geist“ 1933 verloren 2000 als „nichtarisch“ bezeichnete Lehrkräfte ihre Stellen. Sowohl NS-Studenten als auch Korporierte halfen eifrig bei der „Reinigung der Bibliotheken von zersetzendem Schrifttum“. Am 10. Mai 1933 waren es so auch Korporierte, u.a. Corps-Studenten, die zusammen mit den Nazis „undeutsches Schrifttum“ den Flammen übergaben.
Als der totalitäre Anspruch des NSDStB größer wurde, nahm der Druck auf die Verbindungen allerdings zu. Die Verbindungshäuser sollten in „Kameradschaftshäuser“ umgewandelt werden, die nach dem Führerprinzip funktionieren und in „paramilitärischem Ambiente“ „politische Soldaten“ (Grüttner in: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 132) ausbilden sollten. Als schließlich Uniformen statt Farben getragen werden sollten und die Nazi-Funktionäre die Führer der „Kameradschaften“ bestimmen sollten, protestierte besonders der Corps-Verband KSCV. Der entsprechende Erlass wurde schon im Herbst 1934 wieder gekippt, aber der Sieg ging nicht aufs Konto der Verbindungen: Hitler war höchstpersönlich von der Idee der Kameradschaftshäuser abgekommen, auch aus Furcht vor homosexuellen Anwandlungen. Die Nazis holten zum finalen Schlag gegen die Korporationen aus.
Parallel zu den Plänen zu Kameradschaftshäusern verboten die Nazis Juden und „jüdisch Versippte“, also meist entsprechend verheiratete Personen, in den Verbindungen. Dies betraf fast ausschließlich die Alten Herren. Auch dies war ein Schlag ins Gesicht der Verbindungen, die das Lebensbund-Prinzip vertraten. In der Literatur werden acht Verbindungen genannt, die dieser Forderung nicht nachkamen, davon fünf Corps. Die Letzteren wurden daraufhin nicht aufgelöst, sondern von ihrem Verband, der 104 Corps umfasste, ausgeschlossen. Auch werden einzelne Fälle genannt, in denen derart unerwünschte Burschenschafter und Corps-Angehörige als „Zeichen der Treue“ zu ihrem Bund selber austraten und weiterhin materielle Unterstützung seitens der Korporation erhielten.
Auf Seiten der Korporationen richtete man zunächst seine Hoffnungen auf NS-Funktionäre, die gleichzeitig korporiert waren, wie der spätere „Reichsführer SS“ Himmler (angeblich in Apollo München, später Burschenschaft Franco-Bavaria), Reichsinnenminister Wilhelm Frick (Sängerschaft AGV München im Sondershäuser Verband) oder Hermann Göring (Ehrenmitglied der Wehrschaft Markomannia Berlin in der Deutschen Wehrschaft). Diese Altherren-Front zog sich mitten durch den sich formierenden Nazi-Staat. Es wurde erbittert gerungen, wobei Studenten und Alte Herren hin- und hergerissen waren zwischen nationalsozialistischem Enthusiasmus und der Bewahrung ihrer Korporationen.
Die katholischen Verbindungen waren die einzigen, die dem Nationalsozialismus weltanschaulich deutlich entgegenstanden, vor allem wegen der Kirchenfeindlichkeit der Nazis. 1931 trat der CV aus der Deutschen Studentenschaft aus und fasste im Folgejahr einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit der NSDAP. Als jedoch die Bischöfe nach 1933 ihren Widerstand gegen Hitler aufgaben, wurde auch im CV der Unvereinbarkeitsbeschluss mit der NSDAP aufgehoben, und man reihte sich ein in die „nationale Erhebung“, wie die Verbandszeitschrift „Academia“ es ausdrückte. Zudem ist mit Albert Derichsweiler ein katholischer CV-Korporierter ab 1931 im NSDStB und der Deutschen Studentenschaft (DSt) Funktionär, der wohl direkt an die NSDAP Bericht erstattete. Und der heute in Mainz ansässigen KDStV Rheno-Palatia Breslau im CV wollte 1933 alle Vorstände des Verbandes entlassen, da „die verantwortlichen Stellen des CV noch immer keine Gelegenheit genommen haben, Adolf Hitler als den Vorkämpfer eines christlichen, reinen Deutschlands zu begrüßen. Wir halten es mit unserer nationalen Ehre für unvereinbar, weiterhin noch einen Vorort und eine Leitung zu hören, deren Gesinnung im krassen Gegensatz zur nationalen Erhebung steht.“ (Stitz nach Netz a.a.O., S. 28) So zeigt sich auch bei den Katholiken zumindest ein uneinheitliches Bild.
In einem von „Opportunismus“ (Grüttner in: Brandt, H.-H. et al. a.a.O. 129) bestimmten Ringen um ihren Fortbestand verwandelten sich Korporationen halbwegs in Kameradschaften. Kurz nach Machtübernahme der Nazis wurden Mensuren das erste Mal seit 1883 straffrei gestellt.
Am 18. Oktober 1935 wurde die Urburschenschafterfahne vom eigens installierten NSDStB-Mann Hans Glauning dem NS-Studentenbund feierlich übergeben, unter „rückhaltloser Bekenntnis“ zum Nationalsozialismus. Vorher hatten sich schon alle bedeutenden Verbände wie der KSCV, Deutsche Turnerschaft, Deutsche Landsmannschaft, sowie die Aktivitates der katholischen CV und KV aufgelöst.
1936 beschloss Rudolf Heß eine Reorganisation des studentischen Bereiches. Um den Zielen der NSDAP nicht zu widersprechen, wurden die studentischen Verbindungen verboten, Verbindungshäuser und -gelder wurden beschlagnahmt. Zugeständnisse wurden an die Altherren-Verbände gemacht, die weiter tagen und Zeitschriften herausgeben konnten. Die korporierte Studentenschaft war verbittert.
Im folgenden Jahr wurden die Studentenverbindungen zwar verbal von Rudolf Hess aufgrund ihres „Mannestums“ und „völkischen Wollens“ rehabilitiert, andererseits endgültig die katholischen Verbände samt unliebsamer Altherrenorganisationen verboten. In der politischer Eiszeit konzentrierten sich die übrig gebliebenen „Wohnkameradschaften“ auf das Unpolitische: verdeckte Symbole, rituelle Kneipen und Festversammlungen.
Abgrenzungen und Streit mit dem Bund legen heute viele Korporierte als Widerstand gegen die Nazis aus und die spätere Gleichschaltung der Verbindungen als Folge dieses Widerstands. Grüttner schreibt dazu aber: „Von Widerstand ließe sich aber nur dann sprechen, wenn diese Einstellung auf einer grundsätzlichen Ablehnung des Nationalsozialismus beruht hätte und mit der Absicht verknüpft gewesen wäre, zum Sturz des Regimes beizutragen. Es gibt jedoch keine Hinweise, dass diese Voraussetzungen gegeben waren.“ (Grüttner in: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 142). Demzufolge hätten die Korporationen nur eine „moderate Reaktion“ seitens der NS-Behörden erfahren, gerade die Gestapo sei ihnen gegenüber nie eingesetzt worden. (Grüttner ebd.) Auch laut Dietrich Heither waren die Korporationen damals regelrecht unterwürfig, um bei einer späteren nationalsozialistischen Machtübernahme weiterhin eine Rolle an den deutschen Universitäten spielen zu dürfen.
Zwar gab es korporierte Nazi-Kritiker wie die Wissenschaftler Tönnies und Meinecke, und es waren Verbindungsstudenten im Widerstand tätig. Einer der Bekannteren dürfte Ulrich von Hassell sein, der dem Corps Suevia in Tübingen angehörte und wegen seiner Verwicklungen in Widerstandsaktivitäten 1944 zu Tode verurteilt wurde. Auch der Reichskanzler und Friedensnobelpreisträger Gustav Stresemann war Burschenschafter, in bis heute bestehender sozialdemokratischer Tradition.
Eine gewisse Opposition hat sich sicher im Milieu der Corps und der Katholiken gebildet. Jedoch liest sich gerade die Corps-Geschichte als Taktieren um Rechte und Formalia, im steten Kleinkrieg mit der Deutschen Burschenschaft. Schon 1933 konnte sich der KSCV mangels Autorität nicht über das Wie der nationalsozialistischen Gleichschaltung einigen. Die Schilderung der entsprechenden Szene auf dem Kösener Congress am 31. Main 1933 zeigt, wie sehr die Corps schon in das NS-System verwickelt waren: „Verschiedene NS-Corpsstudenten drohten sich gegenseitig die Verhaftung, ja unter Verwendung des damaligen Jargons der SA die ‚Sonderbehandlung‘ an.“ (Schmidt-Cotta, Ralf-Roland/Wippermann, Wolfgang: Kampf um die Erhaltung der Tradition. Die Corps im Dritten Reich. In: Baum, Rolf-Joachim (Hg.): „Wir wollen Männer, wir wollen Taten!“ Deutsche Corpsstudenten 1848 bis heute. Berlin 1998, S. 184) Sonderbehandlung stand für Folter und Mord, wie der selbe Autor beschreibt.
Als 1937 das Schlagen von Mensuren verboten wurde, gerieten einige Corps in die Illegalität und standen einigen Quellen zufolge durchaus unter Gestapo-Beobachtung. Kameradschaften, die die Farben ihrer vormaligen Verbindung trugen – „trotz angedrohter härtester Strafen“ (Schmidt-Cotta in: Baum a.a.O., S. 205) – zeigen das Ringen eines konservativen Millieus um die Formen. Grüttner spricht gar von einem Aufleben des Komments, also des traditionellen Regelwerkes, nach Kriegseintritt. Bezeichnenderweise nennt auch der Studentenhistoriker Paulgerhard Gladen die NS-Kameradschaft „Freundeskreis“ und „Traditionsträger ausdrücklich unpolitischer Art“ (Wortmeldung Paulgehard Gladen, in: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 162), mit Komment und Altherrenschaft. Sie sollten den Nationalsozialismus überdauern mit einer Taktik, die die Korporationen bis heute anwenden: Den Rückzug auf die Formen.
Nach dem Krieg sahen die Alliierten das Korporationsstudententum als belastet an. Sie waren den Siegermächten nach für die Zersetzung der Weimarer Republik und die Errichtung der Diktatur mitverantwortlich. Genau wie viele andere kompromittierte Vereine und Organisationen wurden sie verboten und ihre Häuser beschlagnahmt. Man findet in Verbindungskreisen häufig die Rede von der „Sündenbockfunktion“ (Stickler) der Korporationen in der Nachkriegszeit, da man etwa die Verbindungen verantwortlich für ihre Verwicklungen in den Nationalsozialismus machte, aber nicht die Akademiker als Gesamtgruppe. (Stickler, Matthias: „Vom Burschen zum Studi“ – Anmerkungen zum soziokulturellen Wandel in der Studentenschaft. In: Grün, Bernhard et al. (Hg.): Zwischen Korporation und Konfrontation. Beiträge zur Würzburger Universitäts- und Studentengeschichte, Köln 1999, S. 417)
Die Universitäten und teilweise auch die Altherrenschaften selbst wendeten sich zunächst gegen die Wiederbelebung der alten akademischen Gebräuche. 1949 wurden von der Westdeutschen Hochschulrektorenkonferenz die „Tübinger Beschlüsse“ gefasst, nach denen an den Universitäten „kein Platz mehr“ für Korporationen seien. Besonders wurden Mensuren abgelehnt, ein „besonderer studentischer Ehrbegriff“ sowie eine „unfreiheitliche Vereinsdisziplin“, also der Komment. Der Grund war, dass man aufgrund der allgemeinen Not nichts unternehmen wollte, das einzelne „Volksteile“ voneinander „entfremden“ könnte. (zit. nach Stempel, Peter: Wiederbeginn in feindseliger Umwelt – das alte Erbe und die Umwertung der Werte. In: Baum a.a.O., S. 211)
Um Währungsreform und Republikgründung 1948/49 gründeten sich zunächst die weniger belasteten konfessionellen Verbände wie CV und Wingolfbund wieder. Treibende Kraft waren wiederum die Alten Herren, die nun massiv ihre hohen gesellschaftlichen Positionen wieder besetzten. In Würzburg und Erlangen etwa konnten sich die Verbindungen wegen Korporierten in hohen Ämtern der Universität besonders schnell wieder etablieren. 1950 schließlich wurde zum 135. Gründungstag der Jenaer Urburschenschaft am 12. Juni die Deutsche Burschenschaft wieder gegründet. In den zwei Jahren darauf bildeten sich der Coburger Convent aus Landsmannschaften und Turnerschaften, sowie der Corpsverband KSCV, und auch die Vereine deutscher Studenten. Damit war das deutsche Waffenstudententum wieder da.
Es gab aber schon vorher getarnte Neugründungen und es wurde auch im Geheimen gefochten. In der Corps-Literatur wird der Fall eines Chemie-Studenten genannt, der 1951 im Praktikum von seinem Professor beim Senat der Universität in Erlangen wegen Mensurenschlagens angezeigt wurde. Er hatte eine offensichtliche Verletzung. Befriedigt stellt der Autor aber fest, dass durch Engagement des lokalen waffenstudentischen Netzwerkes diese als „Glassplitterverletzung“ umgedeutet werden konnte. (vgl. Stempel in: Baum a.a.O., S. 214)
Um diese Zeit wurde auch von manchen Universitäten das Farbentragen und der „Wichs“ – die Uniform – bei bestimmten Feierlichkeiten erlaubt. Der erste Bundeskanzler Adenauer war selber in der katholischen KV-Verbindung Brisgovia Freiburg. So spürten die neu- und wieder gegründeten Verbindungen Rückenwind vom konservativ-katholischen Adenauerstaat und, was die konfessionellen Verbindungen betraf, von der Kirche. 1954 führte der Deutsche Burschentag die Mensurpflicht wieder ein.
Um 1960 waren nach Ludwig Elm etwa 30 Prozent aller männlichen Studenten korporiert. Zu Höchstzeiten 1962 waren etwa 50 000 Studierende in 1000 Verbindungen, allerdings gab es inzwischen fünfmal so viele nicht korporierte Studierende in der jungen Bundesrepublik.
Die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit fand in den Verbindungen nicht statt. „Wenn auch in vielen Verbindungen Entnazifizierungen durchgeführt wurden, kam es angesichts der allgemeinen Notsituation und des durch den Kollektivschuldvorwurf entstandenen Solidarisierungseffekt nicht zu einer kritischen und systematischen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit“, erklärt dazu der korporationsnahe Friedhelm Golücke. (Golücke, Friedhelm: Die bundesdeutsche Nachkriegszeit. In: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 146) Wohlgemerkt: Der hier vorgebrachte Vorwurf der „Kollektivschuld“ aller Deutschen – eine gerne vorgebrachte Figur im rechtskonservativen Diskurs – ist nach Salzborn ein „halluzinierter“, der niemals so von den Alliierten gemacht wurde. (vgl. Salzborn, Samuel: Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze. Stuttgart 2015, S. 80) 1955 lehnte es Oskar Pfalzgraf von der DB in einer Festrede geradeheraus ab das Bekenntnis zu Hitler für seinen Verband zu leugnen, Widerständler zu benennen und ein „Lippenbekenntnis“ zum Attentat vom 20. Juli 1944 zu leisten.
Stattdessen wollten die Nachkriegsverbindungen die „interne Erziehungsarbeit“ (Golücke in: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 148) jenseits des Fachwissens aufnehmen, ein „studium generale“ (Golücke ebd.). Der Coburger Convent der Landsmannschaften und Turnerschaften veranstaltete gesamtdeutsche Tagungen, besonders die Burschenschaft beschäftigte sich mit „Deutschtums- und Grenzlandfragen“. Ab 1961 werden die Korporationen vom Bundesjugendplan gefördet, was nach Ludwig Elm einer „uneingeschränkten staatlichen Anerkennung einschließlich ihres Beitrags zur staatsbürgerlichen Bildung“ gleichkam. (Elm, Ludwig: Das Vergangene ist nicht vergangen. (1945-1969) In: ders. et al. (Hg.): Füxe, Burschen, Alte Herren. Studentische Korporationen vom Wartburgfest bis heute. Köln 1992, S. 201)
Bis heute vertritt die Deutsche Burschenschaft ein völkisches Denken, unter Berufung auf die „Selbstbestimmung der Völker“ in außen- und innenpolitischen Argumentationen. Schon der Burschentag 1961 lehnte eine Beschränkung des wiedervereinten Deutschland auf die Grenzen von 1937 ab. Gerade die Burschenschaft reduzierte nach Elm ihr Gedenken auf „tapfere deutsche Männer“ wie Karl Mauss, der 1959 starb. Er war Hauptakteur des rechten Kapp-Putsches 1920 und hochdekorierter Offizier im Zweiten Weltkrieg (vgl. Elm in: Elm et al. a.a.O., S. 209). Der selbe Autor nennt auch noch den ebenfalls 1959 verstorbenen Corpsstudenten Eggert Hans Reeder, der im Zweiten Weltkrieg Zivilverwalter von Nordfrankreich und Belgien war und später von den Alliierten als Kriegsverbrecher angeklagt wurde. Sein Leben war laut DB von „Freundschaft, Wahrheit und Treue“ regiert. (zit. nach Elm in: Elm et al. a.a.O., ebd.)
Die „Burschenschaftliche Gemeinschaft“, eine wichtige Untergliederung der Deutschen Burschenschaft, strebte die Fusion mit österreichischen Burschenschaften an. Mitglieder österreichischer Burschenschaften waren indes seit Ende der 1950er-Jahre an Bombenanschlägen in Norditalien beteiligt, als deren Folge die Burschenschaft Olympia Wien 1961 vom österreichischen Innenministerium aufgelöst wurde.
In Deutschland waren Korporierte an der Gründung des Bundes Nationaler Studenten 1959 beteiligt, aus dem die Studentenorganisation der rechtsextremen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), der Nationaldemokratische Hochschulbund (NHB), hervorging. Auch in Mainz gab es zumindest in den 1960er-Jahren einen Ableger des NHB. Außerdem waren Korporierte in zahlreichen Vertriebenenverbänden engagiert.
Trotz der zahlreichen korporierten Aktivitäten nahm der Anteil der Verbindungsstudenten an der Gesamtheit der männlichen Studenten kontinuierlich ab. Und unter den Studierenden nahmen politische Spannungen zu, als die Nachkriegsgenerationen herandrängten. Obwohl Alte Herren bis zu den 1960er-Jahren massive Machtpositionen eingenommen hatten, von der Ruhrindustrie bis zu den Universitäten, konnten die Korporationen keinen nennenswerten Einfluss auf die anstehenden Bildungsreformen nehmen. Die beginnende „Ghettomentalität“ (Golücke in: Brandt, H.-H. et al. a.a.O., S. 156) der Verbindungsstudenten sollte sich in der folgenden Studentenrevolte rächen.
Im Zuge der Studentenbewegung, der antiautoritären Außerparlamentarischen Opposition (APO) und der Durchsetzung der Massenuniversität verloren die Korporationen weiter an Einfluss. Sie wurden von linken Studierendengruppen aus den universitären Gremien vertrieben. Semesterlang gab es keine Füxe, und Verbindungshäuser waren nahezu unbewohnt. Die Korporierten zogen sich zurück und warteten auf bessere Zeiten. Seit 1969 hatten die farben- und waffentragenden Verbindungen fast ein Viertel ihrer Mitglieder verloren. Ende der 1970er-Jahre waren nur noch zwei bis drei Prozent der Studierenden korporiert.
1968 öffneten sich Turner- und Sängerschaften auf lokaler Ebene für Frauen. Erneut stand auch die Mensur zur Diskussion. Der Coburger Convent trug diesen Konflikt aus, die Gegner der Pflichtmensur verließen 1971 schließlich den Verband und gründeten einen eigenen „Marburger Konvent“ von Turnerschaften. In vielen Bünden stand aber die Altherrenschaft gegen eine Veränderung der Prinzipien.
Ein weiterer Grund für das Abgleiten der Verbindungen in die Bedeutungslosigkeit war die Tatsache, dass der Sohn nicht mehr zwangsläufig in die Verbindung des Vaters ging. Infolge der Linkswende an den Universitäten mäßigten sich viele Verbindungen.
Hinzu kommt, dass immer mehr Arbeiterkinder und Frauen an die Universität drängten. Gerade die Aufnahme von Frauen in Korporationen wurde heiß diskutiert, führte aber laut Gerhard Schäfer nur zu vorübergehenden gemischten Bünden. Er zitiert auch die Deutsche Corpszeitung von 1983: „Corpsstudenten sind Männer, eine Integration des weiblichen Geschlechtes würde als Fremdkörper wirken, einem Freundschaftsbund hinderlich.“ (zit. nach Schäfer, Gerhard: Vom Tiefschlaf zur nationalen Euphorie. (1969 bis heute) In: Elm et al. a.a.O., S. 232)
Trotz dieses Niedergangs mussten allenfalls wenige Verbindungen ihren Betrieb einstellen. Um nach den „Achtundsechzigern“ nicht völlig einzugehen, wurden neue Formen des „Keilens“ (Anwerbens) eingeführt, wie z.B. das Verteilen von Flugblättern, Erstsemesterveranstaltungen und das Anbieten von billigem Wohnraum. Früher konnte man dagegen nur auf Empfehlung eines korporierten Kommilitonen oder eines Alten Herren in eine Verbindung eintreten.
Auch beschreibt Schäfer ein methodisches Vorgehen des konservativ-korporierten Teiles der Gesellschaft: 1970 wurde der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ gegründet, der konservative Wissenschaftler sammelte. Durch abgestimmte Kampagnen etwa mit Arbeitgeberverbänden wurden hier Gesprächskreise mit Korporierten, Politikern und Unternehmern etabliert. In groß angelegten Verbandskoalitionen wie dem „Abkommen über die Arbeitsgemeinschaft akademischer Verbände“ (AaV) von 1972 wurden Seminare zur Auseinandersetzung mit „Marxismus-Leninismus“, aber auch Rhetorik und Verhandlungstaktik organisiert.
Als wichtige Zäsur kann aber die Einführung des BAföG 1971 gesehen werden, das bedürftigen Schülerinnen, Schülern und Studierenden eine Grundsicherung – zunächst noch als Vollzuschuss – rechtlich zusprach. Dadurch fand eine substanzielle soziale Öffnung der Hochschulen statt.
In den 1970er-Jahren radikalisierten sich Teile der linken Studentenbewegung und kämpften auch mit methodischer Gewalt gegen den ungeliebten Staat Bundesrepublik. Die Rote Armee Fraktion (RAF) hatte kapitalistische Seilschaften im Visier und tötete 1977 den Präsidenten des Arbeitgeberverbandes Hanns Martin Schleyer. Genau wie der zwölf Jahre später ermordete Bankmanager Dr. Alfred Herrhausen war er Alter Herr eines Corps. Schleyer, Ex-Waffen-SS, stand wie kein anderer für das damalige imposante Netzwerk Korporierter in Industrie, Banken, Versicherungen und zugehörigen Verbänden.
Aufwind bekamen die Studentenverbindungen wieder Anfang der 1980er-Jahre mit dem Amtsantritt der Kohl-Regierung. Verstärkt fanden sich Korporierte auch wieder in politischen Hochschulgruppen, wie der Christlichen Studentenliste (CSL) in Köln, der Münsteraner Studentenunion (MSU), dem Ring freiheitlicher Studenten (rfs) oder in sog. KoLiBri-Listen (konservativ-liberal-burschenschaftlich). Verbissen versuchten sie, zusammen mit dem RCDS, ASten zu bilden. 1989 wurde mit Unterstützung der Burschenschaft Danubia München der Republikanische Hochschulverband als Studentenorganisation der Republikaner (REP) und als Nachfolgeverband des rfs gegründet. Der Verband löste sich schon 1990 wieder auf.
Trotzdem gingen die absoluten Zahlen von Verbindungsstudenten auch in den 1980er-Jahren weiter zurück. Etwa 23 000 Studierende sind 1984 in 890 Verbindungen korporiert, bei gut 150 000 Alten Herren. Dem gegenüber stehen fast 1,3 Millionen nichtkorporierte Studierende. Eine Image-Analyse der Corps ergab 1984, dass Verbindungen negativ besetzt seien, und dass die Burschenschaften die einzig bekannte Verbindungsform sei. Wenn sich Studierende engagierten, dann wählten sie der Studie zufolge eher gemeinwohltätige Formen.
Aber die Strukturen der Alten Herren bestanden fort: Seit den 1970er-Jahren gab es in der Chemieindustrie, Industrie- und Arbeitgeberverbänden, bei Großbanken, dem Axel-Springer-Verlag, der Allianz und Daimler-Benz zahlreiche Korporierte in den Vorstandsetagen. Walter Kordes, CV-Korporierter, war in den 1980er-Jahren stellvertretender Abteilungsleiter im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Er organisierte Informationstagungen für Korporationen und Pressespiegel aus der Verbindungspresse. Die Verbindungen gingen laut Schäfer so weit, dass auch in dieser Zeit ein „Verbändegespräch“ im Kanzleramt selber stattfand. (Schäfer, Gerhard: Cliquen, Klüngel und Karrieren – Beziehungen und Ver-Bindungen. In: Elm et al. a.a.O., S. 310) Ein pikanter Fall war 1986 der Konflikt des damaligen Rektors der Fachhochschule Fulda, Prof. Joseph Dehler, mit dem korporierten Establishment: Er hatte sich geweigert, an einem Gründungskommers einer neuen Verbindung teilzunehmen und wurde daraufhin von Oberbürgermeister, Landrat und Bischof, alle im CV, heftig attackiert. Dies ging bis zur Anstrengung eines Disziplinarverfahrens gegen Dehler, das aber fallen gelassen wurde.
Schäfer weist für 1989 nach, dass der Corps-Student Götz Junkers, Managementberater, in Korporationsorganen Stellenausschreibungen platzierte. In einem Interview in der Zeitschrift „Capital“ sagt er dann: „Einem Bewerber, der Verbindungsstudent ist, bringt man natürlich mehr Vertrauen im Vorstellungsgespräch entgegen.“ (zit. nach: Schäfer: Cliquen in: Elm et al. a.a.O., S. 307)
In der DDR blieb das von den Siegermächten verhängte Korporationsverbot bis 1989 bestehen. Nur heimlich konnten Alt-Herren-Zirkel abgehalten werden. Auch bildete sich die „Rudelsburger Allianz“, die schon in den 1980er-Jahren Kommerse abhielt. Schon vor der Wende gab es Aktivitäten von deutschen Korporationen in Ostblock-Staaten, so ein Corps-Podium in Budapest mit 1000 Teilnehmern von deutscher Seite. Nach der Wende kehrten viele Verbindungen wieder an ihre Gründungsorte zurück, so auch die traditionsreiche Burschenschaft Arminia auf dem Burgkeller Jena, die bis 1991 in Mainz ansässig war. Mit Wartburg, Rudelsburg und Kyffhäuser liegen die wichtigsten symbolischen Orte der Verbindungen auf dem Territorium der ehemaligen sozialistischen Republik, die teils mit Unterstützung der Altherren-Verbände renoviert wurden.
Erwartungsgemäß freudig nahmen auch die Burschenschaften die Deutsche Wiedervereinigung von 1989/90 auf. So vertrat die DB auf dem Burschentag 1990 nach Frank Deppe gleich programmatisch die Idee eines „völkischen, großdeutschen Vierten Reiches“ (Deppe in: Elm et al. a.a.O., S. 334). In den Folgejahren sollten v.a. die traditionsreichen Burschenschaften Jenas an ihre alten Hochschulorte zurückkehren.
Nach der politischen Wende gab es eine beachtliche Öffentlichkeitsarbeit an den Universitäten der neuen Bundesländer seitens einzelner Korporationsverbände. Man kann in der Literatur von Rektorenbesuchen in Band und Mütze lesen und von unbehelligten Infoständen. Der Friede sollte nicht lange währen, denn schon 1992 gab es etwa in Halle heftige Attacken von linken Aktivisten – was im Westen schon lange ein Grund für den Rückzug der Korporationen aus dem Universitätsalltag gewesen war.
Im Umkreis des CV, in dem seit jeher viele Heimatvertriebene untergekommen waren, entstanden in den neuen Bundesländern zahlreiche neue Verbindungen. Darüber hinaus gab es auch deutsche Neugründungen im ungarischen Pecs (dt. Fünfkirchen), im polnischen Gliwice (dt. Gleiwitz), sowie in Prag, die denn auch in den Verband aufgenommen wurden. Auch das Mainzer CDU-Stadtratsfraktionsmitglied Michael Pietsch ist bei der 1992 gegründeten Salia-Silesia Gleiwitz im CV Mitglied. Die Gleiwitzer und Prager halten mit der Chursachsen Dresden jährlich eine „Mitteleuropa-Ringkneipe“ ab.
Insgesamt hat die Deutsche Vereinigung keine nennenswerten Veränderungen in den Mitgliederzahlen der Verbindungen gebracht. Obwohl gerade die katholischen Korporationen auf Zuwachs hofften, hielt dieser sich in Grenzen. „Der Trend zur Freizeitgesellschaft und die abnehmende Bereitschaft des Einzelnen, sich verbindlich in einer Gemeinschaft zu engagieren, hatte gerade für die Verbindungen Konsequenzen“, schreibt Kerstin Netz als allgemeine Diagnose für die 1990er-Jahre. (Netz a.a.O., S. 118) Auch kommen zu dieser Zeit Klagen über die „zunehmenden Anforderungen des Studiums“ (Netz a.a.O., S. 118) auf.
Nichtsdestotrotz berichtet Schäfer für die Legislaturperiode der Wendezeit von 30 Mitgliedern des Bundestages, die allein im CV korporiert waren (Schäfer: Cliquen in: Elm et al. a.a.O., S. 309). Manche Verbände öffneten sich für Frauen: der Unitas-Verband gliederte 1996 fünf Studentinnen-Vereine als gleichberechtigt im Verband an (Netz a.a.O., S. 125 Anmerkung 493). Gemischte Verbindungen gibt es hier nicht.
Wieder andere bauen ihre Förderstrukturen aus, wie der KSCV, der schon 1986 einen Stifterverein gründete. Dieser vergibt Projektförderungen und eine „Klinggräff-Medaille“ für Absolventen. Die katholischen Verbände diskutierten erneut hitzig, wie in den Sechziger- und Siebzigerjahren schon geschehen, ob sie sich für Nichtkatholiken öffnen sollten. Dazu kam es aber nicht.
Wie neuere Untersuchungen zeigen, haben seit den 1990er-Jahren einige Burschenschaften mit Neonazis Kontakt.
Es scheinen sich immer wieder vorgebrachte Forderungen von Reformbewegungen innerhalb der Korporationen zu erfüllen: Studierende fühlen sich nicht mehr als eigener „Stand“ und gliedern sich nach Netz „fast unauffällig in die Gesellschaft ein“ (Netz a.a.O., S. 124). In den 1990er-Jahren gibt es auch wieder verstärkt verbindungskritische Publikationen, etwa von Dietrich Heither und Stephan Peters und vielen ASten, die dem Ruf der Korporationen nachhaltig schaden. 1999 sind 22 000 Studenten korporiert, das entspricht gut einem Prozent der gesamten deutschen Studierendenschaft (Stickler in: Grün a.a.O., S. 419).
Wenn ein Verteidiger des Verbindungswesens beklagt, dass die heutigen Studierenden nur noch eine „unübersichtliche Masse von Individuen“ (Stickler in: Grün a.a.O., S. 410) sind, dann bedauert er auch den geringen Organisationsgrad der Studentenschaft. Der gleiche Autor, der Würzburger Historiker Matthias Stickler, kritisiert 1999 die lokalen Studierendenausschüsse, die „von der überwiegenden Mehrheit der Studierenden schlichtweg ignoriert“ würden, was sich in entsprechenden Wahlergebnissen zum Studierendenparlament niederschlage. (Stickler in: Grün a.a.O., S. 419) Seine Diagnose: „Auffallend ist […], dass heute nach dem weitgehenden Zerfall der politischen Ausdrucksformen der Achtundsechzigerbewegung und der sie tragenden Zirkel in der Studentenschaft gerade die Korporationen als weitgehend stabile studentische Organisationsform übrig geblieben sind.“ (Stickler in: Grün a.a.O., S. 419)
Die ohnehin schon mäßige Beteiligung der Studierenden an universitärer Selbstverwaltung und sonstigen Organisationen sollte sich durch einen weiteren einschneidenden Prozess noch verschärfen: Im Jahre von Sticklers Diagnose unterzeichneten die Bildungsminister von 29 europäischen Ländern in Bologna ein Vertragswerk, das bis 2010 die Umstrukturierung und Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraumes vorsah. Diese als „Bologna-Prozess“ bekannt gewordenen Reformen haben u.a. das ECTS-Punktesystem und den gestuften Bachelor-/Master-Abschluss in Deutschland flächendeckend eingeführt. Sie stellen eine massive Veränderung besonders des Universitätsstudiums dar.
Durch die Bologna-Reformen wurde das Studium verkürzt und an Berufsqualifikation orientiert, andererseits lässt es aber weniger Freiraum für außeruniversitäre Aktivitäten. Heute bleibt, im Gegensatz zu vergangenen Epochen, kaum noch Zeit für Bummelei und eine feste „Rauf- und Saufgemeinschaft“ (Stickler in: Grün a.a.O., S. 411), die die Verbindungen einmal waren. „Mobilität“ ist eine der Leitlinien der Hochschulreformen. Diesem Prinzip stehen die Verbindungen tendenziell entgegen; aber auch andere Organisationen wie die Studierendenausschüsse und -parlamente leiden unter Nachwuchsmangel.
Der Ausbau von Berufsorientierungsangeboten sowie der Vermittlung von „Schlüsselqualifikationen“ der Universitäten macht den Verbindungen Erziehungsfelder strittig. Das „akademische Prinzip“ einer Germania Halle – ein jeder Student solle unter den wachsamen Augen der Bundesbrüder erfolgreich und zügig seinen Abschluss machen – mag nun veraltet erscheinen.
Trotzdem wächst zunächst die Verbindungsszene in Mainz: Ende 2002 gründet sich hier die Hochschulgilde Hildegard von Bingen. Die Verbindung gehört der „Deutschen Gildenschaft“ an, die sich auf die Jugendbewegung des frühen 20. Jahrhunderts bezieht. Bünde der Deutschen Gildenschaft stellen seit einigen Jahrzehnten führende Denker der „Neuen Rechten“ – so Götz Kubitschek vom „Institut für Staatspolitik“ sowie Dieter Stein und Karlheinz Weißmann von der Tageszeitung Junge Freiheit. 2012 veröffentlicht die Mainzer Hochschulgilde Hildegard von Bingen vorläufig ihr letztes Semesterprogramm. Bis dahin widmen sie sich kulturellen Themen, die eine Nähe zur Ideologien der „konservativen Revolution“ zeigen. (s. Art. Deutsche Hochschulgilde Hildegard von Bingen, sobald veröffentlicht)
Am 10. Oktober 2003 gründet sich die Akademische Damenverbindung Felicia, die aber seit einigen Jahren inaktiv ist. Sie betonen zunächst auf ihrer Homepage die Vermittlung von „Werten“, die im Berufsleben „unabdingbar sind: selbstsicheres Auftreten, rhetorische Fähigkeiten, Organisationsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Durchsetzungsvermögen und Toleranz im Umgang mit Andersdenkenden.“ (Über Uns. Quelle: http://advfelicia.de/portrait_ueberuns.php, Stand 10.05.2016) Demnach mache eine Mitgliedschaft in der Verbindung jede Frau zu „einer Persönlichkeit, welche im Studium und im späteren Beruf erfolgreich sein wird.“ (ebd.) Hier werden Berufsqualifikation und Leistungs- bzw. Elitedenken zu wichtigen Argumenten der Verbindung – eine Entwicklung, die seit 2000 bei allen Korporationen zunimmt.
Die aufstrebenden Frauen sorgen auch im neuen Jahrtausend für Unruhe im Verbindungswesen. 2004 wird Mainz zum Schauplatz eines bezeichnenden Konflikts: Der Verein deutscher Studenten Asciburgia Mainz entschließt sich dazu, weibliche und ausländische Studierende aufzunehmen. Der seinerzeit sieben Verbindungen umfassende Verband „Bund deutscher Studenten“ löst sich daraufhin kurzerhand selber auf. Dies zeigt, wie schwer es ist, für die Korporationen die gesellschaftlichen Veränderungen der Nachkriegszeit zu verarbeiten und einen gemeinsamen ideologischen Nenner zu behalten. Eklatant zu Tage treten sollte dieses Problem aber vor allem einige Jahre später bei den Flügelkämpfen der Deutschen Burschenschaft.
Indes macht sich bei allen Verbindungen ein demografischer Wandel bemerkbar: Die Nachkriegsjahrgänge waren geburtenstark und noch eher traditionsgebunden. So treten die Alten Herren massiv ab, die die Blütezeit der Korporationen in den 1960er-Jahren in ihrer Aktivenzeit gestaltet haben: 2001 ging mit dem Berliner Bürgermeister und Burschenschafter Eberhard Diepgen (CDU) einer der profiliertesten korporierten Netzwerker von der politischen Bühne ab. Er hatte nach Schäfer mit seinen Mit-Waffenstudenten Klaus-Rüdiger Landowsky und Peter Kittelmann in den 1960er-Jahren nach Schäfer die „K-Gruppe“ gebildet, ein Beispiel einer „machtpolitisch planvoll arbeitenden Seilschaft“ (Schäfer: Cliquen in: Elm et al. a.a.O., S. 312), die vom AStA bis zur Landesregierung eine gegenseitige Karriereprotektion betrieb.
Der natürliche Schwund der Altmitglieder der Korporationen bedeutet einen stetigen Mitgliederverlust, der sich auf ein bis zwei Prozent pro Jahr beläuft. Zudem sind die genannte Internationalisierung im Bildungswesen und auch die Erweiterung und Währungsreform der Europäischen Union offenbar eine Herausforderung für die Korporationen, die von jeher eine Nähe zu nationalkonservativen Diskursen haben. Viele Verbände suchen deshalb die Nähe der Wirtschaft und den Anschluss an deren Leistungs- und Elite-Diskurse (etwa CV und KSCV), sowie die Selbstvermarktung durch „Wertkonservativismus“, um neue Mitglieder zu gewinnen.
Andere Verbindungen driften aus einer EU-kritischen Haltung immer mehr in völkisch-nationales Fahrwasser. Seit der Jahrtausendwende gerät in diesem Sinne immer wieder die Deutsche Burschenschaft in die Schlagzeilen.
Nachdem 2005 die SPD auf ihrem Bundesparteitag die Prüfung eines Unvereinbarkeitsbeschlusses mit der Mitgliedschaft in einem Corps oder einer Burschenschaft traf, scheiterte dieser im Januar der Folgejahres laut SPIEGEL am Bundesvorstand. Allein die Mitgliedschaft in der als „rechtsextrem“ eingestuften Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG) – einer Gruppe innerhalb des Deutschen Burschenschaft, der auch die Mainzer Germania Halle angehört – gilt fortan als Ausschlusskriterium der SPD.
2009 gab es beim Burschentag dann einen eindeutig rassistischen Eklat, zwei Jahre später sollte auf Antrag des Mitgliedsbundes der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn (Mitglied der BG) die deutsche Abstammung zum Kriterium für eine Aufnahme in den Bund werden. Hansea Mannheim sollte demnach ausgeschlossen werden, da die Raczeks Anstoß nahmen an einem chinesischstämmigen Mannheimer Bundesbruder. Kritikpunkt der Bonner war es, dass dessen „nichteuropäische Gesichts- und Körpermorphologie auf die Zugehörigkeit zu einer außereuropäischen populationsgenetischen Gruppierung“ hinwies – was die Medien als Indiz für eine rassistische Ausrichtung zumindest der Burschenschaftlichen Gemeinschaft nahmen.
Daraufhin brach ein jahrelang schwelender Streit zwischen den national-liberalen und völkisch-nationalen Flügeln aus, woraufhin schließlich sogar Gerichtsverfahren angestrengt wurden und eine Austrittswelle die DB erfasste. Auch der Verfassungsschutz nahm einzelne Burschenschaften wieder stärker unter die Lupe.
2014 wurde der DB dann symbolträchtig der Zugang zur Wartburg in Eisenach für den jährlichen Fackelmarsch verwehrt – bei dem auch traditionell das „Lied der Deutschen“ mit allen Strophen gesungen wird. Die Wartburg-Stiftung reihte sich damit bei den Kritikerinnen und Kritikern ein, die dem Verband rechtsextreme Tendenzen vorwerfen. Die Stadtverwaltung Eisenach kündigte zudem die Nutzung einer Veranstaltungshalle durch die DB ab 2018. Seit der Wende findet der Burschentag der Deutschen Burschenschaft in Anknüpfung an die alte Tradition jährlich in Eisenach statt.
Im Zuge der Zerrüttung der Deutschen Burschenschaft distanzierten sich auch viele andere Korporationen und Verbindungsstudierende von diesem traditionsreichen Verband. Seit Ende der 1990er-Jahre zeigt sich das gesamte Verbindungsspektrum damit sehr uneinheitlich. Die Korporationen kämpfen einmal mehr um das Überleben. In der Verbindungspresse finden sich allfällige Klagen darüber, dass die arrivierten Alten Herren ihre Zugehörigkeit zu Verbindungen aus Angst um ihren Ruf meist verschwiegen. Nur bei offenkundigen Krisen scheinen die Korporierten offen zusammenzustehen, so geschehen bei den SPD-Unvereinbarkeitsbeschlüssen, die 2006 zunächst nur sehr abgeschwächt getroffen wurden.
Hier war ein sozialdemokratischer Kreis von Korporierten aktiv gewesen, der sich im selben Jahr als „Lassalle-Kreis“ gründete. Er soll seitdem korporierte SPD-Mitglieder zusammenführen und korporationsfeindlichen Umtrieben, vor allem von Seiten der Jusos, mit Informationen begegnen. Laut Homepage nehmen regelmäßig bis zu 50 korporierte SPD-Mitglieder an den Veranstaltungen des Kreises teil. 2016 war ihr Vorsitzender Florian Boenigk. Prominentes Mitglied des Lassalle-Kreises ist der Hamburger MdB Johannes Kahrs (Wingolfsbund), der wiederum Sprecher des konservativen „Seeheimer Kreis“ der SPD ist. Indes hat die SPD 2014 ihren Unvereinbarkeitsbeschluss auf die gesamte Deutsche Burschenschaft ausgeweitet.
Die CDU hat nur lokale Probleme mit Burschenschaftern. So wurde im Mai 2013 in Berlin etwa der CDU-Staatssekretär Michael Büge entlassen, nachdem er sich nicht von seiner umstrittenen Burschenschaft Gothia trennen wollte. (Beikler. Sabine: Czaja entlässt Staatssekretär Büge, 13.05.2013, Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/wegen-mitgliedschaft-in-burschenschaft-gothia-czaja-entlaesst-staatssekretaer-, Stand 22.04.2016) Anfang des selben Jahres war die Burschenschaft Franco-Bavaria München medienwirksam aus der Deutschen Burschenschaft ausgetreten. Prominentes Mitglied: Ex-Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Etwa zeitgleich tat dies auch Arminia-Rhenania München mit ihrem Mitglied Hans-Peter Uhl (CSU), der heute Justiziar der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist.
Seit jeher stark vertreten ist in CDU und CSU vor allem der Cartellverband katholischer deutscher Studentenverbindungen (CV). So gehören die Ex-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) und Edmund Stoiber (CSU) CV-Verbindungen an, außerdem der ehemalige Bundesfraktionsvorsitzende der CDU/CSU Friedrich Merz. Und gerade in Bayern ist diese Tradition ungebrochen: Dort haben 2016 etwa die Minister Joachim Herrmann und Ludwig Spaenle (beide CSU) ein CV-Band. Auch Ex-Finanzminister Kurt Faltlhauser ist Mitglied in einer CV-Verbindung. Sein Nachfolger Markus Söder soll Mitglied der Burschenschaft Teutonia Nürnberg im Schwarzburgbund sein. Bei allen Parteien treten große Namen von Korporierten ab, der Nachwuchs scheint jedenfalls lokal aber noch gesichert.
2014 schließlich schied der CDU-Politiker Christean Wagner aus dem hessischen Landtag aus. Er ist Mitglied im Akademischen Turnbund (ATB) und war u.a. Justiz- und Kultusminister in seinem Bundesland. Er stand für einen harten Strafvollzug, kämpfte unter Roland Koch gegen eine „Unterwanderung“ Deutschlands durch Ausländerinnen und Ausländer und setzte sich laut Gerhard Schäfer dafür ein, dass hessische Schülerinnen und Schüler alle drei Strophen des Deutschlandliedes singen sollten.
Das Abdriften der Deutschen Burschenschaft nach rechts wird noch durch die Nachrichten bestätigt, dass zwei Burschenschaften – Thessalia Prag zu Bayreuth und Normannia Jena – Kontakte zur Terrororganisation Nationalsozialistischer Untergrund hatten. Die NPD ist etwa bei der Dresdensia Rugia besonders vertreten, „Republikaner“ gibt oder gab es z.B. bei Germania Halle Mainz und den Raczeks in Bonn. Neben den rassistischen Eingaben von einzelnen Burschenschaften fällt auch der gesamte Burschentag Beschlüsse, die für einen hohen Integrationswillen des Verbandes sprechen: So sollten Vorstrafen bei Amtsanwärtern nicht gewertet werden, die rechtsradikale Vergangenheit eines Funktionärs wurde kommentarlos hingenommen, scharfe Abgrenzungen gegen Rechts wurden aufgeweicht.
Die Verbindungen scheinen sich auf einem niedrigen Image- und Mitgliederniveau einzurichten. Wie viele korporierte Studierende es in Deutschland aktuell gibt, ist schwer zu beziffern. 2016 sind schätzungsweise 15 000 bis 20 000 Studierende in Deutschland korporiert, das entspricht einer Quote von maximal 0,9 Prozent aller eingeschriebenen Studierenden. Gerade beim Nachwuchs hapert es im historischen Vergleich. Die Gründe hierfür sind vielfältig, man kann sie summarisch mit Stickler als Verschwinden der Studierendenschaft als „Stand“ bzw. Subkultur bezeichnen. Zudem tauchen in der deutschen Elite die Korporierten praktisch nicht mehr auf. (s. Interview Michael Hartmann) Hier ist als Grund vor allem die Internationalisierung von Bildung und Wirtschaft zu nennen, die eine hohe Mobilität auch der Studierenden erfordert. Auch Korporierte selber haben immer mehr Angst vor Imageschäden durch Bekanntwerden einer Mitgliedschaft, wie in der Verbindungspresse zu lesen ist.
Es gibt immer wieder einzelne Alkohol- und Randale-Exzesse von Verbindungsstudenten, die durch die Verbindungspresse und lokale Medien geistern. So haben die CSU-Stadtradsmitglieder in Regensburg Tobias Fritz und Tobias Grosse-Brockhoff nach Medienberichten beide schon bei ihrer CV-Verbindung Rupertia gewütet. Auch gab es bei den Corps 2013 offenbar „Trümmereien“ und „Körperlichkeiten“ zwischen Corpsstudenten. (Corps Magazin 1-2014, S. 7 / Corps Magazin 2-2014, S. 6) Hie und da veröffentlichen Alte Herren Aufrufe gegen solche Ausfälle und besonders den übermäßigen Alkoholgenuss.
Die Gewalt wird auch von außen an die Korporationen heran getragen: 2011 gab es nach Angaben des „Convents Deutscher Akademikerverbände“ (CDA) 144 Straftaten gegen Häuser und Mitglieder von Korporationen, demnach auch – versuchte und durchgeführte – 13 Brandstiftungen und 20 Fälle von Körperverletzung. Dem CDA zufolge entsprach dies einer Zunahme der Straftaten um 40 Prozent im vergleich zum Vorjahr. (Studentenverbindungen beklagen steigende linksextreme Gewalt, 31.05.2012, Quelle: http://www.akademikerverbaende.de/pm_gewalt_gegen_korporationen_v_3152012.html, Stand: 28.04.2016) Der CDA vertrat zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Statistiken noch zwölf Verbände – heute sind es noch vier. Er ist über die Querelen um die Deutsche Burschenschaft zerbrochen und heute bedeutungslos.
Und selbst Image-bewusste Corps geraten in die Schlagzeilen: So bleibt ein Vorfall von 2012 rätselhaft, als unter ungeklärten Umständen ein Göttinger Corpsstudent in dem Haus des traditionsreichen Münchner Corps Suevia zu Tode kam. (Spiegel Online: Todesfall bei Studentenverbindung: Student bricht in Corpshaus zusammen, 15.11.2012, Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/tod-bei-muenchner-studentenverbindung-student-kommt-ins-krankenhaus-a-867487.html, Stand 10.05.2016)
Eine kleine studentenhistorische Sensation ist der Umstand, dass der katholische KV 2013 seinen Mitgliedsbünden freistellt Farben zu tragen. Denn der Verband hatte sich im 19. Jahrhundert gerade in Abgrenzung zu dem farbentragenden CV als „schwarzer“ – nichtfarbentragender – Verband gegründet.
Schließlich wurde am 3. Oktober 2016 ohne großes öffentliches Aufsehen der neue Dachverband „Allgemeine Deutsche Burschenschaft“ gegründet. Damit hat sich der liberalere Flügel der Burschenschaften eine neue Struktur gegeben. Zur Zeit der Gründung hat der Verband 27 Mitgliedsverbindungen. (Quelle: http://allgemeine-burschenschaft.de/, Stand: 25.05.2017) Neben der Deutschen Burschenschaft und der Neuen Deutschen Burschenschaft ist der Verband die dritte größere Organisation der Burschenschaften.
Zwischen Verbindungen und Verbänden herrschen oftmals Grabenkämpfe. Regional und lokal können die Verbindungen durchaus eine hohe Präsenz haben, so in Bayern, Wien oder Heidelberg.
Es gab in der Geschichte der Korporationen immer wieder Versuche der Einigung über alle Verbände hinweg. So gab es das „Erlanger Verbändeabkommen“ von 1921, das die Gleichwertigkeit schlagender und nichtschlagender Verbände feststellte. 1987 wurde dann das „Bonner Verbändeabkommen“ geschlossen, das eine Zusammenarbeit von damals 26 Verbänden besonders in der Hochschulpolitik beschloss. Diese Zeiten sind heute vorbei, auch der 1950 gegründete „Convent Deutscher Akademikerverbände“ vertritt 2016 gerade noch vier Verbände.
Man kann heute von einer Differenzierung und einer Konsolidierung der Korporationen in Deutschland sprechen:
- Die Deutsche Burschenschaft hat ihren liberalen Flügel verdrängt und strebt mit ihrer völkisch-nationalen Ideologie nach politischer Macht, so wie sie in Österreich mit der FPÖ für Burschenschafter bereits zur Verfügung steht.
- Sogenannte „unpolitische“ Verbände wie der katholische CV und der schlagende Corps-Verband KSCV haben in den letzten Jahren wieder mehr Nachwuchs. Sie scheinen einerseits von einem gesellschaftlichen Trend der Jugend hin zum Konservatismus zu profitieren, andererseits auch von ihrer Abgrenzung gegen die DB. Diese Verbände vernetzen sich zunehmend mit wirtschaftlichen und Hochschul-Akteuren.
- Alle großen Korporations-Verbände vertreten in Presse- und Bildungsarbeit neurechte Diskurse. Besonders ist hier die Anti-Gender-Ideologie zu nennen, die gerade vom CV und der katholischen Kirche lanciert wird. Weiter stehen „political correctness“ und Kritik an der Europäischen Union auf der Agenda, letztere unter den Schlagworten „Subsidiaritätsprinzip“ und „Europa der Vaterländer“.
- Besonders die Deutsche Burschenschaft, aber auch einzelne Corps-Studenten, haben in der 2013 gegründeten „Alternative für Deutschland“ ihre politische Heimat gefunden. Dort vertreten sie mit der „Patriotischen Plattform“ den völkischen Flügel der weit rechts stehenden Partei.
Zunächst bespielen sie aber nach wie vor den vorpolitischen Raum. Die Corps etwa – dem „Toleranzprinzip“ hinsichtlich politischer Einstellungen verpflichtet – vergeben in Karlsruhe, Würzburg und Freiburg eigene Preise an Studienarbeiten, die wohlwollend seitens der Hochschulen aufgenommen werden. Es gibt auch Ansinnen „Patenschaften“ für ganze Hochschulen zu übernehmen.
Ideologisch vertreten auch die Corps die Idee eines „Europa der Vaterländer“, wobei es sich dabei nicht um ein völkisches Konstrukt handelt. Eine „große Nation“ Deutschland solle vor allem wirtschaftliche Macht entfalten, was dem Modell der „Leistungselite“ entspricht, das die Corps vertreten. Nach Angaben des KSCV werde ein Engagement bei den Corps besonders beim Deutschland-Stipendium gewertet. Mit Andreas Mölzer und Albrecht Jebens gehören auch Personen des rechtsextremen Spektrums dem Verband an.
Der CV als mit Abstand größter Korporationsverband kümmert sich vor allem um Biopolitik und gesellschaftliche Vernetzung. So ist die Bewahrung der heterosexuellen Ehe mit Reproduktionsfunktion ein zentrales Thema der Verbindungspresse, wie kaum anders bei einem katholischen Verband zu erwarten gewesen wäre. Weiter ist der CV ein starker Vertreter der katholischen Anti-Gender-Bewegung.
Steigende Rezeptionszahlen, also Neumitgliederzahlen, ändern zwar nichts an dem Gesamtverlust von Mitgliedern im CV. Jedoch scheint es auf Seiten von Studierenden ein steigendes Interesse an katholischen Studentenverbindungen zu geben. In der CV-Presse kommen korporierte Politiker, Kirchen- und Wirtschaftsvertreter ausgiebig zu Wort. Ein Schwerpunkt der letzten Jahre war die Energiewirtschaft. Angesichts zahlreicher regionaler Wirtschaftszirkel und Empfänge bei Politikern, v.a. in Bayern, kann man hier von einem ausgedehnten Netzwerk ausgehen, in das die Korporierten eingebunden sind. Viel Gehör finden auch die kirchlichen Organisationen Pius-Bruderschaft und Legionäre Christi.
Im Verband werden auch Theorien der „Konservativen Revolution“ rezipiert, sowie einwanderungsskeptische Positionen, die sich teilweise ausdrücklich an die Pegida-Bewegung anlehnen. Diese „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ polemisieren vor allem gegen Muslime.
Es sind deutlich nationalistische Züge in Artikeln und Tagungen des CV zu finden. So werden etwa Veröffentlichungen der großdeutsch und geschichtsrevisionistisch orientierten „Paneuropa-Union“ rezipiert. Beim „Wartburggespräch“ 2014 wurde dann vor einer „Bedrohung“ Europas u.a. durch religiöse Pluralisierung – also durch den Islam – gewarnt. Demnach müsste der „monokulturelle Sockel“ in der Identitätsfindung gegenüber dem Islam gestärkt werden. (Academia 6-2014, S. 51)
Durch einzelne Personen wie Alexander von Stahl und Felix Krautkrämer sind CV-Korporierte Bindeglieder zum Junge-Freiheit-Kreis sowie neurechten Organisationen wie „Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft“, die wiederum Plattformen für rechtsextreme Protagonisten sind.
Die größeren Strukturen der Korporationen haben sich also trotz – oder gerade wegen – der Spaltung der Deutschen Burschenschaft erhalten, vertieft und ausgeweitet. Trotz allfälliger Abgrenzungen sind die großen Verbände ideologisch und personell an einer nationalkonservativen Bewegung beteiligt, der sich seit 2013 auch parteipolitisch Bahn bricht, nämlich in Form der „Alternative für Deutschland“ (AfD). Hier finden die genannten Themen von Nationalismus, Wirtschaftschauvinismus, Einwanderungs- und Muslimfeindlichkeit, Demokratie-, Medien- und Europakritik, sowie eine antifeministische Agenda ein breites und öffentlichkeitswirksames Forum.
Einer inoffiziellen Liste zufolge könnte es um die hundert korporierte AfD-Mitglieder geben, die meisten davon in Burschenschaften. Mit der „Patriotischen Plattform“ sind Burschenschafter und ein Corps-Student an der völkisch-nationalen Ausrichtung der Partei weg von einem nationalliberalen Kurs beteiligt. Immer wieder tritt dabei die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn an wichtigen Positionen auf, so wie sie auch im Inneren der Deutschen Burschenschaft stets rechtsnationale Wortgeberin war.
Doch auch ein Marcus Pretzell vom Corps Saxo-Borussia Heidelberg steht für einen rechten Kurs der AfD – er war im Frühjahr 2016 etwa wegen Äußerungen zum möglichen Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge aus seiner Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformisten (EKR) im EU-Parlament ausgeschlossen worden.
An den deutschen Hochschulen gibt es einige Anstrengungen um Gruppen der AfD zu gründen, die durch einzelne Veranstaltungen und deren Gegenproteste Aufsehen erregen. Der Burschenschafter Lars Steinke, der sich hier etwa in Göttingen exponiert, steht für die „Patriotische Plattform“ – und damit einen äußerst rechten Kurs in der AfD.
- ADV Felicia: Über Uns. Quelle: http://advfelicia.de/portrait_ueberuns.php, Stand 10.05.2016
- Baum, Rolf-Joachim (Hg.): „Wir wollen Männer, wir wollen Taten!“ Deutsche Corpsstudenten 1848 bis heute. Berlin 1998
- Beikler, Sabine: Czaja entlässt Staatssekretär Büge, 13.05.2013, Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/wegen-mitgliedschaft-in-burschenschaft-gothia-czaja-entlaesst-staatssekretaer-, Stand 22.04.2016
- Brandt, Harm-Hinrich et al. (Hg.): Der Burschen Herrlichkeit. Geschichte und Gegenwart des studentischen Korporationswesens. Würzburg 1998
- Convent Deutscher Akademikerverbände: Studentenverbindungen beklagen steigende linksextreme Gewalt, 31.05.2012, Quelle: http://www.akademikerverbaende.de/pm_gewalt_gegen_korporationen_v_3152012.html, Stand: 28.04.2016
- CV-Sekretariat: Academia. Zeitschrift des Cartellverbandes der Katholischen Deutschen Studentenverbindungen, Bad Honnef, Ausgabe 6-2014
- Deutsche Burschenschaft: Tagungsunterlagen Altherrentag 2007 (nicht veröffentlicht)
- Elm, Ludwig et al. (Hg.): Füxe, Burschen, Alte Herren. Studentische Korporationen vom Wartburgfest bis heute. Köln 1992
- Friedmann, Jan: Rebellen in Schwarz-Rot-Gold, 20.02.2007, Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecialgeschichte/d-50620303.html, Stand 10.05.2016
- Grün, Bernhard et al. (Hg.): Zwischen Korporation und Konfrontation. Beiträge zur Würzburger Universitäts- und Studentengeschichte. Köln 1999
- KSCV und VAC, WSC und WVAC (Hg.): Corps-Magazin: deutsche Corpszeitung, Halle a. d. Saale, Ausgaben 1-2014, 2-2014
- Lessing, Theodor: Nietzsche. Berlin 1985
- Netz, Kerstin: Aurea Moguntia. Die Korporationen des CV in Mainz. Erschienen als: Friess-Reimann, Hildegard et al. (Hg.): Mainzer kleine Schriften zur Volkskultur. Bd. 13, Mainz 2001
- Plast, Hans A.: herrschaftszeiten nochmal! Ein Reader zu Studentenverbindungen in Mainz. Mainz, 2001
- Salzborn, Samuel: Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze. Stuttgart 2015
- Schmidt, Birgit: 200 Semester studieren, 26.06.2006, Quelle: http://jungle-world.com/artikel/2008/26/22105.html, Stand: 24.04.2016
- Spiegel Online: Todesfall bei Studentenverbindung: Student bricht in Corpshaus zusammen, 15.11.2012, Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/tod-bei-muenchner-studentenverbindung-student-kommt-ins-krankenhaus-a-867487.html, Stand 10.05.2016
- Allgemeine Burschenschaft: http://allgemeine-burschenschaft.de/, Stand: 25.05.2017