Kritische Replik auf Manuela Schons Artikel „Das Missverständnis um die Intersektionalität – und die Konsequenzen daraus“, veröffentlicht am 19.1.2020 auf dem Blog Störenfriedas (https://diestoerenfriedas.de/das-missverstaendnis-um-die-intersektionalitaet-und-die-konsequenzen-daraus/#comments; zuletzt abgerufen am 30.06.2020, 15:10)

Als Organisator_innen des Vortrags „White Feminism is Racism“ von Hengameh Yaghoobifarah möchten wir uns hiermit zu dem von Manuela Schon verfassten Artikel „Das Missverständnis um die Intersektionalität – und die Konsequenzen daraus“ äußern, der auf dem radikalfeministischen Blog „Die Störenfriedas“ veröffentlicht wurde. Am 16. Januar fand besagter Vortrag an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz statt. Organisiert wurde er durch das autonome AlleFrauenReferat und die Feministischen Bibliothek des AStAs der Uni Mainz. Schons Artikel wurde wenige Tage nach dem Vortrag veröffentlicht und nimmt auf Hengamehs Vortrag sowie auf das von Hengameh thematisierte Konzept der Intersektionalität Bezug. Wir halten es aus mehreren Gründen für absolut notwendig, uns trotz der schon vergangenen Zeit noch zu äußern: In ihrem Artikel verzerrt Schon Hengamehs Äußerungen und legt ihr Aussagen in den Mund, die so nicht getroffen wurden. Darüber hinaus manipuliert und verfälscht Schon das feministische und antirassistische Konzept der Intersektionalität und erfüllt in ihrem Text wichtige wissenschaftsjournalistische Ansprüche nicht.

Bereits formal und sprachlich ist der Text von Schon kaum haltbar und zeigt grobe Fehler auf. Schon zitiert an mehreren Stellen falsch: Sowohl Hengameh als auch Audre Lorde werden wörtlich falsch zitiert, darüber hinaus werden Aussagen von Schwarzen feministischen Theoretikerinnen verzerrt dargestellt oder aus dem Zusammenhang gerissen und somit der Sinn dieser Aussagen aktiv verändert. Des Weiteren beachtet Schon keinerlei Regeln von diskriminierungssensibler Sprache. Sie misgendered Hengameh Yaghoobifarah im gesamten Text. Außerdem wird Schwarz von ihr (als weiße Fremdbezeichnung) klein geschrieben und nicht mit großem S wie von Schwarzen Organisationen und Aktivist_innen gefordert. Gleichzeitig schreibt Schon weiß lediglich in Anführungsstrichen. Diese Wahl der Sprache ist erste Vorbotin von Schons (Un)Verständnis für das Konzept der Intersektionalität. Während Schon weiße Frauen gerne als Individuum sehen möchte, hat sie kein Problem damit, Schwarze Frauen und Frauen of Color zu kategorisieren. Dies suggeriert natürlich, dass es so etwas wie einen Standard gibt, was „die Frau“ ist. Bestimmte Attribute müssen also, so scheint die Annahme, nicht erwähnt werden, denn sie sind „dem Frausein“ quasi inhärent. Hautfarbe, Be_hinderung und Geschlechtsidentität müssen sodann, dies scheint Schons sprachliche Überzeugung, nur dann Erwähnung finden, wenn Frauen nicht weiß, nicht able‑bodied und nicht cis sind, während weiße cis Feministinnen ohne Be_hinderung die Welt einfach beschreiben dürfen, ohne sich selbst dabei im System zu verorten. Deshalb fühlt sich Schon dazu ermächtigt, weiß in Anführungszeichen zu setzen, als gäbe es so etwas wie weiße Frauen gar nicht, – als gehöre der Begriff „Frau“ weißen Frauen. Eine Konkretisierung der Kategorie „Frau“ erscheint in dieser Logik nur dann notwendig, wenn jemand von dieser (weißen) Norm abweicht. Nun dann ist es auch kaum noch überraschend, aber nicht weniger verantwortungslos, dass Schon sich in ihrer Auseinandersetzung mit Intersektionalität ausschließlich auf einen Text einer weißen, US-amerikanischen Radikalfeministin bezieht, Catharine MacKinnon. MacKinnon ist im Gegensatz zu vielen Schwarzen Autorinnen nicht für ihre Arbeit im Bereich der Intersektionalität bekannt.

Nun zu Schons inhaltlicher Kritik an unserer Veranstaltung und Hengameh Yaghoobifarahs Vortrag: In diesem untersuchte Hengameh unter anderem am Beispiel des Kampfes der Suffragetten um das Wahlrecht und #metoo, inwieweit diese als große Errungenschaften inszenierten Bewegungen Schwarze Frauen und Frauen of Color bewusst ausschlossen. Dabei zeigte Hengameh deutlich auf, dass weiße Feministinnen vor allem Politik für weiße Frauen machten, wenn sie ihre eigenen Rollen in der Sklaverei nicht überdachten oder Hashtags von Schwarzen Aktivistinnen kaperten und diese somit unsichtbar machten. Die Ausblendung der Kategorie race in feministischen Kreisen heißt White Feminism. Es ging Hengameh also um die Auflösung des Mythos, dass diese weißen Bewegungen tatsächliche Errungenschaften für alle Frauen schufen. Schons Vorwurf, Hengameh würde es versäumen, auf die Erfolge weißer Feministinnen hinzuweisen, verfehlt also völlig das Thema des Vortrags. Hier ging es um eine machtkritische Dekonstruktion:  Durch ihr Weißsein haben Frauen (auch wenn sie sexistisch unterdrückt werden) Macht und können formen und definieren, was Sexismus, was Unterdrückung und was „die Frau“ ist. In diesen Definitionen werden die Erfahrungen von Schwarzen Frauen oder Frauen of Color nicht mitgedacht. Oder wie die Bürgerrechtlerin und Feministin Sojourner Truth sagte „Bin ich etwa keine Frau*? Ich habe dreizehn Kinder geboren und erlebt, wie die meisten von ihnen in die Versklavung verkauft wurden, und wenn ich um sie weinte, hörte mich keiner außer Jesus!”.

Hengameh machte sehr deutlich, dass nicht alle weißen Feministinnen auch White Feminists sind. Yaghoobifarah forderte mit dem Vortrag vielmehr dazu auf, eigene Privilegien zu hinterfragen. Genau darum ging es auch im Polizei-Beispiel. Schon behauptet, Hengameh habe weißen Frauen nahegelegt, Schwarze Männer oder Männer of Color, die sexualisierte Gewalt ausübten, nicht anzuzeigen oder der Polizei zu übergeben, da die Polizei eine rassistische Institution sei. Hengameh hat nie irgendeine Empfehlung gegeben, sondern lediglich dazu angeregt, darüber nachzudenken, dass man mit der Polizei eine rassistische Institution nutzt. Als weiße Frau trägt man hier Verantwortung und muss verstehen, dass Rassismus dazu führen kann, dass dieser Mann von der Polizei misshandelt oder getötet wird. Das muss nicht heißen, dass weiße Frauen die Polizei nie einsetzen sollen, sie sollen sich jedoch der Macht bewusst sein, die sie als weiße Frauen haben – im Kontext von Polizeigewalt und institutionellem Rassismus.

Schons Aussagen müssen vor ihrem Verständnis von Intersektionalität gelesen werden, denn darin liegt Schons großes Missverständnis und ihre Ignoranz. Sie behauptet, das Konzept der Intersektionalität gehe „von der Ethnie als zentraler Unterdrückungskategorie“ aus. Damit behandelt Schon race und gender als sich angeblich „gegenseitig ausschließende Erfahrungs- und Analysekategorien“ (Zitat Crenshaw) – eine Tendenz, gegen die sich Crenshaws Konzept der Intersektionalität ja ursprünglich wehrte. Bei Intersektionalität geht es gerade nicht darum, soziale Differenzkategorien getrennt voneinander aufzuaddieren. Es geht um das „Zusammenwirken von Race und Gender“ (Crenshaw [Herv. d. Verf.]). Wenn es uns als Feministinnen wirklich um die Abschaffung des Patriarchats geht, dann muss es auch immer um die Abschaffung von Rassismus, Transfeindlichkeit, Klassismus, Be_hindertenfeindlichkeit usw. gehen – denn diese Diskriminierungssysteme wirken zusammen und müssen gemeinsam überwunden werden. Schon glaubt hingegen, dass weiße Frauen der Standard der Unterdrückten im Patriarchat sind, daher definieren diese, was Unterdrückung und Patriarchat sind. Wie Frauen im Patriarchat unterdrückt werden, wird an den Erfahrungen weißer Frauen festgemacht, nicht an den Erfahrungen von Schwarzen Frauen oder Frauen of Color. Wenn es somit in unserem Feminismus nicht auch um die Abschaffung anderer Unterdrückungssysteme wie Rassismus oder Cissexismus geht, dann geht es nicht um die Abschaffung des Patriarchats als Ganzes, sondern lediglich um die Erlangung der gleichen Privilegien und der gleichen Macht, die auch weiße cis Männer innehaben. Für Schon scheinen Kämpfe gegen Rassismus, Transfeindlichkeit usw. jedoch lediglich Nebenschauplätze zu sein, dabei sind sie absolute Notwendigkeiten zur echten Abschaffung des Patriarchats. Audre Lorde fand die besten Worte, als sie sagte: “I am not free while any woman is unfree, even when her shackles are very different from my own.”.

Schon schafft es nicht, anzuerkennen, dass weiße Frauen durch das Patriarchat unterdrückt, aber aufgrund ihres Privilegs des Weißseins gleichzeitig eine machthabende Position im System des Rassismus innehaben. Weder Hengameh noch die von ihr zitierten Schwarzen Feministinnen sprechen Schon ihre Erfahrungen als unterdrückte (weiße) Frau ab – es geht darum zu zeigen, wie Audre Lorde sagt: „Manche Probleme teilen wir als Frauen*, andere nicht.“ Schon jedoch lehnt bereits die Prämisse ab, dass wir innerhalb mehrerer (Diskriminierungs-)Systeme agieren und mehrfach diskriminiert werden können: „Wir wissen, dass es egal ist, wie „weiß“ oder „ökonomisch privilegiert“ wir sind. Dass wir in gleichem Ausmaß Gewalt durch Männer erfahren usw. usw.“. Diese Aussage ist schon faktisch falsch. Das zeigt ein kurzer Blick in Studien und den Aktivismus von trans Personen, Schwarzen und Frauen of Color so wie be_hinderten Frauen. Anscheinend meint Schon, dass Menschen, die in einem beliebigen System unterdrückt werden, niemals Machthabende in einem anderen System sein können. Nehmen wir das Beispiel Arbeitsmarkt und Bildung. Möchte Schon tatsächlich behaupten, dass es keinerlei Bedeutung für den Zugang zum Arbeitsmarkt und zur Bildung hat, ob eine Frau trans oder cis, Schwarz oder weiß, be_hindert oder able-bodied, ökonomisch privilegiert oder benachteiltist? Wir fragen uns, ob Schon dies auch unterschreibt, wenn das nächste Mal ein schwuler Mann etwas Sexistisches sagt oder tut.

Doch damit nicht genug. Schon interpretiert die „Kritik historischer afro-amerikanischer Feministinnen“ am Weißen Feminismus weiter als Aufforderung nach einer „adäquaten Inklusion in die feministische Bewegung“. Gegen solch eine Lesart ihrer theoretischen Schriften hat sich Crenshaw entschieden positioniert: „Die[…] Probleme des Ausschlusses können nicht einfach dadurch gelöst werden, Schwarze* Frauen in eine vordefinierte Analysestruktur einzubeziehen. Da die intersektionale Erfahrung mehr ist als die Summe von Rassismus und Sexismus, kann keine Analyse, die Intersektionalität ausspart, den spezifischen Prozess, der Schwarze Frauen* unterordnet, angemessen adressieren.“ Durch diese Lesart stellt Schon Schwarze Frauen und Frauen of Color völlig passiv dar, dabei sind diese aktive Gestalterinnen, die Feminismen geformt und Theorietraditionen entwickelt haben. Alibihaft führt Schon die intersektionalen Aussagen und Konzepte von Sojourner Truth, Kimberlé Crenshaw und Audre Lorde an, die sie scheinbar selbst nicht gelesen hat oder in ihren Bemühungen für irrelevant hält – anders kann man sich ihre Unwissenheit und Anmaßung im Umgang mit diesen wissenschaftlichen Diskursen nicht erklären. Schwarze Frauen und Frauen of Color arbeiten seit Jahrzehnten an feministischen und antirassistischen Theorietraditionen, begründeten das Konzept der Intersektionalität und entwickelten es in vielen Veröffentlichungen immer weiter. Manuela Schon macht diese Stimmen innerhalb des feministischen Diskurses unsichtbar und deutet deren Aussagen um, ja zentriert sogar eine weiße Stimme zu dieser Thematik, welche (wie Manuela Schon selbst) in ihrer Analyse von Rassismus und Sexismus von den privilegiertesten Mitgliedern einer Gruppe ausgeht: weißen cis Frauen. Schon fühlt sich scheinbar bedroht durch Schwarze Frauen und Frauen of Color, wenn sie das „Kleinmachen ‚weißer‘ Frauen“ als „Resultat der Zentrierung der Ethnizität im Intersektionalitäts-Verständnis“ versteht. Demnach ist Schon der Auffassung, dass Schwarze Frauen und Frauen of Color das feministische Programm verraten, wenn sie Rassismus in feministischen Kontexten ansprechen. Damit trivialisieren sie laut Schon die Unterdrückung der weißen Frau. Dazu passt dann auch, dass Schon sich „als Frau minderwertig und verraten“ fühlt, als eine ihrer Mitstreiterinnen rassistische Gewalt unter anderem gegen Geflüchtete anprangert.

Manuela Schon hat mit ihrem Artikel ein perfektes Beispiel für White Feminism gegeben und dabei ihren eigenen Rassismus enttarnt.

Die deutschen Zitate von Sojourner Truth, Audre Lorde und Kimberlé Chrenshaw stammen aus dem Sammelband Schwarzer Feminismus: Grundlagentexte, herausgegeben von Natasha A. Kelly (Unrast Verlag 2019).

Das englische Zitat von Audre Lorde ist ihrer Rede von 1981 entnommen: https://www.blackpast.org/african-american-history/speeches-african-american-history/1981-audre-lorde-uses-anger-women-responding-racism/ (zuletzt aufgerufen: 30.06.2020, 15:10)